Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1882)
- Date
- 1882-07-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Leitung des Äudmthums. Ein nn-arteWes Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. Expedition und Verlag: Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis Vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) und- Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr.L.PHllippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 46. Jahrgang. Leipzig, den 25. Juli 1882. No. 30. Inhalt. Leitende Artikel: Der gegenwärtige Antisemitismus in seiner geschichtlichen Bedeutung. — Der ungarische Episkopat und die Juden. — Zur Geschichte der russischen Emigration. — Die ägyptische Krise. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Leipzig, Hannover, Bremen. — Oesterreich-Ungarn: Aus Ungarn, Pest, Preßburg. — Holland: Amsterdam, Haag. Dänemark: Kopenhagen. — Frankreich: Paris. — Italien: Aus Oberitalien. — Rußland: Petersburg, Warschau..— Rumänien: Jassy. — Amerika: New-Aork. — Holländisch Amerika: Cura?ao. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Die Ruinen einiger alten Synagogen in Palästina. XetlimOe * Bonn, 19. Juli. Der gegeiiwärtige Äntisrmitismus in seiner geschichtlichen Sedrutung. Nachdem der Antisemitismus in einigen Theilen des preußischen Staates sich erhoben hatte, dann nach Rußlands übersprang und hier schauerliche Orgien feierte, endlich nach einem vereitelten Versuche in Wien nach Ungarn wanderte, und daselbst seinen letzten Trumpf, die Blutlüge, ausspielte, läßt es sich nicht verkennen, daß er für unsere Zeitgeschichte als eine zwar vorübergehende, doch bedeutsame Erscheinung betrachtet werden muß. Ist nun auch in Preußen seine Rolle zu Ende gegangen, mußte nothwendig in Rußland eine Wendung eintreten, wenn nicht die ganze staatliche Organisation zusammenbrechen sollte, wird auch in Ungarn bald eine Ernüchterung sich gellend machen: so können wir um so ruhiger daran gehen, diese unerwartete und doch plötzlich so umfangreiche Erscheinung von geschichtlichem Standpunkte, also in seiner geschichtlichen Bedeutung zu erwägen. Unsere Leser wissen, daß wir gegen die Bezeichnung „Antisemitismus", als sie in Deutschland aufkam, protestirten und sie, da sie den Schein der Wissenschaftlichkeit vor sich hertrug, als einen Schandsteck der deutschen Wissenschaft anklagten. Sollte mit diesem klingenderen Worte doch nur der ganz gemeine Judenhaß verdeckt und der öffentlichen Meinung insinuirt werden, daß es nur einen Kampf gegen die Raffe gelte, daß man mit ihm auf nationalem Boden stehe. Wollte man etwa zugleich von Deutschland aus den Arabern, der einzigen noch übrigen semitischen Völkerschaft den Krieg erklären und sie bekämpfen, indem , man die deutschen Juden zu vernichten strebte? Denn daß der in Europa in ähnlicher Weise hervorgerufene Haß gegen die Türken nicht damit in Verbindung. gebracht werden konnte, lag auf der Hand, da ja diese der mongolischen Rasse angehören und die Brüder der Magyaren und eines großen Theiles der russischen Bevölkerung sind. Aber das Wort hat sich bei Feind und selbst bei Freund eingebürgert, und da behalten wir es der Kürze wegen vorläufig bei. Dieser modernste Antisemitismus ist von jüngstem Datum und zählt kaum drei Jahre. Ihm ging eine Periode von ganz entgegengesetztem Charakter voraus, nämlich die Zeit des Erringens der Emanzipation der Juden, d. h. des Staatsgrundgesetzes der bürgerlichen Gleichstellung aller Staatsangehörigen. Haben auch die Juden selbst, besonders in Deutschland und Preußen den Kampf um dieses höchste bürgerliche Gut unermüdlich mitgekämpft, so-war doch der Heereszug ein allgemeiner und hätte sonst auch nicht zum Siege gelangen können. Erst mit 1860 kann man jenes Grundgesetz als in Deutschland, Preußen und Oesterreich vom Staate anerkannt ansehen, und zwei Jahrzehnte galt es, die Verwirklichung desselben zu erstreben. Natürlich war dies eine Forderung, die nicht blos an den Staat, an dessen Gesetzgebung und Verwaltung gestellt werden konnte, sondern auch an die Juden,