Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1882)
- Date
- 1882-07-18
- Page
- Seite 480 (sequence 8)
- Language
- German
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i 4M die Vorarbeiten hiermit erledigt; es erübrigte nur noch die Einschiffung, bei welcher ein jeder Einzelne noch einmal die Revue passiren und sein mitgebrachtes Geld vorzeigen muß, seine Unterstützung, wird alsdann dem Passagier während ' der Fahrt vom Capitän ausgehändigt, welchem, zu diesem Behufe das Geld und eine besondere Liste der Personen und Beträge übergeben Wird. Nachdem nun aber die Behörden diese Massenauswanderung zu überwachen angefangen, haben sich die Schwierigkeiten verdoppelt. Zunächst müssen die Auswanderer vom Arzt auf Infektionskrankheiten untersucht, dann müssen etwa zehnfach rubrizirte Listen für die Polizei- und Hafen-Verwaltung hergestellt werden; noch andere Formalitäten sind zu beobachten; zudem hat jeder Auswanderer auch noch seine Privät-Angelegenheiten, die ihm das Comite erledigen helfen muß. Viele, wenn nicht die meisten, besonders aber Frauen und Kinder müssen bekleidet werden, wobei uns die Damen der Comit6-Mitglieder, besonders die Lurie'schen behülflich sind. Schließlich wollen wir auch noch über die empfangenen und verwendeten Geldmittel die nöthigen Aufschlüsse geben. Am 22. Mai vorigen Jahres, unmittelbar nach dem Massacre in Kiew, erließen wir, die Ersten auf dem Platze, nnsern ersten Aufruf um Geldunterstützung für die Beraubten. Die ersten Eingänge im Betrage von 2000 Rubel gelangten auch an das Comitö zu Kiew. Dann aber begannen die schrecklichen Brandverheerungen in Westrußland, denen von andern Comitös fast gar keine Theilnahme geschenkt wurde und unserer Unterstützungsthätigkeit fast ganz allein überlassen blieben. Mehr als 30 Städte und Flecken allein in Westrußland erlitten größere und kleinere Brandbeschädigungen. 21 von diesen sind von uns mit je 1000 bis 2000 Rubel unterstützt worden. Bereits im Herbste vorigen Jahres sahen wir die kommende Auswanderung voraus und beschlossen, einen etwa verbleibenden Rest unserer Einnahme dieser Art der Unterstützungsthätigkeit zuzuwenden. Anfangs März dieses Jahres erfolgte der Kassen-Abschluß behufs Beginn der Beförderung von Auswanderern. Es verblieben in unserer Kasse noch 2200 eingekaufte Rubel als Reservefonds für die Brandverunglückten. Außerdem-verblieben Mk. 4874,09, mit welchem unsere neue Unterstützungsthätigkeit begann. Bis dahin waren nämlich Mk. 50185,67 eingenommen und Mk. 45310,58 incl. der gekauften 2200 Rubel verausgabt worden. Durch weitere Geldzuwendungen, welche uns von allen Seiten übersandt wurden, vermehrt, beziffert sich heute unsere-Einnahme auf Mk. 66901,94 und unsere Ausgabe auf Mk. 59039,19. Die Sendungen zu Gunsten des Auswanderungsfonds haben bei unserem Comits fast ganz aufgehört. Bei einer Ausgabe von etwa Mk. 1200 bis 1500 pro Woche muß es mit unseren Geldmitteln bald zu Ende gehen. . Allein wir leben der Zuversicht, daß nach genauer Prüfung des vorstehend geschilderten Sachverhalts die Comitös und Einzelne, besonders aber die Erstgenannten uns aus ihren so reichlich gesammelten Geldmitteln einen kleinen Bruchtheil zuwenden werden. Wir haben die feste Versicherung und können dieselbe aller Welt gewähren, daß bei unserem ComitS mit kleinen Mitteln große Zwecke erreicht werden. „Wehe den Kindern, welche vertrieben sind vom Tische des Vaters!" oder was dasselbe ist, vom Tische des Vaterlands, das ihnen den Platz nicht gönnt, den Raum verengt, die Nahrung fortnimmt oder seine besten Kinder wohl ganz und gar mit Schimpf und Schande vertreibt. Diese Vertriebenen aber sind Eure Brüder; ihr Vater ist Euer Vater! Ihr, die Ihr Euch in einem andern,- bessern und liebewerthey Vaterlande mit allen Brüdern zugleich an den reichgedeckten und gesegneten Tisch setzt, gönnt und gebet nur einen kleinen Bruchtheil Eures Ueberflusses den bedrängten und vertriebenen Geschwistern, nur die Brosamen, welche von Eurem Tische fallen, und ihnen kann geholfen werden. Euch aber wird Gott dafür segnen: „Und du wirst essen und satt werden und den Ewigen, Deinen Gott, loben für das gute Vaterland, welches er Dir gegeben hat." Das ständige Hülfscomite für die Nothstände russischer Israeliten zu Memel. Di\ Rülf. M. Lurie. A. Wittenberg. Deutschland. Berlin. (Privatmitth.) Es ist unschwer zu erkennen, daß gegenwärtig auch in unsrer Haupt-und Residenzstadt der Antisemitismus völlig verschollen ist. Die Stöcker, Henrici, Förster u. A. sind stumm und halten keine Volksversammlungen mehr. Die judengehässigen Plakate, Carikaturen, Flugblätter, die ^anze antisemitische Literatur sind verschwunden. Höchstens läßt Ruppel in seiner „Ostend Z." noch böswillige Artikel los, welches Vergnügen er dann von Zeit zu Zeit mit Strafgeldern und Prozeßkosten bezahlen muß. Die Ursachen dieses allmäligen Todes liegen in dem gänzlichen Fiasco bei den Wahlen, im Neberdrusse an erfolglosen Bestrebungen innerhalb der zweifelhaften Kreise und nicht wenig m den schauerlichen. Excessen in Rußland, welche Vielen die Augen über das endliche Ziel öffneten und manche Antipathie in Sym- —