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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-08-01 · Heft 31 (1.8.1882) · p. Seite 506

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 31 (1.8.1882)
Date
1882-08-01
Page
Seite 506 (sequence 2)
Language
German
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Der Darwinismus erkennt nur die Existenz des Stoffes an, und dies bietet die erste Frage dar, die wir an denselben zu stellen haben: woher der Stoff? Schon an dieser Stelle stehey wir an dem Scheidewege, auf welchem wir uns von ihm zu trennen haben. Jener erkennt keine dem Stoffe voranstehende Kraft an, die ihn geschaffen; da sich nun der Stoff nicht selbst geschaffen haben kann, so vermag der Darwinismus auf jene unumgängliche Frage nicht zu antworten, und er begnügt sich zu sagen: der Stoff ist einmal da, er ist Thatsache — ob wir diese erklären können' oder nicht, ist gleichgültig. Man würde ihm dies Nachsehen können, wenn er bei der Anschauung der puren Naturwissenschaft, nur die durch Wahrnehmung und Beobachtung erkannten Thatsachen als solche zu ihrem Gegenstände zu nehmen, konsequent stehen bleiben würdet Da gerade er jedoch überall eine Erklärung geben und aus den Beobachtungen eine Theorie entwickeln und erweisen will, und hierzu seinen Atavismus, seinen Kampf ums Dasein, seine Zuchttheorie u. s. w. ins Feld führt, so müssen wir in jener ersten Frage die erste Unzulänglichkeit des Darwinismus erkennen. Hieran schließt sich die zweite Frage: woher ist der erste Anstoß der Bewegung gekommen, die aus der Molecule des Stoffes die Zelle bildete, der Zelle die Kraft der Fortbildung verlieh, und diese Fortbildung zu bestimmter Gestaltung in der mannigfaltigsten Weise, zu der unendlichen Reihe der Wesen zu führen? Auch hier vermag der Darwinismus keine Antwort zu geben; auch hier muß er bei der bloßen Thatsache stehen bleiben, welches Geständniß im Grunde doch nur das Vorhandensein einer Kraft, einer Schöpferkraft enthält, die der Darwinismus nur aus materialistischer Neigung willkürlich leugnet. Wir sehen hieraus, daß der Darwinismus die Metaphysik nicht um einen Schritt weiter gebracht hat, als sie schon in der griechischen Philosophie, namentlich bei Aristoteles, gekommen war, welche die Ewigkeit des Stoffes und der Bewegung unaufhörlich ventilirte, und Aristoteles sah sich dadurch zur Aufstellung seines Gottesbegriffes gebracht, welchen er ziemlich auf die Hervorbringung der ersten Bewegung beschränkte. So weit zu gehen kann sich der Darwinismus nicht entschließen. Die nächste Frage gilt der Existenz der organischen Wesen, zu welchen der Uebergang aus der anorganischen Natur für den Darwinismus unerklärlich bleibt, weil er eben eine schöpferische Kraft voraussetzt, welche die Entwickelungstheorie des Darwinismus nicht einräumen; will. Daß dieser Uebergang, daß die Zeusratio aequivoca nicht nachweisbar ist, muß auch der Darwinismus eingestehen. Er hilft sich, indem er meint, wenn wir diese Entwickelung des Organischen ans dem Anorganischen noch nicht Nachweisen können, so könnte dies doch der Zukunft Vorbehalten sein, jedenfalls wäre sie denkbar und könnte also einstweilen hypothetisch angenommen werden. Daß btef^ Ausflucht jedes naturwissenschaftlichen Charakters entbehrt, daß sie nichts als willkürliche Annahme ist, erkennt jeder Unbefangene und erweist abermals die Unzulänglichkeit dieser Theorie. Ebenso unerwiesen ist die Behauptung des Darwinismus, daß alle geistigen Kräfte in den Thieren vorhanden seien. Es bedarf dieser Behauptung, um die Entwickelung des Menschen aus den Thieren, die Abstammung desselben von den Thieren annehmen zu können. Ja, er versieigt sich zu der unerweisbaren Behauptung, daß die Thiere auch Selbstbewußtsein besäßen. Solche Behauptungen erweisen aber nur die Schwäche, die Hinfälligkeit der ganzen Theorie. Das Gebiet der Psychologie ist zu einem Tummelplatz der Phantasterei geworden. Je tiefer man früher die Thiere in Bezug auf geistige Kräfte setzte, desto höher heben die Darwinisten sie auf der geistigen Stufenleiter. Jeder Thätigkeit der Thiere insinuirt man gegenwärtig menschliche Motive, Zwecke, Absichten und logische Gedankenfolge. Es ist schwer, hierbei nicht satirisch zu werden. Dennoch gelingt es allen Bemühungen dieser phantasiereichen Thierbeobachter nicht, die geistigen Kräfte der Thiere als über die rudimentäre Stufe hinausgehend unzweideutig nachzuweisen, irgend eine längere Reihe logisch aus einander folgender Handlungen und eine auf geistigem Grunde ruhende Fortbildung zu eruiren. Daß in den Thieren von einem sittlichen Bewußtsein die Rede sein kann, von Pflichtgefühl und Pflichtbewußtsein, behaupten kaum die extremsten Jünger des Darwinismus. Stets würden bis auf geringe Ausnahmen die Tätigkeiten und Handlungen, selbst der höchst organisirten Thiere auf das Unbewußte zurückzuführen sein. So, um mür ein Beispiel anzuführen, wenn Insekten ihre Eier in die Blätter von Sträuchern einsenken, von welchen sie selbst niemals genießen, die aber den Larven zur Nahrung dienen, so kann man dies unmöglich auf ein Bewußtsein zurückführen, da ihnen jede Erfahrung über die Genießbarkeit dieser Blätter fehlt. Wir werden vielmehr annehmen müssen, daß für sie diese Blätter bei ihrem Eierlegen irgend eine sinnliche Anziehung besitzen, durch welche sie zu diesem Geschäfte gerade auf diese Blätter gezogen werden. Nun, auch die Darwinisten und Darwinianer erkennen die Geisteskräfte des Menschen als höhere an; sie stellen wirklich einen Aristoteles nicht mit einem Elephanten, einen Laplace mit einem Orangutang, einen Michel-Angelo mit", einem Biber, einen Beethoven mit einer Amsel, etiteit Richelieu mit einer Ameise auf eine und dieselbe Linie. Aber ffie schreiben die höheren Kräfte des Menschengeistes auf Rechnung seines größeren und feineren Gehirns. Niemand wird leugnen können, daß das Geistesleben und die Geistesthätigkeit des Menschen völlig verschieden, ja entgegengesetzter Art ist, wie das Leben und die Thätigkeit des Körpers. Wir haben be-

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