Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1882)
- Date
- 1882-07-11
- Page
- Seite 460 (sequence 4)
- Language
- German
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460 8. Nachdem die Auswanderer einem bestimmten Orte zugewiesen sind, wo irgend eine Zweigorganisation besteht, soll jede künftige Handlung in Betreff solcher Auswanderer unter der Leitung und Coutrole einer solchen Zweigorganisation stehen, und keiner Zweigorganisation.-soll es erlaubt sein, irgend solche Auswanderer nach einem anderen Orte unter die Jurisdiction eines anderen Zweiges zu überführen ohne die Zustimmung dieses Zweiges. 9. So beklagenswert die Verfolgungen, gewesen und noch sind, ist die. Thatsache, daß sie in allen Theilen der civilisirten Welt die großherzigste Sympathie hervorgerufen haben, ein Gegenstand der allgemeinen Freude, welche wir aufrichtig würdigen und hiermit öffentlich anerkennen. 10. Ein Comitö von Fünf soll ernannt werden, welches die Rathsamkeit des Ansuchens der Mitwirkung der Regierung der Verein. St. in der Versorgung der Flüchtlinge berathen soll, und wenn sie das Ansuchen einer solchen Mitwirkung für rathsäm halten, sollen sie ermächtigt werden in dieser Richtung Schritte zu thun, wie sie nach ihrem Urtheil zweckdienlich sein mögen." Daß diese Organisation durchaus angemessen ist, wird jedem einleuchten. Zu wünschen bleibt nur, daß sie auch verwirklicht werden. Wir . schließen unseren Bericht mit dem Worte eines angesehenen amerikanischen Blattes: „Der Worte sind genug, nunmehr die That!" Antisemitische Wühlereien in Ungarn. Pest, 26. Juni 1882. Pa. „Das ist der Fluch der bösen That, daß sie fortzeugend Böses muß gebären." Dieses so sehr dem Leben der Menschheit entnommene Dichterwort hat sich wohl neuerdings nirgends so sehr bewahrheitet, als gerade in Bezug auf den euphemistisch sogenannten „Antisemitismus", eine Bewegung, die dem wahren Namen nach benannt, das Geifern der unlauteren Elemente gegen die Ordnung der Gesellschaft, gegen die Solidität aller Errungenschaften im Staate, mit einem Worte, gegen das Fortschreiten eines jeden Gemeinwesens und dadurch der ganzen Menschheit gerichtet ist. Es war für jeden klar Denkenden in der That leicht vorauszusehen, daß Stöcker's, Henrici's und Consorten saubere Theorien vom „praktischen Christenthum" besonders ostwärts, also nach Ungarn und Rußland zu, bald ihre Fortsetzungen erhalten werden. Ostwärts, sagte ich, denn das Licht der Cultur und der Freiheit ist im Westen Deutschlands schon viel zu hell, als daß etwa auf französischem, englischem, niederländischem oder gar amerikanischem Boden derlei jedem Staate in ihrer letzten Entwickelung geradezu Verderben bringenden perversen Tendenzen in üppige Halme aufschießen könnten. Sagt ja der Amerikaner so schön uiid so' treffend : „Westwards the star of empire takes its way.“ Ja einem solchen Treiben kann nur von dem noch im Prozeß der Civilisation begriffenen Osten unseres Welttheils ein Sukkurs erwachsen. Und nun zeigte sich wieder der Welt ein neuer Beweis dafür, daß es Ungarn mit seinem buntscheckigen Bölkercouglomerat, trotz der Schwierigkeit seiner geographischen und ethnographischen Lage und als bedeutend kleinerer Staat, dennoch um Vieles ernster meint mit der Aufnahme westländischer Cultur und echt christlicher, in edlem Sinne des Wortes, praktisch christlicher Humanität als der nordische Koloß mit seiner erdrückenden Militärmacht, seiner einem Welttheile ähnlichen Riesenhaftigkeit. Hier in Ungarn trotz der gewissenlosesten und unleugbar nicht ungeschickten Hetzereien antisemitischer Wanderprediger, trotz kolossalem Aufwand an Flugschriften und niederträchtigen Pamphleten, trotz der von antisemitischer Seite in gemeinster Weise zu einer „Staatsaffaire" aufgebauschten Lügenaffaire des „Tißa-Cßlarer" rituellen Mordes, trotz aller und aller destructiven Anstrengungen hier, in Ungarn, ist bis heute noch kein einziger Fall thatsächlicher Ausschreitungen von Seite des ungarischen Volkes gegen die Juden, keine einzige Scene von Exeessen des Pöbels gegen jüdisches Eigenthum oder gegen die Lebenssicherheit jüdischer Mitbürger, Scenen, wie sie in Hinterpommern vorgekommen sind, ja wie sie von dort her unsern Stöcker's und Henrici's als nachahmenswerte Beispiele dienen, auf die sich diese „ungarisch-nationalen" Dunkelmänner fortwährend öffentlich berufen. Hoffentlich bleibt der wohlverdiente Ruf ungarischen Freiheitssinnes und ungarischer Toleranz auch weiterhin von allen Makeln und unschönen Flecken frei und wird der ganze antisemitische Spuk sich bald so legen, daß die Ordnung im Staate bei keiner Gelegenheit eine Störung erleiden wird. Hoffentlich, aber nicht, heute leider schon nicht mehr ganz gewiß. . . . Es kann und soll nämlich nicht geleugnet werden, daß die bösen Instinkte in der untern Bevölkerung Ungarns seit der Frage der Einwanderung' der verfolgten russischen Juden, eine Frage, die, wie Sie wissen, trotz der riesigen Anstrengung von „besserer nationaler" Seite in humaner Weise im Parlamente erledigt wurde, seit der aus diesen parlamentarischen Verhandlungen durch das einstimmig gerügte niederträchtige Benehmen Jstoezy's hervorgegangenen Duells dieses Antisemiten-Apostels mit dem die Sache der Gerechtigkeit und Menschlichkeit wacker verteidigenden israelitischen Abgeordneten Wahrmann, seit der animosen Tißa-Eßlarer Lügenaffaire, von der heute die Thatsache noch immer nicht bewiesen ist, und in antisemitischem Sinne, d. h. daß hier ein ritueller Mord vorliege, natürlich auch nie bewiesen werden kann, ich sage es ist unleugbar, daß die