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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-07-18 · Heft 29 (18.7.1882) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 29 (18.7.1882)
Date
1882-07-18
Page
Seite 475 (sequence 3)
Language
German
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475 Denn jeder Exodus in Masse ist völlig unpraktisch und nur diejenigen kann ein fremdes Land gastfreundlich aufnehmen, welche Kraft, Befähigung und Willen zur Arbeit mitbringen. Eine Auswanderung nach Palästina' hält W. für völlig unthunlich, und deshalb für nothwendig, gegen jedes derartige Projekt, das von Schwärmern und Unbedachten verbreitet wird, immerfort angekämpft werde. Er sagt: „Die Gedankenlosigkeit, mit welcher noch in gar vielen Bethäusern der Ausdruck der Sehnsucht nach Vollbringung von Brand- und Ganzopfer im Tempel zu Jerusalem nachgeplappert wirddarf nicht in das praktische Leben übergreifen. Man sollte glauben, daß schon die Berichte über die Bettlercolonien, welche falsche Schwärmerei im Bunde mit Arbeitsscheu an verschiedenen Stätten des heiligen Landes zusammengewürfelt hat, und die einzig und allein von europäischen Almosen zehrt, abschreckend genug wirken könnte, um der Verblendung neuen Zuzug abzuschneiden; leider ist dies nicht ausreichend der Fall." Es fehlt in Palästina jede Existenzbedingung. Der Berf. empfiehlt die V. St., Canada, Texas, Australien; in der zurückgebliebenen Mafie müsse aber mit der größten Anstrengung die Volksbildung erstrebt werden. A Wne^Ligenthümliche Ansicht hat W. über die soziale Emanzipation. Er meint, „daß sie mit den Fortschritten der CivilisMon hüben und drüben, d. h. innerhalb der Christenheit urid der Judenheit ziemlich gleichen Schritt eingehalten hat, und ebenso mit der bürgerlichen Emanzipation. Ja, sie ist dieser an manchen Orten, namentlich in Wien, der bürgerlichen vorangegangen, während sie anderswo, z. B. in Holland, heute noch gegen dieselbe im Rückstände ist. Es lassen sich für das Eine wie für das Andere Ursachen verschiedener Art anführen, aus denen wieder die Bedingungen zur Herstellung der sozialen Emanzipation herzuleiten sind. Die drakonischen Gesetze, mit welchen in vormärzlicher Zeit die Vermehrung der Juden in Wien hintangehalten wurde, verhinderte die.Anhäufung eines. Proletariats, wie es in Amsterdam durch die schon im Jahre 1791 gewährte bürgerliche Emanzipation entstehen konnte und noch nicht bewältigt worden ist. Damit blieb auch der innere Fortschrittzurück, und es bot sich in den ärmeren Klassen ein abschreckendes Bild der Verwahrlosung in Sitten und Gewohnheiten dar, die auch auf die besser situirten Klassen zu reflectiren vermochten, zumal der aus den Zeilen Acosta's und Spinoza's her bekannte Zelotismus seine Schatten auch auf die Neuzeit warf. In Oesterreich dagegen und namentlich in Wien, war das Häuflein aufgenommener sogenannter tolerirter Israeliten eifrig bemüht, sich solcher besonderer Gnade nach jeder Richtung hin würdig zu bezeugen, und sich Verdienste um Staat und Stadt zu erwerben, die denn auch im Gegensätze zu dem allgemeinen bürgerlichen Druck Auszeichnungen durch verhältnißmäßig häufige Verleihungen von Adel und Titel nach sich zogen, welche angethan waren, den Eintritt in die bessere Gesellschaft zu ebnen. Von solchem Streben geleitet, waren auch die damaligen Männer bemüht, in ihren Umgangsformen dasjenige zu entfernen, was in unangenehmer Weise an Racenunterschiede erinnern konnte, Bemühungen, mit welchen diese Männer noch heutigen Tages ihren glücklicher situirten Nachfolgern vorzuleüchten vermögen, von denen gar viele im Vollgefühle der erlangten bürgerlichen Freiheit und sonst erreichten Vorzüge mit höchst tadelnswerthem und den Spott provocirendem Cynismus solche Achtsamkeit über ihr äußeres Verhalten unterlassen." — Jedenfalls ist es eigenthümlich, daß gerade in einer der größten Handelsstädte der Welt, Amsterdam, die Juden so überaus arm geblieben, und ein Zengniß gegen das allgemein angenommene Handelsgenie des jüdischen Stammes. Jndeß erkennt auch W. an, daß diese „soziale Emanzipation" nicht von den Juden allein abhängt, vielmehr daß noch immer künstlich genährte Vorurtheil, Neid und Mißgunst ihr hindernd in den Weg treten, weshalb aber gerade die emporkommenden Juden sich nach außen hin des Maßhaltens, des Vermeidend alles Prunkes und aller Selbstüberhebung befleißigen sollten. Wir gestatten uns, hier einige Bemerkungen hinzuzufügen. Woher denn dieser Neid, diese Mißgunst gegen die Juden? Der Grund ist, weil man anderthalb Jahrtausende hindurch die Juden dem Volke als Fremde, als in jeder Weise zu beschränkende und zu vermindernde Eindringlinge hinstellte und von der Muttermilch an, ganz besonders im Religionsunterrichte noch heute hinstellt. Da muß das Volk mißgünstig auf jeden Juden blicken, der eine Stellung, oder einigen Besitz erwirbt; wir meinen natürlich das Volk in allen seinen Schichten. Dazu kommt der in unsrer Zeit ganz besonders rege Concurrenzneid, der stets wach wird, sobald die Concurrenz freigegeben ist. Im letzten Theile spricht W. über die Emanzipation nach innen, die er im Familien- und im Gemeindeleben findet. Als ein großes Nebel sieht er mit Recht die in einigen Provinzen Oesterreichs und noch mehr in Rußland noch in voller Kraft stehende frühzeitige Verheirathung an. Körperliche und geistige Verkümmerung und zahlreiche Ehescheidungen folgen daraus. Ein anderes Nebel ist ihm „die Anhäufung des sog. Kindersegens", welche Noth und Elend, Abirrungen vom Wege der Rechtlichkeit und völlige Vernachlässigung der Erziehung mit sich führt. Die vernünftige Erziehung muß allerdings nicht blos im Osten gefördert werden. Bei dem Religionsunterrichte findet er, „die unselige Verquickung von Grammatik, Chronologie und trockener Geschichtskunde mit den religiösen Grundlehren sehr untauglich , mindestens, unzulänglich". W. hat recht, wenn er von „trockener" spricht. Trocken , über können auch die „Grundlehren" sein. So gut

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