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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-07-11 · Heft 28 (11.7.1882) · p. Seite 464

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 28 (11.7.1882)
Date
1882-07-11
Page
Seite 464 (sequence 8)
Language
German
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m Nachkommen revanchirerr,. so läßt sich dagegen, wenn man sich auf den Standpunkt stellt, daß die Kinder die Sünden der Väter zu büßen haben, nichts einwenden; aber wir sollten uns doch nicht so naiv verwundern, wenn die Mohammedaner, was sie von uns gelernt haben, auch gegen uns anwenden. Streiten sich Frankreich und Italien um Tunis, wetteifern Engländer und Franzosen in der Ausbeutung Aegyptens, hetzt Rußland christliche Bulgaren und Serben gegen die Türken, so predigen islamitische Fanatiker den heiligen Krieg gegen die Ungläubigen, dem Panslavismus stellt man den Panislamismus entgegen und Arabi Pascha ruft: „Aegypten für die Aegypter!" Wir schicken unsere Panzerflotten, um unsere Nationalen in Aegypten zu schützen und unsere Interessen wahrzunehmen. Nun ist es nicht zu läugnen, daß dort europäische Interessen zu schützen sind, wenn es auch nur die Interessen der Gläubiger sind, welche die Chedives bewucherten, und für die Herrschaft Englands über Indien ist der Suez-Canal von höchster Wichtigkeit. Der Aegypter aber denkt sich: „was liegt mir denn daran, daß ein paar, tausend Engländer über viele Millionen Buddhisten, indischer Mohammedaner, Brahmaverehrer u. s. w. herrschen sollen? Uebrigens haben die Giaurs zwei unschätzbare Schlagworte erfunden, Ausbeutung und Nationalität, und so viel können wir uns schon von europäischer Civilisation.aneignen." Warum soll das Feldgeschrei, das in Rußland so gute Dienste gegen die Juden leistete, in Aegypten nicht gegen die Giaurs angewendet werden? Liest man die Berichte über die Tumulte in Alexandria, so bekommt man den Eindruck, als ob man eine Copie der Vorgänge in Kijew und Balta vor sich hätte. Freilich konnte man im Innern Rußlands etwas ungenirter Vorgehen als in Alexandria in Gegenwart europäischer Consuln und Panzerschiffe. Und Arabi Pascha ist gegen die europäischen Diplomaten noch höflicher und freundlicher als Jgnatjeff gegen jüdische Deputationen! Der Alexanrinische Pöbel ist aber zu Excessen noch geneigter als die Kazapen, und hat von jeher gern seine Wuth an andersgläubigen Minoritäten ausgelassen. Im Jahre 249 war es der heidnische Pöbel, welcher seine Wuth an den Christen kühlte. Der 31. Januar und 9. Februar sind, die Gedenktage der christlichen Märtyrer Apollonia, Metran und Quinta. Dem greisen Metran wurden, da er sich weigerte Christum zu schmähen, Holzsplitter in die Augen gedrückt, dann wurde er durch die Straßen der Stadt geschleift und endlich gesteinigt. Der Apollonia, einer tugendhaften alten Christin, wurden alle Zähne ausgeschlagen, dann schleppte man sie zu einem Scheiterhaufen, zündete ihn an und drohte ihr sie hineinzüwerfen, falls sie nicht den Christengott beschimpfen werde. Apollonia, um weiteren Qualen zu entgehen, riß sich von ihren Peinigern loß und sprang in den brennenden Scheiterhaufen. Quinta, welche die Götterbilder nicht'^nbeten wollte, wurde "durch die Straßen geschleift und in Stücke gerissen u. f. w. Ungefähr anderthalb Jahrhunderte später war der Alexandrinische Pöbel noch eben so grausam und fanatisch, aber diesmal war es nicht mehr heidnischer, sondern christlicher Fanatismus. Auf Anstiften und unter Anführung des christlichen Patriarchen, des heiligen Cyrillus, überfiel er die jüdische Synagoge, unter dem Vorgeben, die Juden hätten einige Christen getödtet, obwohl der kaiserliche Gouverneur von Alexandria, der selbst ein Christ war, dieser Anklage nicht recht glauben wollte. Die überraschten und unbewaffneten Juden leisteten keinen Widerstand und ließen sich aus der Stadt jagen; ihre Synagogen wurden geplündert und zerstört. Zwei oder drei Jahre später (anno 415) ging es auf Anstiften desselben Patriarchen gegen die noch in Alexandria befindlichen Heiden los. Unter diesen ragte die durch Geist und Schönheit gleich ausgezeichnete Hypatia, Tochter des Mathematikers Theon, hervor. Sie hielt Vorlesungen über Philosophie und Mathematik, führte ein höchst tugendhaftes Leben, und die Angesehensten und Vornehmsten der Stadt drängten sich zu ihren Vorlesungen oder suchten ihre Gesellschaft auf. In der heiligen Fastenzeit wurde sie, als sie durch die Stadt fuhr, durch den christlichen Pöbel vom Wagen gerissen, nackt ausgezogen, in die Kirche geschleppt und auf grausame Weise getödtet. Ihr Fleisch wurde mit Austerschalen von den Knochen gekratzt und ins Feuer geworfen. Zur Abwechslung ist es jetzt wieder mohammedanischer Fanatismus gegen Christen, der den Alexandriner Pöbel aufhetzt. Es ist eigentlich kein großer Unterschied, ob man wegen seiner Religion oder wegen seiner Nationalität todtgeschlagen wird. Aber gegen erstere Verfolgungsart kann man sich wenigstens durch einen Religionswechsel schützen, die Nationalität kann man aber nicht so leicht wechseln.. Selbst wenn man seine fünfzig Kreuzer zahlt, um seinen Namen magyarisiren zu lassen, was, wie neulich.in der „Allg. Ztg." auf Grund eines amtlichen ungarischen Actenstückes zu lesen war, den Forstbeamten in Ungarn besonders empfohlen wird, kann man nicht darauf rechnen, von den Jstoczys und Onodys als echter Magyar anerkannt zu werden; ja, selbst Kindern und Kindeskindern wird die Beimischung eines Tropfens, semitischen Blutes nicht verziehen. Dagegen aber war Frau de Maintenon viel toleranter. Sie meinte nämlich, von den bekannten Dragonnaden Louis XIV. sprechend: „Ich glaube zwar nicht an die Aufrichtigkeit aller dieser erzwungenen Bekehrungen, aber Gott bedient sich verschiedener Mittel, um die Ketzer auf den rechten Weg zu bringen. Wenn die Väter , auch Heuchler sind, so werden doch die Kinder gute Katholiken sein." ' -

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