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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-07-18 · Heft 29 (18.7.1882) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 29 (18.7.1882)
Date
1882-07-18
Page
Seite 478 (sequence 6)
Language
German
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diese Zwecke zu sorgen. Die jeweiligen Vorsteher und Rabbiner sind aber am wenigsten die Männer, welche in der Stunde der Gefahr eine gemeinsame Vertheidigung zu Organismen und planmäßig durchzuführen vermögen. Es waren also höchstens Einzelkämpfe möglich , die denn wohl auch j reichlich stattgefunden haben. Alle diese Umstände zusammengefaßt, konnte eine wirkliche Vertheidigung Seitens der Juden gar nicht eintreten, und es erscheint demnach als ein ungerechter Vorwurf, den unglücklichen russischen Juden noch den Makel der Feigheit anzuheften. Einen faktischen Beweis hierfür gaben die deutschen Colonien in Südrußland ab, von denen einige von der russischen Bevölkerung überfallen, nnd ganz in der Art, wie es mit den Juden geschehen, ausgeplündert und mißhandelt wurden. Auch sie konnten sich nicht vertheidigen und blieb der Versuch dazu erfolglos. Rechenschaftsbericht -es HülssKomitös j« Memel. Wir entnehmen diesem interessanten Berichte die wichtigeren Stellen.. , Memel, 1. Juli,1882. .Der jüdische Südrusse hatte früher keine Veranlassung zur Auswanderung; er ist ja schon an und für sich ein Ausgewanderter und hat, von Westrußland kommend, in seiner neuen Heimath einen so fruchtbaren und einträglichen Boden für seine Thätigkeit gefunden, wie kein Land der Welt ihm einen ähnlichen darzubieten im Stande wäre. Dort fand er für den Handel, mehr oder minder auch für ein jedes andere Gewerbe, einen rein jungfräulichen Boden. Dort herrschte noch jener Urzustand, darin ein jeder auf sich selbst angewiesen, das geringe Bedürfniß sich selbst bereiten und beschaffen mußte und keiner mehr bereitete und beschaffte als zur Lebensnothdurft nöthig war. Es gab nur ein Bedürfnis, für welches der Südrusse alle seine Thätigkeit einsetzte, und welches Gegenstand eines blühenden Geschäftszweigs war, der Branntwein. Der Boden lag größtenteils unbebaut und jedes über das Bedürfniß hinausreichende Erzeugnis desselben mußte verkommen und verfaulen.. Mit dem Juden kam plötzlich Bewegung in die rohe, uncivilisirte Masse. Der Jude führte ihr die Bedürfnisse der Civilisatiön fertig gestellt zu, machte allen Ueberfluß zu Geld und setzte diese Menschen in nicht geringes Erstaunen, als er ihnen selbst Knochen, Lumpen und allerlei Abfälle bezahlte. Der Jude führte allen Handel und alle Industrie in Südrußland ein, nur nicht den Branntweinhandel; der blieb den Stockrussen, besonders den Popen Vorbehalten. Allmälig fing man an den Boden fleißiger zu bearbeiten, und die Massenproduktion mancher Erzeugnisse der Landwirthschaft begann. Neue Dörfer und Städte wuchsen wie aus der Erde, die alten vermehrten sich um das Doppelte und Dreifache; Ackerbau, Handel und Schifffahrt hoben sich mächtig, und wäre der unselige Branntwein nicht, der alle diese Vortheile wieder verschlingt und vernichtet — Südrußland wäre eines der glücklichsten Länder der Welt. > Allen Handel, alle Industrie, alle Bodenbearbeitung, alles Volksvermögen, alles Städtewachsthum mit aller seiner europäischer Zier und Civilisatiön hat der Jude nach Südrußland gebracht. Er hat dabei seine Rechnung gefunden; aber Land und Volk in noch viel höherem Grade. Jetzt hat er dafür seinen Lohn erhalten. Aber Geduld! Es wird gewiß nicht lange mehr dauern und sie werden einsehen, was sie sich gethan haben, der Jude wird im Preise steigen und einen Cours bekommen, einen viel höheren als der Rubel, und man wird alles mögliche versuchen, um den Juden zu halten und heranzuziehen. Wir kennen Rußland und wissen gewiß, daß dieser Zustand in gar nicht langer Zeit eintreten wird. Der Jude in Südrußland wird bald ein viel verlangter und bevorzugter Artikel werden. Und wenn einmal die gegenwärtige Panik beseitigt sein, wird, drängt sich gewiß kein südrussischer Jude mehr zur Auswanderung, und selbst viele westrussische werden wieder versuchen, mit Umgehung aller der entgegenstehenden Gesetzesbestimmungen in Südrußland sich anzusiedeln. Allein so lange diese Ausnahmegesetze noch fortbestehen, wird das Leben des südrussischen Juden , kein Leben, seine Existenz keine Existenz sein, und wäre sie selbst in Gold und Edelstein gefaßt, weil der Jude ewig von der Volksbestie und, was noch schlimmer ist, von der Beamtenwillkür bedroht sein wird; dennoch wird sein Leben ein tausendfach besseres und behäbigeres sein als das des Westrussen. " Hier in dem armseligen, unfruchtbaren Westrußland, der eigentlichen Heimath des Juden, wohnen weit über Z Millionen Juden. Ich besitze das Material zur annäherungsweisen Schätzung der Bevölkerungsziffer. Ihr materieller Zustand ist ein unbeschreibbar jammervoller. Immer nur Einer von Tausend vermag sich ausreichend zu ernähren. Dort sterben tagtäglich Menschen vor Hunger und Entbehrung. Nicht so auf einmal, sondern, was-weit entsetzlicher ist, nach und nach sterben die Menschen hin. In den NothstandsWren 1868 und 1869 sind auf diese Weise mehr als .100,000 Menschen umgekommen. Ja, von diesen Zuständen hat man draußen in der Welt keine Ahnung, trotzdem die schon seit vielen Jahren in allen Ländern massenhaft vorhandenen russischen Bettler und Auswanderer auf diesen Umstand hätten Hinweisen müssen. Der Hunger war von jeher die Ursache und der Antrieb zu aller Emigration Einzelner und ganzer Völkerschaften. Die Juden in Westrußland müssen theilweise auswandern, die Uebervölkerung ist^ dort zu groß; und der Auswan-, derungsstrom wird sich vorzugsweise wenden, entweder nach

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