Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1882)
- Date
- 1882-07-18
- Page
- Seite 484 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227423--40053-3257669- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Großbritannien. London, 30. Juni. Das Mansion-House Eomitä zur Unterstützung flüchtiger russischer Juden hat bis jetzt bereits nahezu 8000 'dieser Unglücklichen nach Amerika, meistens nach den Vereinigten Staaten und Canada, gesandt. Die Zahl der flüchtigen Juden in Brody beträgt jetzt nur noch 2000 und beschloß das Comitä, die Zahl der nach Amerika zu sendenden jüdischen Flüchtlinge allmählich zu reduciren. Zur Unterstützung weiterer Auswanderer wurden 20,000 Lstr. bewilligt, und ward geschlossen, da die Mittel des Comitös auf die Neige gehen, einen Aufruf für weitere Geldbeiträge zu erlassen. Italien. Rom, 2. Juli. (Privatmitth.) Das Municipium hat beschlossen, daß das Ghetto von der Erde verschwinde! Es gehört zum Plane des Neu- und Umbaus Roms, das ganze verfallene, der Tiberüberschwemmung regelmäßig ausgesetzte, miasmatische Viertel niederzureißen. Nun, zu bedauern ist dies nicht. Die Schmach Roms, bis auf die neuere Zeit die Juden in dieses abscheuliche Quartier eingebannt zu haben, eine Schmach, die allerdings weniger die Stadt als deren frühere Beherrscher trifft, braucht keine sichtbaren Denkmäler, sie ist auf die Tafel der Geschichte genugsam verzeichnet. Das Verschwinden des römischen Ghetto's äst vielmehr ein schönes Symbol des neuen Italiens! — Da Sie noch einige Zweifel hegten, bemerke ich Ihnen, daß auch die Unita Cattolica, dieses offiziöse klerikale Blatt, berichtete, daß der Papst eine Breve an die katholischen Bischöfe derjenigen Länder gerichtet hat, wo unsere Glaubensgenossen verfolgt werden; er verpflichtete sie, alle Mittel anzuwenden, und alle Anstrengungen ins Werk zu setzen, damit sich diese traurigen Scenen nicht erneuern. Da der Papst noch immer ein Souverän, ist,, so zeichnet er sich durch diesen Akt unter allen europäischen Fürsten als derjenige aus, der direkt gegen die Judenverfolgungen protestirte und offizielle Schritte that. Rußland. Petersburg, 29. Juni. Der vom Grafen Tolstoi erlassene Befehl hat den Excessen gegen die Juden doch noch kein Ende gemacht. Der „Golos" brachte am Dienstag die Meldung, daß in Podolien, Gouvernement Kamenetz-Podolsk, Kreis Balta, in der Ortschaft Okna in der Nacht vom 26. zum 27. d. M. heftige, gegen die Juden gerichtete Unruhen losbrachen, Buden und Wohnhäuser geplündert wurden, Schlägereien und Mißhandlungen der schrecklichsten Art vorkamen« und später die jüdischen Häuser demolirt wurden« Der Rabbiner telegraphirte, sämmtliche jüdische Einwohner seien zu Grunde gerichtet, ohne Obdach und Nahrungsmittel, und ihre Vermögensreste seien in Staub und Koth gezerrt. Trotzdem der Correspondent den vom „Golos" zu dieser Meldung gegebenen Commentar wegließ, daß das Phrasenhafte Circular Tolstoi's sich weniger bewähre, ^als Energie gegen die Plünderer, ließ die Telegraphen-^Censur doch die mit Quellenangabe aufgegebene wortknappe thatsächliche Meldung unbefördert. — In Jekate'rinenburg forderten am 28. Juni Maffenplakate auf, die Juden zu vertreiben, wenn solche nicht bis! 3. Juli das Handelsgeschäft einstellen. — —- Selbstverständlich will sich Jgnatiew jetzt rechtfertigen, den schweren Anklagen gegenüber, welche die ganze europäische Presse gegen ihn erhebt. Jüngst interviewte ihn der Correspondent der Prager „Politik". Er sagte unter Anderem: „Auch in der Judenfrage trug die Kritik niemals meinen Intentionen Rechnung. Man nannte mich einen Antisemiten, obwohl ich die gemischten Kommissionen in den Gouvernements einsetzte, damit Juden und Christen gemeinsam die Maßregeln zur Abhilfe berathen. Die Juden selbst machten. unmögliche Vorschläge, so z. B. daß man ihnen Allen die Schankgerechtigkeit, das Recht, Immobilien zu erwerben, entziehe, u. s. w. Meine Vorlage an den Kaiser ging nicht so weit wie die Juden selbst vorschlugen; sie griff nur auf das bestehende Gesetz .zurück, wonach in Hinkunft nur Jene Schankrecht ausüben dürfen, welche im Besitz von Immobilien sich. befinden". Bekanntlich sind die Juden niemals in jene Commissionen berufen, oder zu ihnen zugelaffen worden. Daß es einige Geldjuden geben mag, welche um ihrer eigenen willen Tausende ihrer ärmeren Glaubensgenossen der ihnen zustehenden Rechte und ihres Erwerbes verlustig machen könnten, räumen wir ein. Damit ist aber Jgnatiew von seinem berüchtigten Circulär, von seinem Unterlassen jeder energischen Maßregel .gegen die Excedenten, von seinen Austreibungen der Juden aus ihren bisherigen Wohnplätzen, also von der wesentlichen Beförderung aller jener scheußlichen Auftritte nicht freigesprochen. — Der Minister des Innern hat verfügt, daß in Odessa bis zum 1. Juli die jüdischen Zünfte mit den christlichen vereinigt werden sollen. — Nachdem das offieielle Rabbinat abgeschafft worden, wird ein Reglement über die Führung der Civilstyndsregister der jüdischen Bevölkerung ausgearbeitet. In den Städten will man eigene Beamte dafür anstellen, in den Dörfern sollen die dortigen Autoritäten die Eintragungen übernehmen. — In Borsna fand eine kleinere Plünderung und Prügelei von Juden statt. Fürst Gagarin eilte mit den Leuten seines Gutes herbei, schaffte energischst Ruhe und verhaftete sieben Anstifter, worauf erst die Polizei weitere vier verhaftete. Erst dann wurde die Ruhe hergestellt. Amerika. - NeWsHork, 20. Juni. . Die Zeitungen barchten eine Nachricht über Widersetzlichkeiten, welche unter den russischen