Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1882)
- Date
- 1882-07-11
- Page
- Seite 458 (sequence 2)
- Language
- German
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ausgedrückten Allerhöchsten Willens zuzuwenden, halte ich es meinerseits für meine Pfllicht zu erklären, daß Gewaltthätigkeiten und eigenmächtiges Verfahren durch keine Beweggründe gerechtfertigt werden können, daß daher für das rechtzeitige Ergreifen von Maßregeln zur Verhütung und Unterdrückung von Unordnungen die Herren Gouverneure persönlich verantwortlich sind, und daß ein jedes Auftreten von Unruhen die unausbleibliche Folge haben wird, daß diejenigen Amtspersonen, deren Pflicht es zunächst war, für die Verhütung von Unordnungen zu sorgen, sofort zur gerichtlichen Verantwortung gezogen werden. Indem ich es nicht für möglich halte, irgend welche nähere Anweisung betreffs der Mittel, den angegebenen Zweck zu erreichen, zu geben, da diese Mittel einerseits durch das Gesetz vorgezeichnet sind, andererseits bezüglich der Wahl" derselben in der Anwendung von zufälligen zeitlichen und örtlichen Umständen abhängen, bin ich überzeugt, daß die Herren Chefs der Gouvernements den durch den Allerhöchsten Willen deutlich.ausgesprochenen Forderungen Nachkommen und vollkommen meine Erwartungen in dieser Hinsicht rechtfertigen werden, indem sie ihrerseits jede Nachlässigkeit der Behörden unnachsichtig ahnden." Diese Verfügung war die erste Amtshandlung des neuen Ministers und nach ihrem Erlaß hat man von keiner Judenhetze in Rußland bis jetzt wieder gehört. Dieselbe gesteht unumwunden ein, daß die stattgehabten ungeheuren Excesse vorzugsweise der Nachlässigkeit, dem ruhigen Zusehen der Sicherheitsbehörden, Gewehr bei Fuß, und, fügen wir hinzu, die Frivolität der Richter in der Bestrafung der an Juden verübten Verbrechen zuzuschreiben sind. Diese Greuel würden nicht stattgefunden haben, wenn 1. von Beginn an dem Volke der absichtlich ausgestreute Wahn, daß der Kaiser die Plünderung und Mißhandlung der Juden wolle, durch eine rechtzeitige Verfügung der Negierung genonunen worden wäre; 2. wenn von Beginn an die Sicherheitsbehörden ernstlich und nachdrücklich dagegen eingeschritten wären; 3. wenn die Bestrafung der Verbrechen nach den bestehenden Gesetzen geschehen wäre. Alles dies holt die obige Verfügung nach, nachdem Tausende von Menschen unglücklich, km Elend preisgegeben worden und blühende Städte dem Ruin nahegebracht sind. Hiermit ist aber zugleich der Beweis erbracht, daß die Verantwortlichkeit für alle geschehenen Greuel auf das'Haupt des Grafen Jgnatiew fällt, der auch positiv als Urheber derselben angesehen werden muß, da sein Stillschweigen und noch mehr die Austreibungen und neuen Beschränkungsmaßregeln den Pöbel geradezu aufreizten und berechtigten, die blutigen Excesse fortzusetzen. Wir können nur den lebhaften Wunsch hinzufügen, daß diese Wendung der Dinge in Rußland eine dauerhafte sei und zu ihrer logischen Folge die Verbesserung der bürgerlichen Lage der Juden haben möge. In Nr. 22 (vom"3. Juni.) bringt die „Gegenwart" einen kleinen aber energischen Aufsatz des Prof« Dr. H. Steinthal in Berlin: „Die Juden und kein Ende". Derselbe ist vor dem Sturze Jgnatiew's verfaßt und spricht die Ansicht aus, die europäischen Großmächte und die gesammten Börsen müßten dem russischen Minister des Innern erklären, daß sie, wenn die Greuel in Rußland nicht aufhörten, alle Verbindung mit-ihnen aufheben würden. Er glaubt allerdings nicht, daß dies geschehen würde, da die Judenverfolgung ein geeignetes Objekt sei, um die unruhige Stimmung des Volkes von den eigentlichen Gegenständen derselben abzulenken, die Staatsmänner aber sich gegenseitig gern einen „Liebesdienst" thäten. Jndeß, was die Staatsmänner nicht gethan, das hat die energisch aufgetretene Meinung Europas und zugleich die selbst in Rußland gemachte Wahrnehmung vollbracht, welche Schäden der russischen Finanz, der Industrie, dein Handel und dem gesammten Wohlstände durch jene Plünderungen und Brandstiftungen zugefügt worden. Dies sind die Ursachen von der Wendung der Dinge in Rußland. Eine Conftrenz m New-Horr. New-Iork, 9. Juni. Das Hülfs-Comits für die russisch-jüdischen Einwanderer hatte eine Versammlung von Delegirten aus allen Theilen der Ver. Staaten und Canada's berufen, um eine, das ganze Land überspannende Organisation zu zweckmäßiger Hülfeleistung für die Einwanderer zu erwirken. Es wäre in der That sehr nützlich gewesen, wenn diese Versammlung bereits vor einem Jahre, stattgefünden hätte, da sich das Bedürsniß schon damals herausstellte. Die Conserenz fand am 4. Juni im Saale des israelitischen Waisenhauses statt und war,; wie die amerikanischen Blätter sich aussprachen, das imposanteste Meeting, das bisjetzt seitens der nordamerikanischen Juden vor sich gegangen. Die Provinzen halten ihre hervorragendsten Männer geschickt. 25 Vereine waren durch 40 Delegirte vertreten: Albany, Brooklyn, Baltimore, Buffalo, Boston, Charlestön, Cincinnati, Chicago, Hartford, Houston (Texas), Louisville, Milwaukee, Montreal, (Canada), New- Haven, New-Orleans, Newark, New-Iork, Pittsburg, Philadelphia, Portland, Quincy, Rochester, St. Lpuis, Toronto (Canada), Washington. Das Mansionhouse-Comits in London hatte den Herrn G. S. Iates herübergesandt und auch Herr Moritz Ellinger, der von seiner Missionaus Europa zurückgekehrt ist, nahm an den Verhandlungen^ Theil. Nach einem Gebet, welches Per». H. S. Jakobs sprach, und einem Gesänge, den die Waisenkinder und ein Chor der Industrieschule ausführten, eröffnete der Präsident des New-Iorker Vereins, H. S. Henry die Versammlung, indem er die Dele-