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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-07-11 · Heft 28 (11.7.1882) · p. Seite 461

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 28 (11.7.1882)
Date
1882-07-11
Page
Seite 461 (sequence 5)
Language
German
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461 in den untersten Schichten jeder Gesellschaft schlummernden Gelüste, nach bequemen Raub, nach angeblich einer Nothwehr entspringender Plünderung in unserem Vaterlande neuerdings in einer Weise angefacht, geschürt und künstlich „bearbeitet" werden, wie nie zuvor. Und dabei stellte, es sich heraus, daß das veraltete, das avitische Magyarenthum, dasjenige das sich gegen die-Forderungen der Neuzeit fester verschließt, das den Liberalismus nur lügt, im innersten Herzen aber national und confessionell engherzig, .ja oft fanatisch denkt, daß diese — Gottlob langsam, allerdings sehr langsam auf den Aussterbeetat gesetzte — Schicht der ungarischen Nation, die im Parlamente durch die extreme Partei, durch die „äußerste Opposition" ihre lärmende, geschwätzige, unduldsame, und den wahren, echten Liberalismus nur heuchelnde Vertretung findet — heute rühriger ist, denn je, ja deren Auftreten schon zu einer Lage geführt hat, die Ungarn nicht zur Ehre gereicht. Sie wissen, was ich meine. Es sind dies die Enunziationen mehrerer Comitäte in Bezug auf die Einwanderung der verfolgten russischen Juden-Enunziationen, die in Wahrheit gegen alle Juden als solche gerichtet waren. Allerdings wollen die Anhänger der sich überlebt habenden Comitate, dieser Bollwerke mittelalterlicher Gesinnung und bis auf die Spitze getriebener nationaler Engherzigkeit, die letztere Deutung, daß sich nämlich ihr Votum eigentlich auf alle Juden bezieht, rundweg verleugnen, doch man muß gar nicht sehr geschickt sein in der Kunst, zwischen den Zeilen lesen zu können, um den Kern der Wahrheit aus diesen eigentümlichen Verballhornungen herauslesen zu können. Ja schon dieser kleinen Mühe enthebt uns die Gefälligkeit manchen Comitates, die sich in der „Begründung" der Enunziation für uns darthut. Ich verweise nur auf die famose „Einleitung" (?) des Pester Comitates zu seiner Petition gegen die Einwanderung der verfolgten Opfer moskowitischer Raub- und Mordsucht. Diese Einleitung wurde vom angesehensten Blatte Ungarns, dem „Pester Lloyd", mit Recht ein förmliches Pamphlet gegen alle Juden genannt. Und eine solche Resolution geht aus dem ersten und wichtigsten Comitate Ungarns hervor, aus demselben Comitate, dessen königl. Studieninspektor, ein liberaler Christ vom Wirbel bis zur Zehe, bei einer jüngst zu Ehren eines hochverdienten israelitischen Lehrers gehaltenen Jubiläumsfeier den Ausspruch gethan, daß er, als Studieninspektor, aus seiner eigenen Erfahrung sagen könne, daß „in allen israelitischen, .sogar in der letzten orthodoxen Winkelschule, der beste nationale und patriotische Geist herrsche, daß die Kinder alle in lobenswertester nationaler Weise erzogen werden." Und was war die Antwort auf diese amtliche, auch in die Blätter übergegangene Aeußerung des Comitatsschulinspektors? Einige Tage darauf jenes Pasquill desselben Comitates, in dem es unter Anderem auch heißt, daß „der Jude als solcher in Wahrheit sich der magyarischen Nation nie assimiliren.kann" und derlei antisemitische Brocken mehr. Und dabei nennt man uns ungarische Juden, wie Schreiber dieses im Auslande bei aufgeklärten Glaubensgenossen gar oft selbst gehört, die reinen „magyarischen Chauvinisten". Gewiß, alle Comitate sind nicht von diesem eigenthümlich „liberalen" Geiste des „Muster-" und „Central"-Comitates „Pest-Pilis und Solt" beseelt, so manches andere Municipium in den verschiedensten Gegenden des Königreichs besaß genug offenen Freimuth seiner — man sage, was man wolle — im Grunde sehr engherzigen szatmärer Petition, die doch bekanntlich mit den einwandernden armen Verfolgten staatlicherseits ein förmliches Geschäftchen für das Recht der Niederlassung eingehen wollte, sich nicht anzuschließen, ich erwähne nur das stockmagyarische Debreczin, das ebenso magyarische Comitat JLsz-Kun-Szolnok (das die Petition einstimmig verwarf), beide so ziemlich im Mittelpunkte des Landes, das stockslavische Comitat Trencsen und das deutschslavisch-ungarische Pittburg an der Westgrenze, dann drüben im Osten das siebenbürgische Comitat Kolos (Clausenburg), seiner Bevölkerung nach ebenfalls meist magyarisch, doch diese Municipien waren in der Minderheit, und wäre das Parlament und die kluge, einsichtsvolle, liberal denkende Regierung nicht dagewesen, die mittelalterlich angehauchten Comitatsmunicipien hätten — trotz mancher mannhaften Gegenerklärung ihrer höchsten Autoritäten, so des liberalen Obergespans in Somogy und Beßpriem — Ungarn von der Annahme einer Resolution nicht befreit, die dem Lande zur Schande und allen seinen Gegnern — und deren hat es innen und außen, besonders slavischerseits: wahrlich genug — zur Hellen Freude gereicht hätte, denn das wußten ja eben die slavischen Umsturzmänner des Landes, daß sich der leitende Volksstamm, der magyarische, in irgend einer Weise öffentlich so kompromittire, damit sie höhnisch mit den Fingern vor der Welt darauf Hinweisen können: „Seht, der Magyare ist als solcher ungeeignet, sich den Forderungen der Humanität und der Gerechtigkeit, somit des Fortschrittes anzuschmiegen, dies Volk hat sich damit überlebt, und ein anderes muß statt seiner die Hegemonie in Ungarn in Besitz nehmen!" Alles in Allem ist also bisher eine Thatsache aus all den bisherigen antisemitischen Wühlereien unwiderleglich klar hervorgegangen, es ist die, daß leider, besonders in der hälbcivilisirten magyarischen Gentry, die ohne Arbeit, wie früher, leicht leben möchte, jener Gentry, deren Söhne das väterliche'Erbe oft in leichtsinnigster Weise verprassend, dann allerdings oft in Wucherhände (und darunter oft auch in jüdische, gerathen, und aus diesen Persönlichen Motiven in gemeinster Rachelust ihr Müthchen oft an allen Juden kühlen wollten, und wenn das von ihnen angeblich so heißgeliebte Vaterland dabei auch den empfindlichsten

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