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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-07-18 · Heft 29 (18.7.1882) · p. Seite 477

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 29 (18.7.1882)
Date
1882-07-18
Page
Seite 477 (sequence 5)
Language
German
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dann, wenn der angedrohte Einbruch der Bauern nicht eintraf,'in die Stadt zurückkehrten, bis endlich die Erneute ^wirklich ausbrach. Es wurde dabei von dem Verf. die Frage aufgeworfen, warum die Juden sich nicht vertheidigt hätten? warum sie für Frau und Kind, für Hab' und Gut nicht ihr Leben in die Schanze schlugen, noch dazu an Orten, wo sie die Mehrzahl bildeten? Die Frage scheint um so mehr am Platze, insofern wir es hier mit einer ganz anderen jüdischen Bevölkerung zu thun haben, als etwa die gewohnheitsmäßigen polnisch-jüdischen Bettler darstellen. Es sind uns von Brody, Lemberg, Berlin, Hamburg, New-Iork hinlänglich beglaubigte Schilderungen von dem schönen Menschenschläge gemacht worden, den die Auswanderer bilden; wir wissen ferner, daß wir es hier nur zu einem kleinen Theile mit Händlern und Schankwirthen zu thun haben, sondern zum größten Theile mit Handwerkern, Fuhrleuten, Steineklopfern und Tagelöhnern. Der französische Autor läßt durch schimmern, daß die Nichtvertheidigung den Charakter einer gewissen Feigheit an sich trage, der jedoch aus der Behandlung, welche die Juden in Rußland seit Jahrhunderten erfahren, erklärlich und entschuldbar sei. Wir wollen den Gegenstand etwas näher untersuchen, da hier nicht unwichtige Züge in dem Schauergemälde der russischen Verfolgungen zum Vorschein kommen. Von vornherein ist es thatsächlich nicht richtig, daß eine Bertheidigung der Juden so selten gewesen sei. Aus den meisten Orten der Excesse fehlen detaillirte Berichte. Aber oft genug wird eine Anzahl verwundeter und getödteter Bauern gemeldet, die nicht etwa durch die Waffen der Sicherhtzitsbehörden, welche ja immer erst einschritten, wenn Plünderung und Mord zu Ende waren, getroffen worden, so daß daraus auf einen zwischen den Bauern und Juden stattgesundenen Kampf zu schließen ist. Als nach den Mordscenen in Balta eine jüdische Deputation dem Minister Jgnatiew Vorstellungen machte, wandte der schlaue Minister ein, daß die Juden den Kämpf begonnen hätten, was, an sich gewiß falsch, doch auf eine Vcrtheidignng seitens der Juden hinweist. Aus Gombine wurde gemeldet, daß der Kampf zwischen den Juden und Bauern zehn Stunden gedauert habe. Aus Odessa wissen wir gewiß, daß die Juden sich längere Zeit sehr tapfer gewehrt haben. Wir wissen es aus dieser und anderen Städten um so gewisser, als eine große Anzahl Juden verhaftet und hart bestraft wurden, und zwar schon unter der Rubrik, daß es verboten sei, Waffen zu tragen. Jener Vorwurf in seiner Allgemeinheit gehört also zu den Ungerechtigkeiten, welchen die Juden unter allen Umständen ausgesetzt find, sie mögen thun, was sie wollen. Vorausgesetzt aber, daß sich die Juden im Ganzen weniger vertheidigt haben als man von einer gesunden und kräftigen Bevölkerung voraussetzen muß, so braucht man nur die. näheren Umstände in Betracht zu ziehen, um hier keinen Charakterzug der Feigheit, sondern eine unabänderliche Nothwendigkeit zu constatiren, der die Juden sich unterworfen fühlten. Zunächst wußten also die Juden, daß sie, wenn sie sich vertheidigten, von den Behörden bestraft würden. Sie wußten sich ja nicht blos einer plünderungssüchtigen, unbarmherzigen Bevölkerung, sondern auch feindlich gesinnten Beamten höheren und niederen Ranges gegenüber, Beamten, die sie seit undenklicher Zeit in jeder Weise mißhandelten und bedrückten, und die sie sich stets nur durch Bestechung vom Halse halten konnten. Wie sollten sie von diesen irgend welchen Schutz erwarten? Und die Polizisten und Soldaten, wenn sie erschienen waren, nahmen in vielen Fällen an den Plünderungen Theil und tranken den Meuterern aus den aufgeschlagenen Branntweinfäßeen zu. Die Juden hatten also nicht blos die aufgehetzten Massen, sondern auch die organisirten Sicherheitsbehörden gegen sich, die bei jeder Gegenwehr der Juden' auf diese losschlugen und sie ergriffen. Schon unter solchen Umständen ist eine Gegenwehr sehr schwierig, und die Waffe, wenn der sonst Wehrlose eine solche hatte, mußte der Hand entfallen. Dazu kam aber zweitens ein noch viel schwerer wiegender Umstand. Die Verwundung oder gar Tödtung eines Christen durch einen Juden, wenn auch in der äußersten Nothwehr, rief einen lauten Schrei der Entrüstung in der Masse hervor, riß die letzte Schranke der Bestialität nieder, und brachte die Niedermetzelung der Juden sicher zu Wege, denn auf diesen Ruf brachen die Horden aus der gesammten umgebenden Landschaft auf, um Rache zu üben. Das hatte sich den Juden in so vielen Fällen bewährt, daß sie die Gegenwehr als die Veranlassung zu ihrem gänzlichen Untergange ansehen mußten. Im anderen Falle konnte sich die aufgeregte Masse mit der bloßen Plünderung begnügen. Denn es ist drittens nur ein scheinbarer Einwand, daß in manchen Städten die Juden die Mehrheit, sogar eine beträchtliche Mehrheit bildeten. Die Landbevölkerung brach von allen Seiten in die Stadt ein und verband sich mit der christlichen Bevölkerung des Platzes. Die Eindringlinge bestanden aus Männern, die an der Führung der Sense und des Dreschflegels gewöhnt waren; nur im Hintergründe weilten Frauen, die am Raube und am Branntwein ihren Theil haben wollten. Unter den Juden aber befanden sich die stöhnenden Greise, die jammernden Frauen, die heulenden Kinder. Den Juden fehlte jede Organisation, um eine erfolgreiche Bertheidigung leisten zu können. Es ist eine heuchlerische Lüge, welche von der geheimen Organisation der Juden spricht, und sie mit^ dem Worte Ka'hal bezeichnet. Die Judengemeinden in Rußland sind nur ganz lose Perbände, die den Gottesdienst, den Unterricht und die Wohlthätigkeit zum Gegenstände haben, und dies nicht einmal in organisirter Gestalt, sondern es bleibt einzelnen Vereinen in den Gemeinden überlassen, für

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