Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1882)
- Date
- 1882-07-25
- Page
- Seite 493 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227424--40063-3257680- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
493 der ungarische Episkopat, der Intoleranz immer fern, auch in der Gegenwart eine sehr lobenswerthe Haltung. Jüngst beging der Primas von Ungarn, der Cardinal Erzbischof vr. Johann Simor sein 25jähriges Bischofsjubiläum. Diesen Anlaß benutzte die Graner jüdische Gemeind?, an den Fürstprimas eine Gratulations-Adresse zu richten, welche derselbe in dem nachfolgenden Schreiben beantwortete: „Löbliche Kultusgemeinde! Für die aus Anlaß meines 25jährigen Bischofsjubiläums am 28. Juni in Ihrer Gratulations-Adresse ausgedrückten Glückwünsche spreche ich Ihnen meinen aufrichtigen Dank aus; möge der Allmächtige baldmöglichst in Erfüllung gehen lasten Ihren Wunsch, daß Ihre Glaubensgenossen in unserm Baterlande durch die Pflege und Ausübung von Recht, Gerechtigkeit und Menschenliebe allgemeine Achtung, friedliches Leben und vollständige Wohlfahrt unbestritten finden mögen. Gran, 5. Juni 1882. Johann Simor, Fürstprimas." Nichts charakterisirt mehr die judenfreundliche Gesinnung des Erzbischofs Joses Samassa von Erlau als das jüngst in Umlauf gekommene Bonmot, das da besagt, es gebe in Erlau blos drei Semiten und das sind: der Ober-Notar, der Gerichts-Präsident und der Erzbischof. Das genirt den Erzbischof-sehr wenig; behaupten doch die Antisemiten, daß auch der Papst Leo XIII. von den Juden gekauft sei. Ueber die Tißa-Eßlärer Affaire spricht sich der Erzbischof unverhohlen aus. Er hält es geradezu für lächerlich, daß der Tißa- Eßlärer Fall von so Vielen mit dem Judenthum identifizirt wird; andererseits bedauert er, daß die Juden selbst den Verlauf der Sache nicht mit der erforderlichen Ruhe abwarten. Die Voraussetzung eines rituellen Mordes würde er als eine Absurdität betrachten, selbst in dem Falle, wenn wirklich der Schächter den Mord begangen haben sollte. Das Judenthum könne mit solcher Mordthat nichts gemein haben. Denn dafür, daß fanatische Schwärmer sich treffen, die die Worte der Religion mißdeuten, dafür dürfe die Religion nicht verantwortlich gemacht werden. In jeder Religion gebe es bildliche Ausdrücke, die mißdeutet, falsch ausgelegt werden können. Auch die katholische Religion ist nicht frei von solchen Ausdrücken und auch für Mißdeutungen treffen sich in ihr Beispiele. So hat Origines, der doch einer der ersten kirchlichen Schriftsteller wardie Worte der heiligen Schrift: „es gebe auch Solche, die sich ihrer Männlichkeit entäußern der Wahrheit zuliebe" wörtlich ausgelegt und sich eigenhändig entmannt. Dies auch der Grund, weshalb Origines trotz seiner klassischen und werthvollen kirchlichen Schriften nicht unter die Kirchenväter ausgenommen werden konnte. Und giebt es .nicht solcher Ausdrücke mehrere in der heiligen Schrift? Sagt Licht die Bibel an einer Stelle: „ Lasset die Todten die Todten gegraben."? Und dennoch — was würde geschehen, wenn MN diesen Satz buchstäblich nehmen wollte? Sollte sich also auch ein fanatischer Schwärmer gefunden haben, der aus religiösem Wahn gemordet hätte, so würde dies noch Niemandem Grund und Recht geben zu religiösen Hetzereien. Auch sei es sehr traurig, wenn durch Christen begangene Unmenschlichkeiten der Menschheit ins Ohr rufen müssen, daß auch die Juden Menschen seien." Dem Beispiele des Episcopats folgen selbstverständlich auch die Diöcesan-Geistlichen. Einzig und allein den Beschwichtigungen des Dechanten in Spenitz ist es zu danken, daß die in diesem Orte ausgebrochene Judenhetze nicht weitere Dimensionen angenommen hat. In eindringlicher und beredter Weise stellte er dem erregten Pöbel das Unsinnige und Verbrecherische eines solchen Treibens vor und stellte die Eintracht wieder her. Zur Geschichte -er russischen Emigration. Es war von Beginn an vorauszusehen, daß die Emigration der russischen Flüchtlinge große Schwierigkeiten mit sich führen werde. Zuerst mußte die Auswahl der zur Emigration Geeigneten mit vielen Mühen verbunden sein; und wenn dann der Transport der Letzteren leichter zu bewerkstelligen war, so konnte die Unterbringung und Vertheilung an den endlich erreichten Bestimmungsorten nur in hohem Grade schwerfallen; andererseits war die Repatriirung eine sehr heikele Aufgabe und zuletzt mußte diese für eine beträchtliche Zahl unmöglich sein und was nun mit diesen anfangen? Hierzu gesellte sich der Unterhalt der in Brody, Lemberg, Eydtkuhnen angehäuften Flüchtlinge, die sänitären Maßregeln, die erforderlich waren. Es wird daher für die Geschichte dieser Emigration von Wichtigkeit sein, Schilderungen aus den verschiedenen Perioden derselben aufzubewahren, um ein Charakterbild des ganzen Unternehmens später entwerfen zu' können. Denn wir brauchen es nicht zu bemerken, daß es nicht etwa Leichtsinn oder einseitige Ansicht waren, welche das Werk dieser Emigration angestiftet hätten. Sie ergab sich von selbst, und die Mitwelt mußte helfend eingreifen, wenn nicht diese Tausende von Flüchtlingen untergehen sollten. Aber dieses Emigrationswerk wird dann auch eine der eigenthümlichsten und hervorragendsten Seiten der neueren Geschichte des Judenthums ausmachen. Wir geben deshalb hier eine Correspondenz der A. A. Z. aus Brody vom 5. Juli wieder, die übrigens mit anderen Meldungen, daß die Zahl der Flüchtlinge in Brody auf 2000 Köpfe gesunken wäre, ln Widerspruch steht. Der letzte Ausweis der Brvdyer Filialen ergab einen Stand von 10,796 Köpfen, nachdem noch wenige Tage vorher der Stand 11,132 Köpfe betragen hatte, so daß inzwischen also 336 Personen repatriirt worden waren. In diesem früheren Stande von 11,132 Köpfen waren verzeichnet: 2994 Männer, 2375 Weiber, 2938 Kinder KAM MR