Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1882)
- Date
- 1882-07-25
- Page
- Seite 492 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227424--40062-3257679- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ruhm zu, mitten in ihrem schweren Kampfe gegen die spanische Despotie, ihre Häfen Und Städte den Flüchtlingen aller Nationen und Confessionen geöffnet und gleiche Rechte bewilligt zu hqben. Das glänzendste Beispiel aber gab die nordämerikänische Union, in welcher fort und fort die Elemente aller Nationen Aufnahme finden, wo sie alsbald in das amerikanische Volk als solches aufgehen. Allerdings nahmen allmälig die Staaten des westlichen und mittleren Europas die Gleichberechtigung als Staatsgrundgesetz an, so daß. gesetzlich alle Ausschließungen und Vorrechte aufgehoben sind. Theoretisch erhielt dieser Sieg seinen Abschluß auf dem Berliner Congreß, welcher die Gleichberechtigung als europäisches Staatsgrundrecht proklamirte. Aber in Wirklichkeit ist dieser Ausschließungsgeist noch lange nicht gebannt. In den Ländern, welche von einer Bevölkerung verschiedener Nationalitäten bewohnt werden, macht sich die Ausschließung noch in mannichfacher Weise geltend, namentlich in Sprachenzwang und ist neuerdings die Rivalität, ja der Haß der verschiedenen Nationalitäten leidenschaftlich gesteigert, so daß gegenseitige Ausschließungen an der Tagesordnung sind. .Aber überall schließt sich noch der höhere Adel vom niederen, schließen sich beide von den Bürgerlichen, schließen sich diese in den einzelnen Klassen und Kasten untereinander und von der bäuerlichen Bevölkerung ab. Immer wieder streben diese einzelnen Klassen und Kasten nach Vorrechten für sich, welche auf Ausschließung Anderer z. B. im Gewerbebetriebe, ausgehen. Stellten doch noch 1863 die Cncyclica und der Syllabus des Papstes Pius IX. die bürgerliche Ausschließung der Nichtkatholiken als Grundsatz auf und verurtheilten die Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen als Werk des Teufels, und das vatikanische Conzil bestätigte feierlich, den Syllabus. Man braucht ja nur darauf hinzudeuten, wie sehr dieser Ausschließungstrieb in der Schule, in der Tagespresse, in der Literatur, im geselligen Leben und in den religiösen, nationalen und politischen Parteikämpfen heraufbeschworen, genährt und bestärkt wird! Es giebt Zeiten, wo die öffentliche Meinung diesem verfolgungssüchtigen und unheilstiftenden Geiste Stillschweigen auferlegt, und sich selbst die Parteien, welche ihn grundsätzlich hegen und zu ihrem Nutzen ausbeuten, schämen oder doch scheuen, ihn öffentlich zu bekennen. Sobald aber die Wogen des öffentlichen Lebens höher gehen, aus irgend einer Weltgegend ein Sturm losgebrochen ist, der die Menschenwelt aufregt, so dringt auch jener Ausschließungsgeist wieder hervor und im Wirbel des Streites und in der Verwirrung der Verhältnisse versteht er es, seine Stimme wieder vernehmbar und laut zu machen und die einmal erregten Leidenschaften zu benutzen, sich wieder Geltung zu verschaffen. Er erwählt sich hierzu irgend ein Opfer, gegen welches alte Vorurtheile, alte Jrrthümer, alte Gehässigkeiten in der Volksseele vorhanden sein möchten. Diese ruft er auf, verstärkt sie mit neuen, scheinbaren Motiven, mit Lügen und Uebertreibungen aller Art, und man sieht erstaunt und überrascht mit einem Male Dinge wieder vor sich gehen, die man längst für überwunden und verlebt hielt, weil man eben nur auf die jüngstvergangene Zeit zurückblickt. Die Geschichte constatirt also den seit uralter Zeit wirksamen Ausschließungstrieb im Menschen und den Kampf, welcher seit Jahrhunderten gegen ihn geführt wird, mit großen Erfolgen, aber noch lange nicht mit vollem Siege. Zu den historischen Objekten, welche diesem Ausschließungstriebe gegen Alles, was „anders" ist oder scheint, immer wiederholt zum Gegenstände dienten, gehören insbesondere — die Juden. Seit dem vierten Jahrhundert der gew. Zeitr. haben sie ihre Existenz gegen ihn, gegen seine Anstrengungen, sie zu vernichten, oder doch sie aus allen Kreisen des Lebens auszuschließen, zu vertheidigen. Sie haben es stets in passiver Weise gethan, aber ausdauernd, Alles ertragend und ihre Kraft in diesem Widerstand bewährend. Endlich kam ihnen der Geist der Freiheit und der Gleichheit, der Geist der Humanität und des Rechtes zu Hülfe und sichertechnen ihren Platz, im allgemeinen Cultur- und im Staatsleben. Aber jener Ausschließungstrieb ist darum noch lange nicht ausgerottet, schlummert noch ün zahllosen Geistern und wird deshalb noch lange hin in der Zeiten innerer bürgerlicher Kämpfe und erregter Leidenschaften immer wieder gegen sie geweckt werden können. Daß er sich dann nicht blos in der Fluth von Schimpfereien, Flugschriften und Pamphleten oder in oberflächlichen Kränkungen ergehen wird, sondern unter begünstigenden Umstanden zu blutigen Verfolgungen anschwellen kann, hat die jüngste Zeit erwiesen. Sie hat aber auch erwiesen, daß der Geist der Humanität und des Rechts dies nicht mehr stillschweigend hinnimmt, daß er für die Verfolgten eintritt, daß er die Lüge entlarvt, die Bosheit entwaffnet, und die Werkzeuge der Agitation mit Verachtung in den Staub wirft, aus welchem sie sich erhoben hatten, und daß er jemehr an Kraft und Energie gewinnt. Der ungarische Episkopat und die Juden. Pest, 10. Juli.. Die Geschichte wird das Jahr 1882 als das Jahr der Judenhetzen verzeichnen, sie wird aber ein dankbares Blatt allen denjenigen widmen, welche in den Tagen der Prüfung den Juden schützend und helfend zur Seite standen, ganz besonders den Kirchenfürsten, welche, eingedenk ihrer hohen priesterlichen Aufgabe, ihre Stimme für allgemeine Menschenliebe erhoben und durch ihr Wort den Frieden unter den Confessionen genährt haben. Dem Beispiele des Papstes Leo XIII. folgend, bewahrt