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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-07-25 · Heft 30 (25.7.1882) · p. Seite 490

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 30 (25.7.1882)
Date
1882-07-25
Page
Seite 490 (sequence 2)
Language
German
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und an die öffentliche Meinung. Jene mußten sich als Glieder des Volkes und des allgemeinen Culturlebens bewähren und" diese mußten thatsächlich sie hierin fördern, oder doch ihnen nicht entgegentreten. Beides ist in einem genügenden Maaße geschehen. Die Juden strebten in allen Zweigen des öffentlichen Lebens, in Wissenschaft, Kunst und Literatur, in Industrie, Handel und Gewerbe sich als tüchtige Glieder der Gesammtheit auszubilden und zu bewähren, in Leid und Freund, in Kampf und Sieg als Söhne des Vaterlandes zu erweisen, und in der Theilnahme eines großen Theiles ihrer Jugend an den höheren Lehranstalten auch für die Zukunft dieser Bestrebungen zu sorgen. Die öffentliche Meinung aber erkannte diese Tendenz willig an, indem sie bei allen staatlichen und städtischen Wahlen würdige und befähigte Juden mit ihrem Vertrauen beehrte, und auch in geselligem Verkehr schien sich der Ausgleich immer mehr zu vervollständigen. Hervorzuheben ist, daß diese beiden Jahr-' zehnte zugleich die Herrschaft des Liberalismus bekunden. Was die vorher mächtige Reaktion so lange aufgehalten, und so sehr sie auch die Verwirklichung jenes Grundgesetzes zu verkümmern bemüht war; in den sechziger und siebenziger Jahren war sie aus der Staatsgewalt verdrängt. Da war es, daß mit dem Jahre 1879 eine tiefgehende Wandlung eintrat. Die Begründung des deutschen Reiches und die des Dualismus in Oesterreich-Ungarn war mit Hülfe des Liberalismus gelungen — man erinnere sich nur an das allgemeine Stimmrecht, an den vollgültigen Constitutionalismus — die neue Gesetzgebung in allen Zweigen des öffentlichen Rechts und der staatlichen Institutionen war mit Hülfe des Liberalismus geschaffen. Hiermit hatte er seine wesentlichsten Dienste geleistet. Es waren aber auch während derselben Zeit große Krisen, ja Katastrophen eingetreten, welche namentlich Deutschland und Oesterreich hart Mitnahmen und Finanz und Industrie bis an den Rand des Abgrundes drängten; es waren Conflicte entstanden, einerseits der Kulturkampf als Conflict des Staates mit der Kirche, der Sozialismus als Eonflict zwischen den Besitzenden und Besitzlosen, den Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Diese Krisen und Conflicte brachten um so eher die vorhandenen Gegensätze aus ihrem Scheinfrieden zum Bewußtsein, zum Ausdruck und zur Thätigkeit. Freihandel und Schutzzoll, directe und indirekte Besteuerung, Gewerbefreiheit und Gewerbebeschränkung, Agrarier und Industrielle, Selbstverwaltung und Centralisation, alle diese wichtigen Momente des Volks- und Staatslebens traten zum Kampfe gegen einander auf. Ein Jutereffen- und Klassenstreit machte sich nach allen Seiten geltend. Hiervor konnte der bisherige Liberalismus nicht Stand halten; er vermochte jene weder zurückzuschlagen noch auszugleichen, und so kam der , bis dahin ohnmächtige Hochconservatismus - wieder zu Kräften, zu einer momentanen Obmacht. Unter, diesen Auspizien entstand auch eine Agitation, welche zu Gunsten der Raktion die Gleichberechtigung der Juden, als einen Ausfluß des Liberalismus zu beseitigen, dieselben aus ihren Lebensstellungen wieder zurückzudrängen und sie wieder in die schmählichsten Beschränkungen hineinzudrängen beabsichtigte, und sich antisemitisch nannte. Indem sie den Liberalismus und die bürgerliche Rechtsstellung der Juden zu identifiziren suchte, wollte sie jenen dem Volke widerwärtig machen, und ihn so mit diesen zusammen zu Boden zu schlagen. Zu diesem Ende war es ihre Aufgabe, nicht blos die alten, fast eingeschlummerten Vorurtheile wieder zu Wecken, sondern noch mehr, den bittersten Haß gegen die Juden im Volke anzufachen, indem sie diese als die Urheber aller jenes, bedrückenden Umstände, als Ausbeuter, als nach der Herrschaft über das christliche Volk strebend und diese Herrschaft bereits erlangt habend, zugleich als Feinde des Christenthums und der Kirche zu brandmarken. Daß diese Agitation die möglichsten Anstrengungen gemacht hat, daß sie in maßgebenden Kreisen Gönner fand, so daß ihr wenigstens kein Einhalt gethan, keine Mäßigung auferlegt wurde, daß ihr auch'sehr reichliche Geldmittel zu Gebote gestellt wurden, daß es ihr gelang, eine Masse Köpfe, namentlich auch der Jugend für ihre Ansichten und Urtheile zu gewinnen, namentlich in den untersten Klassen eine starke Aufregung -zu schaffen, so daß daraus die größten Gefahren für den Staat und die Gesellschaft entsprangen — dies Alles ist noch zu neu, und in der Erinnerung Aller,' als daß wir es mehr als anzudeuten brauchen. Zunächst muß sich uns die Frage aufdrängen: was ist denn das wesentliche Element dieses Antisemitismus d. h. dieses feindseligen Geistes gegen einen friedfertigen und wehrlosen Theil des Volkes? Alle Motive, die von den Antisemiten geltend gemacht wurden, und bald mehr, bald weniger Zu-, stimmung fanden, haben sich als unwahr oder nur als theilweife begründet erwiesen. Die Juden haben sich zu einem großen Theile dem Volke, in dessen Mitte sie leben, assimilirt und geben immer mehr von ihren Eigenthümlichkeiten auf; die Juden sind keine Fremde, denn sie wohnen in den Ländern seit vielen Jahrhunderten, zum Theil früher, als die in diesen eingedrungenen Volksstämme. Die Juden sind national, denn sie nehmen an der nationalen Bildung, an allen Pflichten und Aufgaben des nationalen Lebens einen vollen Äntheil. Was die materiellen Interessen betrifft, so haben sie deck Fortschrttt derselben nach ihrem Verhältniß gedient, wie alle übrigen, und woran jene leiden, darunter leiden sie in gleichem Maaße und daran haben sie nicht die geringste Schuld mehr, als die übrigen. Das Gleiche gilt von den geistigen Interessen. Es ist eine Lüge, daß sie Feinde des Christenthums seien; nicht sie haben den Unglauben, den Materialismus, den Krieg gegen die positive Religion geschaffen und gefördert, da jene

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