Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1882)
- Date
- 1882-07-11
- Page
- Seite 462 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227422--40030-3257645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
462 Schaden, materiellen wie moralischen, erduldete, daß dieser Landadel, der seine Zwingburg in den Comitaten besitzt und' dem auch die Leutchen vom Schlage eines Jstoczy ynd Onody^ angehören, sein herannahendes Ende'verspürt und gleichsam als letzte Anstrengung des Antisemitismus, d. h. das Fischen im Trüben, Pflegt, hoffend, daß es ihm so gelingen wird, vor der öffentlichen Meinung „Verdienste" um das Vaterland errungen zu haben und dadurch seine Position zu verbessern und seine Superiorität auf weitere Jahre zu sichern. Das ist der wahre Schlüssel der neuesten antisemitischen Wühlereien in Ungarn, und ich hielt es für meine Pflicht, dies dem ausländischen Publikum gegenüber, das vielleicht in Folge dieser wirklich höchst beschämenden und jeden es mit seinem Vaterlande ernst und ehrlich meinenden Ungarn, sei er Jude oder Christ — tiefschmerzenden neuesten Ereignisse und Strömungen geneigt wäre, über den historisch viel zu oft bewährten Freiheits¬ und Gerechtigkeitssinn der ganzen ungarischen Nation, des ungarischen Volkes, der ungarischen höheren Intelligenz den Stab zu brechen. Doch, die Zeit der „Abwiegelung" wird schneller als man glaubt, auch hier, wie anderwärts, eintreffen. Die Regierung läßt sich in ihrer Energie durch nichts beirren, die Ernüchterung dürste nicht lange auf sich warten lassen, und, wie es den Anschein hat, wird dieselbe für den „Antisemitismus " genannten staatsgefährlichen Schwindel eine gründliche, eine niederschmetternde sein. Das sind wir berechtigt, binnen Kurzem zu erwarten! . . , Autochthon und national» Aus der Augsb. „Allg. Zeitung". Die „A. A. Z." hat seit Monaten dem Antisemitismus gegenüber eine vorzügliche Stellung eingenommen, am würdigsten und zugleich am geistvollsten unter allen deutschen und französischen Zeitungen, die uns zu Gesichte gekommen sind. Indem wir ihr hierfür unsere dankbare Anerkennung zollen, entnehmen wir derselben heute einen ausgezeichneten Leitartikel in der Nr. vom 26. Juni, in welchem eine so vielfach ventilirte Frage auf's Hellste beleuchtet wird. M.L. Zu den unbegreiflichsten Widersprüchen unserer Zeit gehört der manchmal bis an die Selbstvergötterung heranreichende Cultus der eigenen Nationalität neben dem, besonders von Halb- und Viertelwissern, eifrig betriebenen Nachbeten der Lehren Darwins und seiner mehr oder weniger treuen Jünger. Wie-bescheiden hat uns noch bie Bibel gelehrt, daß wir alle von einem Menschenpaar abstammen, ebenso wie' jede Thiergattnng von ihrem Elternpaar abstammt, das nur einen Tag früher als der erste Mensch erschaffen wurde. . Die Philosophen und Deisten des vorigen Jahrhunderts, wenn sie auch mit den religiösen Urkunden der positiven Religionen und besonders mit der Bibel nicht auf dem besten Fuße standen, und sich durchaus nicht verpflichtet fühlten an die Abstammung aller Menschen von Adam und Eva zu glauben, predigtendoch Duldung und allgemeine Menschenliebe. Wir, die wir so klug und gut unterrichtet sind, daß wir es ganz genau wissen, wie alle lebenden Wesen von der Monere und ihrem Töchterchen der Gastrula abstammen, sind nicht bloß weit entfernt von der Liebe und Schonung aller Thiere, wie sie der Buddhismus empfiehlt, sondern selbst das "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst," wird von uns nicht befolgt, sobald dieser Nächste statt tubls Tisch sagt oder eine längere Nase, einen breiteren Schädel als unsereins hat. „Wenn die australische Ameise zerschnitten wird" — erzählt ein Naturforscher — „so kehren sich sofort beide Hälften gegen einander und bekämpfen sich unter den unverkennbaren Affecten des Zornes und der Kampflust mit ihren Stacheln wüthend bis zum Tode oder zur Erschöpfung." Es scheint fast, als ob unsere modernen Nationalitätsfanatiker sich dieses tapfere und kriegslustige Thierchen zum Muster genommen hätten; nur begnügen sie sich nicht mit ihren Stacheln, Klauen oder Krallen ihre allernächsten Anverwandten wie die australische Ameise zu bekämpfen,, sondern dehnen auch den Krieg auf die entfernteren Glieder der großen von Adam oder von der Monere abstammenden Familie aus. „Anstatt der Religionskriege der früheren Jahrhunderte haben wir jetzt die Nationalitätenkämpfe," ist oft gesagt worden: aber haben wir denn jetzt wirklich religiösen Frieden? Hat das was in Irland, in Egypten und in Rußland vorgeht, nichts mit der Religion zu schaffen? Und haben Unfehlbarkeitsdogma, Syllabus und Culturkämpf etwa zum allgemeinen Frieden beigetragen? Wir sind also sowohl mit nationalen als mit religiösen Kämpfen gesegnet. Dazu aber kommt noch ein Drittes, was man den Kampf um die Heimathsberechtigung im weiteren Sinne nennen könnte. Wir sagen nicht mit Rousseau, daß der Gründer der civilisirten menschlichen Gesellschaft, der Mann, welcher zuerst ein Feld einzäunte nnd sagte: „dieß gehört mir," an allen Verbrechen, Kriegen, Mord- und Gräuelthaten, welche seitdem in der Welt begangen wurden, die Schuld trage; aber wir fragen: welche Folgen wird es für den Weltfrieden und die Civilisation haben/wenn man nach Jahrtausenden langer Culturarbeit um ganze Länder und Welttheile solche Zäune zu ziehen versucht, wenn man das Recht des ersten Occupators nicht auf den Boden beschränkt, sondern ans Licht und Luft ausdehnt, Europa, gleichsam für eine Privatdomäne der indogermanischen Völker erklärt, deren Betreten allen Semiten, Hamiten und Turaniern verboten werden müßte?