Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1882)
- Date
- 1882-07-11
- Page
- Seite 465 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Dann haben die religiösen Verfolger doch immer den Verfolgten für das, was sie ihnen Wegnahmen, ein größeres Gut Angeboten oder versprochen. Sie verbrannten den Körper, um. der Seele das ewige Höllenfeuer zu ersparen, sie nahmen Haus und Hof und versprachen dagegen die ewige Seligkeit. Was bieten aber die Nationalitätsfanatiker - den Verfolgten? Sie heucheln nicht mehr, daß sie für das zeitliche oder ewige Wohl des zu Bekehrenden Sorge tragen, sie sagen es offen heraus, daß sie nur ihren eigenen Vortheil im Auge haben, und nennen es Praktisches Christenthum. Praktisch mag es wohl sein, ob aber auch Christenthum? Und wer zu „aufgeklärt" ist oder zu ehrlich, um das Christenthum als Vorwand zu gebrauchen, der bemächtigt sich des unheilvollen Schlagworts „Kampf ums Dasein." Auf diesem Wege wird aber die Gastrula oder der Affe nicht zum Menschen, sondern der Mensch zum Thier. \ Deutschland. . Berlin, 26. Juni. (Privatmitth.) Die Strafen wegen Preßvergehens, welche den antisemitischen Redakteur Ruppel getroffen haben, scheinen auf denselben noch keinen genügenden Eindruck gemacht zu haben. * In einem in der Vorwoche seitens der „Ostend-Zeitung" ausgegebenen Extrablatt waren in denkbar gehässigster Weise die neulichen Verhandlungen im Ungarischen Parlament über die Esther Solymossi- Affaire für Hetzzwecke ausgebeutet worden. Der „Trib." geht nunmehr.die Nachricht zu, daß die königliche Staatsanwaltschaft beim Landgericht I. hiergegen eingeschritten ist und die verantwortliche Vernehmung Ruppel's wegen Vergehens gegen § 166. des Strafgesetzbuchs (öffentlicher Beschimpfung einer corporirten Religionsgesellschaft) veranlaßt und auch bereits die Anklage erhoben hat. < — Auch das jüngst abgehaltene Stiftungsfest der freien, wissenschaftlichen Studentenvereinigung, welchem mehrere Professoren, wie Mommsen, Lazarus u. a. beiwohnten,- gab Zeugniß, daß der antisemitische Geist aus der Berliner Studentenschaft geschwunden ist. Mommsen in seiner Rede berührte dies auch mit feinem Takt und betonte, daß in der Wissenschaft keine Parteileidenschaft, nach welcher Richtung dies auch sei, Platz greifen dürfe, weil jene der Wissenschaft und dem wissenschaftlichen Geiste die tiefsten Wundenschlüge. Berlin, 28. Juni. Wie wir den Franks. „Mittheilungen" entnehmen, hat das Berliner Central-Comitö über seine Thätigkeit berichtet. Wir entnehmen. Folgendes. Es gingen bei uns von den Comite's folgende Beträge ein: Vom Berliner Local-Comitö Mk. 100,000, Dr. I. Hildesheimer Mk. 7000, Breslau Mk. 50,000, Bamberg Mk. 4000, Beuchen. O./Schl. Mk. 2000/ Colberg Mk. 700, Cosel, R.-B. Oppeln Mk. 400, Düsseldorf Mk. 15,000, Dresden Mk. 10,000, Frankfurt a./M. Mk. 80,000, Hannover Mk. 20,000, Halle a./S. Mk. 1000, Hildesheim Mk. 10,000, Cöln a./Rh. Mk. 5000, Konstanz Mk. 411, Leipzig Mk. 5000, Liegnitz Mk.' 2000, München Mk. 12,000, Nienburg a. d. Weser Mk. 265. Zusammen Mk. 311,276. Zur Abhülfe der dringendsten Noch sandten wir nach Lemberg für Brody Mk. 24,000, und für Beförderung einer gut zusammengesetzten Gruppe Auswanderer aus der Gegend von Odessa Mk. 20,000 nach Hamburg.. Es stehen uns also zur Zeit noch ca. Mk. 267,000 zur Verfügung. Sehr schwierig ist die Lösung der Fragewas mit mehreren tausend in Brody weilenden Flüchtlingen zu thun ist, welche sich zur Auswanderung nicht eignen, und welche bei der Rückbeförderung in das von ihnen verlassene Vaterland ganz von vorn anzufangen haben, um sich ihren Unterhalt zu schaffen. Die „Tribüne" meldet aus Lemberg vom 10. Juni, ein galizischer Gutsbesitzer habe angezeigt, daß flüchtige Juden, die an der österreichischen Grenze zurückgewiesen, in Radziwilow (russ. Polen) in die Kasematten gesteckt und grausam-bestraft worden seien. Demzufolge fänden vorerst keine Zurückweisungen mehr statt. Eine andere Schwierigkeit boten uns diejenigen Personen, welche die Expedition an den Grenzen nicht abwarteten und auf eigene Hand von Ort zu Ort wanderten in der Hoffnung, von den Local-Comitö's befördert zu werden. In Berlin allein fanden sich täglich 50—60, mithin wöchentlich 300—400 derartige Flüchtlinge ein. Wir ersuchten daher in unserm Circular vom 23.. Mai sämmtliche deutsche Local- Comite's, bis zum 1. Juni noch auf ihre Kosten die bei ihnen weilenden geeigneten Flüchtlinge zu befördern, dann aber die Liste der sich bei ihnen aufhaltenden oder meldenden Flüchtlinge dem deutschen. Central-Comitö einzusenden und von hier aus die weiteren Bestimmungen zu erwarten: . — Eine Correspondenz der „Voss. Ztg." aus Wien vom 26. d.-, welche den Zustand der. russischen. Emigranten in Brody bespricht schließt mit den Worten: „Wäre denn irgend etwas groß Gewaltiges dabei, wenn die vier Rothschild-Häuser selbst eine Million.opferten, um den Juden das, was sie selber die. elfte egyptische Plage nennen, überstehen zu helfen?" > Die Antwort auf diese Frage ist leicht gegeben: Sie könnten wohl, aber sie wollen nicht.