Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-07-18 · Heft 29 (18.7.1882) · p. Seite 479

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 29 (18.7.1882)
Date
1882-07-18
Page
Seite 479 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227423--40048-3257664
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

MWZ. 479 dem Innern und Süden des kolossalen Reiches, oder aber nach dem Westen. So lange die Juden im Innern und Süden des Reichs allen Chikanen des Pöbels und der Gesetze oder besser der Gesetzlosigkeit ausgesetzt sein werden, können wir die Auswanderung dorthin nicht begünstigen. Dem über die.Westgrenze ausgewanderten Juden aber müssen wir jetzt und in aller Zukunft zu Hülfe kommen und ihm den Ork bereiten und. anweisen, wo er, ohne die heimische Bevölkerung zu stören und zu beunruhigen, wohnen, weilen und wirken, leben und sich ausbreiten kann. Nachdem nun unser Comits von der Gefährlichkeit der Auswanderung nach dem Süden und dem Innern sich hat überzeugen müssen, hat es angefangen, die Auswanderung über die Westgrenze zu begünstigen und zu unterstützen und wird damit fortfahren, so lange-es noch bei einsichtsvollen, milden und edeldenkenden Menschen Beihülfe finden, resp. bis der letzte Pfennig verausgabt sein wird. In dem Nachfolgenden geben wir eine kleine Skizze über Einrichtung und Verlauf unserer Thätigkeit. Wir befördern wöchentlich über 80 Personen; diese unter der Masse sich Herandrängender auszuwählen und zu expediren, was bisher per Schiff über Stettin, Königsberg oder Kiel, 50—60 Personen auf einmal, geschah — ist wahrlich keine Kleinigkeit. Mitte .April wurde dieerste Expedition abgefertigt, und seitdem haben wir bis heute in 12 verschiedenen Expeditionen, theilweise auch per Bahn 800—900 Menschen befördert und gleichzeitig eine beträchtliche Anzahl Personen, die zur Auswanderung sich nicht eigneten, mit nicht unbeträchtlichem Kostenaufwand in ihre Heimath zurückgeschickt. Die Hauptfragen, deren Antworten in genauester Weise auf ihre Richtigkeit untersucht werden müssen, sind etwa folgende: Woher kommst Du? Wohin gehst Du? Was verstehst Du? Bist Du ein redlicher, arbeitsamer Mann? Wieviel Geld hast Du bei Dir? — Und ist es ein einzelner Mensch, so muß noch mit der größten Strenge nachgeforscht werden, ob er auch nicht böswillig Weib und Kind und die Seinigen verlassen hat. Wer nicht die richtigen Antworten geben und vollkommen befriedigend beweisen kann, wird nicht befördert. 1. Woher kommst Du? — Wir befördern nur Personen aus den Gouvernements Kowno und Kurland und deren angrenzenden Bezirken. Diejenigen Personen, welche einen andern Weg, etwa über Eydtkuhnen hätten nehmen müssen, befördern wir nicht. Einestheils haben wir mit den fast 11/2 Million Glaubensgenossen der genannten Provinzen, die ärmsten und mit Juden am meisten bevölkerten von ganz Rußland, genug zu thun; änderntheils wollen wir solche nicht, unterstützen, die von andern Comites vielleicht abgewiesen wurden und nun ihr Heil bei uns versuchen; denn von der österreichischen Grenze schlagen sie sich oftmals bis nach unserem Orte durch, um bei uns zur Auswanderung sich zu melden. Zur Ehre der übrigen Comitös sei's gesagt, daß die meisten dieser Art zur Beförderung vollkommen untaugliche Menschen sind. 2. Wobin gehst Du? — Diese Frage ist für uns an dieser Grenzstation vielleicht die wichtigste. Wir finden am hiesigen Orte unsere Hauptaufgabe darin, zu verhüten, daß nicht etwa Deutschland von diesen Auswanderern überschwemmt werde, weil sie in die socialen Verhältnisse der deutschen Staaten meist nicht paffen und daselbst nur Verwirrung stiften und zu einer schweren Plage werden würden. Das Reiseziel dieser Auswanderer ist vorzugsweise England, Amerika und Afrika. Biele gehen auch nach Palästina, nach Frankreich, Dänemark, Schweden und nur äußerst wenige, nach gewissen Orten und in gewisse Stellungen berufen, nach Deutschland. ' 3. Was verstehst Du? — Wir befördern nur Personen, die am Reiseziel angelangt, sich ernähren zu können eine Garantie bieten. In einzelnen Fällen ist es freilich hart, gerade die schwächsten und ärmsten zurückweisen zu müssen; aber im höchsten Grade gerecht und vernünftig. Es dauert gar nicht lange, bis der arbeitsame Mensch in den Stand gesetzt ist, alle diejenigen, denen er ehemals ein Ernährer war, Nachkommen lassen zu können. Einer ist mitunter^der Pionier für eine ganze zahlreiche Familiengemeinschaft. Wir haben Beispiele, daß im Herbste vorigen Jahres nach Amerika ausgewanderte Personen heute schon — freilich haben Freunde und Verwandte dabei auch mitgeholfen — 8—10 Personen sich haben nachschicken lassen können. Am liebsten befördern wir Handwerker und Feldarbeiter und mehr als 3/4 der Auswanderer gehören zu dieser Gattung. 4. Wie viel Geld hast Du zur Stelle mitgebracht? — Gänzlich mittellose Personen werden gleichfalls nicht ausgenommen. Wir geben den Auswanderern nur pro Person im Durchschnitt 20—30 Mk. und sehen mit Strenge darauf, daß sie so viel besitzen, um vom nächsten Hafen aus auf eigene-Kosten bis zum Reiseziel gelangen zu-können. Auch hierin liegt keine Härte, Der westrussische Jude ist über alle Massen arbeitsam, sorgsam, bedürfnißlos und sparsam, so daß er ohne einen, wenn auch ganz kleinen Noth- und Sparpfennig niemals betroffen wird. Er wandert nur dann aus, wenn auch dieser fast eingezehrt ist und er keine Aussicht hat, denselben wieder ergänzen, geschweige denn vermehren zu können. Wer ganz ohne Geld ist, der taugt zu Hause und noch viel weniger anderwärts etwas und eignet sich gewiß nicht, zur Beförderung. Sind die Personalfragen zur Zufriedenheit erledigt, dann wird der Auswanderer in die Liste eingetragen und erhält seinen Laufzettel, ein Formular, welches über alle die. besagten Fragen und Daten Aufschluß giebt. Früher waren — —— Üi

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.