Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1882)
- Date
- 1882-07-18
- Page
- Seite 476 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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WMWDM 47s - aber, wenn der Lehrer Herz und Geist besitzt, die Unterweisung in den Gründlehren der Religion innig und die Seelen der Jugend ergreifend ist, ebenso die Geschichtskunde interessant und belehrend, sobald sie eben nicht „trocken" behandelt wird. Es ist selbstverständlich, daß dieses wichtige Thema nicht mit einigen kurzen Sätzen gründlich behandelt werden kann. W. mahnt mit Recht die Eltern, nicht aus falsch verstandenem Ehrgeiz ihre Söhne Berufszweigen zu widmen, zu denen sie keine Befähigung haben, einen mittelmäßigen oder stümperhaften Juristen statt einen tüchtigen Handwerker oder Oekonomen aus ihm zu machen. Vor Allem mahnt er die Juden nochmals, ihre Kinder Handwerke erlernen zu lassen und auch ihre Töchter anzuhalten, sich zu einer selbständigen Lebensstellung vorzubereiten. Er schließt diesen Absatz mit den Worten: „Schule und Haus — das sind die Arsenale, in welchen unsere Waffen gegen die wilden Ausbrüche des Antisemitismus — dem neuen Wort für die alte Niedertracht — geschmiedet werden. Waffenderen wir im Kampfe um das Dasein mit den Verhältnissen und mit den zu Unmenschen entarteten Menschen dringend benöthigen und die uns in den finsteren Zeiten, da selbst Päpste zu dem Wissen jüdischer Aerzte ihre Zuflucht nahmen, zur Abwehr gedient haben. Dieser Antisemitismus hat sich als blutiger Sporn in unsere Weichen eingedrückt und' nöthigt uns, auf daß wir muthig den Wehrkampf unter der Parole: Einer für Alle, und Alle für Einen, aufnehmen. Denn täuschen wir uns nicht! Wir entgehen nicht der auf den unstichhaltigen Grund der Race und des Glaubensbekenntnisses uns aufoctrohirten Solidarität in unfern Handlungen. Darum hat der Einzelne bei allen seinen Handlungen nicht nur die persönliche Verantwortlichkeit dafür, sondern mehr als jemals das Chillul Haschem, die Sorge um Entweihung des gemeinsamen Namens in ernstestes Bedacht zu ziehen." Hinsichtlich der Gemeinden mahnt er diese „ohne Rücksicht auf Reichthum nur solche Männer zu Vorständen zu wählen, die einen nach jeder Richtung makellosen Ruf besitzen und warmen Herzens, wie hellen Geistes energisch ihren ehrenvollen Mustern nachzuleben versprechen." Er stellt die Unterrichtsangelegenheiten selbst dem Cultus voran, warnt vor dem allzu großen Aufwande für Synagogenbau, durch welchen die Gemeinden in Schulden gerathen und für die Schule und die Erziehung der Kinder, namentlich der armen und der Waisenkinder keine Mittel übrig haben. Die Acquisition guter Lehrer habe größeren Werth als die ausgezeichneter Cantoren. Er sagt: „Diejenige Religiosität, welche erst durch Bestrickung der Sinne hervorgerufen werden soll, ist nicht viel Werth. Nicht profanirt darf der Gottesdienst durch unanständiges Verhalten werden; nimmer darf berechtigtes Gespötte anläßlich würdelosen Durcheinanderschreiens sich einstellen. Allem Andern vermag ich nicht jenen Werth beizulegen, der ihm gar häufig beigelegt wird. Aber meines Erachtens würden besser als die schönsten Rouladen kunstgeübter Sänger die Andacht fördern helfen, wenn im Gotteshause nur Verständliches, den meisten Besuchern Zugängliches vorgetragen werden würde, der Gebrauch der hebräischen Sprache auf jene allgemeine Formeln beschränkt werden würde, deren Kenntniß unter allen Umständen bei Jedem vorausgesetzt werden muß: soll aber Thora- Häftarah, sollen die üblichen Gebete und Psalmen weiterhin in hebräischer Sprache vorgetragen werden, so soll das nur unter der Voraussetzung geschehen, daß die Anhörenden mit dem Text in der Landessprache versehen, sind, damit nicht das Unverstandene, als unerbaulich leeres Geklingel an ihnen vorüber ziehe. Es wäre weiterhin Aufgabe der Gemeindevorstände, aus zerstreuten Hörern theilnehmende Mitwirkende zu machen; und der blos passiven Haltung der Besucher des Gotteshauses eine Schranke zu setzen." Er empfiehlt besonders auch die Anlegung von Bolks- und Kinderbibliotheken, die Verkeilung von Gebetbüchern und Sittensprüchen, die Unterstützung in Lehrmitteln. Sein Schlußwort gilt den Allianzen, von denen er „ein festes Zusammenhalten, eine fortwährend unterhaltene Fühlung und Verständigung verlangt." - Die Allianzen, fügt er hinzu „ haben sich mit allen ihnen zu Gebote stehenden Kräften gegen die etwa auftauchende Verdächtigung zu wahren, als ob die ihren gemeinsamen confessionellen Interessen gewidmeten Bestrebungen sie zu irgend einem Separatisnms in jenen zu führen.vermöchten, zu denen sie sich im brüderlichen Vereine mit ihren christlichen Brüdern zum Dienste des Vaterlandes, dem sie angehören, und der Menschheit im Allgemeinen tief verpflichtet fühlen, und darin in den vordersten Reihen zu stehen, sie als Ehrensache zu betrachten Haben." Dies ist der Kern des Schriftstückes und wir fügen nur den Ausdruck des lebhaften Wunsches hinzu, daß der verehrte Verfasser noch viele Jahre die Verbreitung dieses seines Testamentes fördern und die Verwirklichung vieler seiner darin ausgesprochenen Gedanken sehen möge! Die Panik der russischen Juden. In einem wohlwollend abgefaßten Artikel eines französischen Journals wurde die Panik beschrieben, welche bei den Vorgängen der letzten Jahre die Juden in den russischen Städten zu ergreifen pflegte. Nicht selten wurden sie durch Plakate und Drohungen, welche, für die Plünderung und Mißhandlung Tag und Stunde voraussagten, so in Schrecken versetzt, daß sie in Hellen Haufen aus der Stadt flohen zu irgend einem Platze, wo sie Schutz zu finden glaubten. I iÜÜMi