Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1882)
- Date
- 1882-07-18
- Page
- Seite 483 (sequence 11)
- Language
- German
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483 An den Dekanats-Vorsteher Herrn Pfarrer Meyer, Hochehrwürden zu Höringhausen. Hiernach ist denn vom kgl. Verwaltungsamte verfügt worden. (Es versteht sich von selbst, daß diese Verfügung des^Consistoriums und des Verwaltungsamtes den Rechtsweg offen läßt, der, wie die Verfügung selbst zugesteht, in einem früheren Falle erfolglos geblieben. Wir erinnern uns, daß Aehnliches schon früher an anderen Orten stattgefunden, ohne daß wir im Augenblicke die desfallsigen Berichte in dieser Zeitung auffinden können. Wir bitten daher diejenigen Herren Lehrer, denen derartiges.begegnet ist, uns neuerdings im Interesse der Sache davon zu unterrichten. Redaktion der A. Z. d. Jud.) Oesterreich-Ungarn. Pest, 29. Juni. Vor Kurzem -kam im ungarischen Ministerrathe die Tißa-Eßlarer Affaire zur Verhandlung. Bei dieser Gelegenheit erklärte Justizminister Pauler, daß die bisherigen Untersuchungen kein gravirendes Moment ergaben, welches zur Auffassung berechtigen würde, daß hier ein Mord zu rituellen Zwecken stattgefunden habe. Gelegentlich des gestrigen Ministerrathes wurde abermals diese Affaire zur Sprache gebracht, und es soll jetzt nach einer Mittheilung des „Függetlensog" (deren Bestätigung immerhin abgewartet werden muß) der Justizminister die Erklärung abgegeben haben, daß die neuesten Resultate der Untersuchung die Grundlage zu einer Anklage auf Mord bieten. Der gestrige Ministerrath hat sich überhaupt sehr eingehend mit der Judenfrage beschäftigt. Die verlesenen Berichte der Obergespäne über die antisemitische Bewegung boten im Allgemeinen ein zufriedenstellendes Bild, und es sind nur aus dem Zempliner und Szabolcser Comitate Meldungen eingelaufen, welche auf eine erregtere Stimmung der Bevölkerung schließen lassen. Minister-Präsident Tisza hat im Vereine mit dem Honved-Minister und dem Ofener General-Kommando Verfügungen getroffen, welche geeignet erscheinen, in den bedrohten Comitaten Ausschreitungen zu verhindern. Pest, 7. Juli. In Angelegenheiten der antisemitischen Flugschriften hät der Minister des Innern an sämmtliche Jurisdiktionen des Landes eine Cirkular-Berordnung erlassen, durch welche die Municipal-Behörden aufgefordert werden, die Verbreitung solcher Schriften mit allen gesetzlich zulässigen Mitteln zu verhindern, die bereits im Umlauf befindlichen Exemplare aber zu confisciren und dem Ministerium einzusenden. — Was die Tißa-Eßlarer Affaire anbetrifft, so rückt sie um keinen-Schritt weiter. Ist doch nicht einmal der objektive Thatbestand constatirt, der Mord des Mädchens durch das Auffinden der Leiche. Der verhaftete Rabbinatsverweser Rosenberg wird in diesen Tagen freigelassen werden, da seine Unschuld an der durch die aus der Theiß gezogene Leiche beabsichtigten Täuschung des Gerichtes sich erwiesen hat. Die künstlich angefachte Volkserregung hat denn auch einige Krawalle hervorgebracht. In Papa, wo massenhaft antisemitische Broschüren und Pamphlete cursiren, hat in der Nacht auf den 3. d. eine Schaar Csizmenmachergesellen die Fenster der Synagoge, eines Bethauses, der Rabbinerwohnung und einiger jüdischen Häuser eingeworfen und dabei einige christliche Bewohner gemißhandelt. Sie wurde durch die Gerber- und Fleischhauergesellen auseinandergetrieben. Das Naiveste dabei war, daß die Csizmenmachergesellen am anderen Tage auf dem Rathhause erschienen, um sich über die Schläge zu beklagen, die sie von den Gerbergesellen erhalten. Acht der Unruhstifter wurden verhaftet. Der Minister des Innern erließ an die Stadtbehörde strenge Weisung. — In einem Dorfe des Trensciner-Comitats sprang aus einem Hause am hellen Tage eine Magd, rang die Hände und schrie, ihr Dienstherr, der Schächter, wolle ihr das Blut abzapfen. Sofort sammelte sich das Volk und wollte das Haus in Brand setzen. Durch das besonnene Einschreiten des Stuhlrichters wurde das Uebel abgewandt, und bei dem ersten strengen Verhör gestand das Mädchen, daß zwei Einwohner des Ortes ihr ein beträchtliches Geldgeschenk versprochen haben, wenn sie diese Lüge ausbrächte. Belgien. Schaerbeek bei Brüssel, 2. Juli. (Privatmitth.) Es liegt uns heute eine Bekanntmachung des Verwaltungsrathes des Vereins der freiwilligen Feuerwehr (Sapeurs-Pompiers Volontaires) vor, welche anzeigt, daß der Verein am 16. Juli im Parc Leopold ein großes Fest, eine flamländische Kirmeß und ein großes Concert zum Besten „der in Rußland verfolgten Israeliten" geben werden. In dem Aufruf zur Theilnahme heißt es: „Wenn wir die Mächtigen der Erde mit gekreuzten Armen diesen schrecklichen Metzeleien der Juden in Rußland anwohnen sehen, Metzeleien, welche die Dragonaden und die Inquisition selbst an Grausamkeit und Umfang weit übertreffen, so ist es Pflicht aller Menschen von Herz, ohne Unterschied des Ranges, der Partei, der Religion oder Nationalität, sich einem Unternehmen zuzugesellen, daß zum Zweck hat, die unglücklichen Opfer dieser schrecklichen Grausamkeiten zu unterstützen. Unterzeichnet sind der Präsident A. de Lobel, die Sekretäre De Breuck, Jean Clans, Henry Küstemanckers u. s. w. — Herr Levy Montefiore (Liberaler) ist in Lüttich zum Senator erwählt worden. Frankreich. Bayonne, 23. Juni. Das hiesige israelitische Consistorium hat einen Aufruf zu Gunsten der russischen Flüchtlinge erlassen und beträgt das Ergebniß über 11,000 Francs. 29*