Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1882)
- Date
- 1882-07-25
- Page
- Seite 497 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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sellschasten Europas auf, zu bestätigen, daß die Juden kein Blut zu rituellen Zwecken benutzen. Die durch Jstoczy und Onody heraufbeschworene Gährung dauert fort. In Papa kam es zu unliebsamen Ausschreitungen und hat die Aufregung einen hohen Grad erreicht, da die untersten Schichten der Bevölkerung sich überaus bedrohlich äußern. Am vorigen Mittwoch erschienen drei Studenten der Theologie mit Knitteln bewaffnet im Weinberge des dortigen Rabbiners, um denselben zu mißhandeln. Nach allen Vorkehrungen zur Hintanhaltung weiterer Unruhen wiederholten sich die Tumulte mehrere Nächte. Man erwartet, daß die Regierung Militär nach der Stadt beordern werde. Auch in Steinamanger kam es bei dem zu Ehren des neuinstallirten Obergespans veranstalten Fackelzuge zu bedauerlichen Ausschreitungen; die Fensterscheiben und Laternen der Synagoge wurden mit Steinen eingeworfen. Pest, 6. Juli. Sämmtliche orthodoxen Rabbiner Ungarns hielten gestern hier eine Conferenz ab, in welcher beschlossen wurde, eine Art von Proklamation zu veröffentlichen. Das Schiftstück constatirt zunächst, daß die Agitation gegen die Juden in Ungarn Formen angenommen habe, die ein öffentliches Auftreten dringend erheischen, indem sogar das Märchen vom rituellen Blutopfer wieder aufgetaucht sei. Die Rabbiner haben sich die Aufgabe gestellt, dasselbe gründlich auszutilgen und werden deshalb mit sämmtlichen orientalischen Akademien und theologischen Facultäten Europas in Verbindung treten, um auf diese Weise Aeußerungen nichtjüdischer Gelehrten zu provociren. Deren Berdict werde mit größter Seelenruhe entgegengesehen. Ferner enthält das Actenstück die Aufforderung an die Juden, jede Provocation zu vermeiden und sich ruhig zu verhalten. Es stehe zu hoffen, daß bald wieder schönere Tage und gerechtere Zeiten kommen werden. Preßburg, 6. Juli. Im Verwaltungs-Ausschüsse des Preßburger Comitates kam heute die antisemitische Bewegung in Tyrnau zur Sprache. Alexander v. Vaymar beantragte, der Verwaltungs-Ausschuß möge beim Ministerium anfragen, mit welchem Rechte sich die israelitische Landeskanzlei zu Budapest als Behörde gerirt. Seinen Angaben gemäß sollen nämlich die Tyrnauer Juden sich an diese Landeskanzlei gewendet haben, welche zweimal Eingaben an das Ministerium des Innern und einmal eine Eingabe an den Vicegespan des Preßburger Comitates richtete und solchen Lärm schlug, daß die nur von einigen Landstreichern inscenirte Judenhetze in Tyrnau in den Augen des Auslandes eine Bedeutung bekam, welche Tyrnau öffentlich an den Pranger stellte. — Ueber diesen Antrag wurde eine längere Debatte eingeleitet, bei welcher Gelegenheit der Obergespan Graf Stephan Eszterhazy den Stadthauptmann und stellvertretenden Bürgermeister von Tyrnau, Joseph Kratky, der Unfähigkeit zieh, indem Redner sagte, dieser habe es versäumt, der Bewegung mit der gehörigen Umsicht und Strenge gleich vom Anbeginne her zu begegnen, wodurch erst die Affaire einen ernsteren Charakter annahm. Der Obergespan erklärte, er werde es für seine Pflicht halten, dafür zu sorgen, daß das Bürgermeister-Amt von Tyrnau in berufenere Hände komme. — Nachdem noch Herr Staatsanwalt Leo v. Zbitvay erklärte, daß ihm während seiner ganzen Amtspraxis kein solches friedliches Einvernehmen zwischen Christen und Juden bekannt geworden sei, als eben im gegenwärtigen Jahre, und er namentlich die musterhafte Haltung der Landbevölkerung, welche sich trotz der mannigfachen Hetzereien zu keinerlei Ueberschreitungen verleiten läßt, betont hatte, erklärt Ober- Notär Karl v. Botlo die Motive, welche den auf Urlaub befindlichen Vicegespan veranlaßten, wegen Untersuchung der Affaire sofort nach Tyrnau zu reisen. — Ueber den Antrag Vaymar's wird nicht abgestimmt, nachdem die Majorität augenscheinlich gegen seinen Antrag ist und die Mitglieder des Verwaltungs-Ausschusses ungeduldig Schluß der Debatte wünschen. — Aus Anlaß der Verbreitung antisemitischer Flugschriften in vielen Gegenden des Landes hat der Minister des Innern — wie bereits gemeldet — an die Jurisdiktionen eine Zirkular-Verordnung erlassen, von welcher „Hircsarnok" die nachstehende Analyse veröffentlicht: Die Verordnung weist darauf hin, daß die bestehenden Gesetze und Vorschriften betreffend die polizeiliche Beaufsichtigung des Verkaufs von Preßprodukten durch die Verwaltungsbehörden nicht in allen Jurisdiktionen mit der erforderlichen Pünklichkeit und Strenge befolgt werden; auch in jüngster Zeit werden allenthalben im Wege der Kolportage Karrikaturen und Flugschriften verbreitet, deren Verschleiß, da sie Racenhaß gegen die Juden predigen, behördlich unmöglich gestattet worden sein konnte. In Anbetracht dessen ordnet der Minister an, daß die obenerwähnten Gesetze und Vorschriften in Hinkunft strengstens gehandhabt werden sollen; die Chefs der Lokal-Polizeibehörden seien unter persönlicher Verantwortlichkeit gehalten, die Kolportage der .durch sie zum Verkauf nicht zugelassenen Preßprodukte zu verhindern, solche Druckschriften zu konfisziren und gegen die Verbreiter derselben auf Grund des G.-A. XL: 1879 vorzugehen. Die ersten Beamten der Munizipien seien gleichfalls unter Persönlicher Verantwortlichkeit verpflichtet, darauf zu achten, daß die diesbezüglichen Gesetze und Verordnungen durch alle Organe der Jurisdiktionen gewissenhaft beobachtet werden. Holland. Amsterdam, 29. Juni. Gestern langte hier die Nachricht an, daß der frühere Justizminister Go de fro i am 27. 30