Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-07-18 · Heft 29 (18.7.1882) · p. Seite 474

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 29 (18.7.1882)
Date
1882-07-18
Page
Seite 474 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227423--40043-3257659
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

für diese Verfügung nach der Thatsache und nach dem Geiste dankbar. Ci« Testament Äoseph's Mtter von Wertheimer. Joseph, Ritter von Wertheimer ist ein Mann, der während eines langen Lebens feine Liebe für Judenthum und Juden in nachhaltigster Weife bethätigt hat. Er war viele Jahrzehnte hindurch Präses der israelitischen Kultusgemeinde zu Wien und führte sie und ihre Institutionen aus den verhältnißmäßig beschränkten Zuständen vor 1848 zu den großartigen Dimensionen hinüber, in welchen sie jetzt über 72,000 Seelen birgt. Nicht minder führt er den Vorsitz in der Wiener Allianz seit deren Gründung. Aber auch als Schriftsteller war er rühmlichster Weise thätig. Seine in zwei Bänden 1842 anonym heraüsgegebene Schrift: „Die Juden in Oesterreich. vom Standpunkte der Geschichte, des Rechts und des Staatsvortheils" war für die österreichischen Juden epochemachend, da sie in den verschiedensten Kreisen das rechte Bewußtsein über die Lage der Dinge, die Bedürfnisse und deren Befriedigung hervorrief. Dann gab er von 1854 bis 1862 ein „Jahrbuch für Israeliten" heraus, das sich durch' gediegenen Inhalt einen bleibenden Werth erwarb. Jetzt hat er das hohe Alter von 82 Jahren erreicht, und zu seinem Geburtstage vollendete er eine kleine Druckschrift: „Zur Emanzipation unsrer Glaubensgenossen", der wir hier eine Analyse widmen wollen. Aus einem erfahrungsreichen Leben, aus der ununterbrochenen, sorgfältigen Beobachtung der Ereignisse und Erscheinungen heraus giebt der verehrungswürdige Greis hier seine Ansichten und Rathschläge kund. Es ist wie ein Testament, welches der liebevolle Vater seinen Kindern und den nachfolgenden Geschlechtern übergiebt. Die sog. Emanzipation der Juden enthält ihm ein zweifaches Ziel: die Emanzipation nach außen und die nach innen. Aber auch schon die erstere hat einen zweifachen Inhalt: die bürgerlich-politische und die soziale. Er sagt: „In verschiedenen Zeiten und bis hinauf zu der unserigen haben sich manche Regierungen der Erwägung verschlossen, daß neben den Motiven aus den Sphären des Rechts, der Humanität und der Volkswirthschaft, welche für eine rückhaltlose Emanzipation der Juden sprechen, auch darauf zu achten sei, daß nicht irgend eine Rechtsungleichheit vor dem Gesetze sich auf die sozialen Verhältnisse übertrage. Wo jenes dem Juden auch nur ein gelbes Fleckchen anhängt, da werden namentlich die unteren Gesellschaftsklassen einen Entschuldigungsgrund bis zu Angriffen aus die Sicherheit des Lebens und der tiefer gehenden Mißachtung des mehr oder minder zum Paria gestempelten Juden erblicken. Auf diesen Urgrund lassen sich alle in alter und neuerer Zeit gegen die Juden geübten Unbilden zurückführen; nur hiermit ward der Funke ausgestreut,, den die niedrigsten Leidenschaften weit leichter zur Hellen Flamme anfachen konnten, als letztere sofort zu unterdrücken waren, und die in den verwerflichsten sozialistischen Gelüsten allzuviel Nahrung findet, um sich nicht verheerend weiter zu verbreiten." Der Verfasser hofft, daß diese Ueberzeugung sich immer mehr Bahn brechen werde, und sagt hinsichtlich der noch zurückstehenden Regierungen: „Es ist das drohende Gespenst_ der hereinbrechenden Anarchie, daß eine solche Entschließung (zur völligen Gleichberechtigung) herbeizuführen vermöchte." Hierauf wirst er einen Blick aus den gegenwärtigen Stand in den verschiedenen Ländern, und schließt: „Unglücklicher Weise aber übersteigt die Anzahl der schütz- und rechtlosen Juden Europas jene der in ihren Menschen- und Bürgerrechten anerkannten beträchtlich. Es erwächst dadurch im Sinne der Zusammengehörigkeit in Glauben und Stamm die moralische Pflicht für die Beglückten, sich der auf Grund ihrer Glaubens- und Stammes Verfolgten und Bedrückten'anzunehmen." Sein Blick wendet sich dem Antisemitismus zu, und eu bemerkt: : r' „Wenn eine so gefahrvolle Propaganda im großen Ganzen nicht weiter um sich griff, so ist dies einerseits dem gesunden Sinne der civilisirten Bevölkerungen, anderseits' aber auch den fortgeschrittenen Leistungen der Israeliten > in ihren menschlichen und staatsbürgerlichen Ausgaben zu suchen, wodurch den dieses Jahrhunderts und dieses Deutschlands unwürdigen Hetzereien und Wühlereien ein Ziel gesetzt würde. Allein solcher Stützpunkt könnte sich dereinst versagen, wenn nicht zu dessen Kräftigung wachsam die Hand geboten wird. Am besten wahren wir unsere staatsbürgerlichen Rechte und gelangen dazu, die Lücken, die sich in denselben noch vorfinden, zu ergänzen, wenn wir in Erfüllung unserer staatsbürgerlichen Pflichten uns unfern christlichen Mitbürgern gleich und selbst voranznstellen bemüht sind; und wie wir um den Staat, so auch um Volk und Volkswirthschaft, um Wissenschaft und Kunst uns verdient zu machen bestrebt sind, müssen wir es umso sorgfältiger meiden, durch äußern Prunk zu glänzen und Neid und Mißgunst heraufzubeschwören." Für diejenigen Länder in Osten, wo der Tag der Gleichstellung noch lange nicht anbrechen wird, hält er es'für besonders wichtig, daß die Masse zum Ackerbau und zu Handwerken sich qualifizire und daß die Zahl derer sich mehre, die als Aerzte, Ingenieure, Baumeister, Chemiker, Künstler, oder sonst einem geistigen Berufe nachlebend, begründete Aussicht haben, ihr Fortkommen außerhalb ihrer Heimathsstätte zu finden. . Und doch ist die Auswanderung Anderer, selbst wenn hiezu viel reichere Mittel' zu Gebote ständen, als es wirklich der Fall ist, nicht zu begünstigen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.