Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1882)
- Date
- 1882-07-04
- Page
- Seite 453 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Frage: „Ist es noch nöthig, die hebräische Cursivschrift zu lehren, eventl. in wie weit ist hierbei der deutschen Rechtschreibung Rechnung zu tragen?" Referent verneinte die Frage und meinte, man könne in der Religionsschule die Zeit nützlicher verwenden. Dr. Guttmann sprach sich dahin aus, daß dieser Unterricht nicht mehr obligatorisch, sondern fakultativ bestehen bleibe. Wo die Zeit es gestatte, da möge die Cursivschrift ruhig weiter gelehrt werden; besondere Opfer brauche man jedoch in dieser Beziehung nicht zu bringen. Bezüglich der Anwendung der deutschen Rechtschreibung konstatirt Fauerbach, daß dieselbe bereits vielseitig mehr oder weniger angewandt würde. Es sei dahin zu streben, daß in dieser Beziehung weiter gegangen werde, und die deutsche Rechtschreibung thnnlichst ganz und allgemein zur Anwendung komme. Herr vr. Guttmann wünscht die deutsche Rechtschreibung nur insoweit zur Anwendung gebracht zu wissen, als durch sie das Berständniß der Cursivschrift nicht gestört werde. — Damit war die Tagesordnung erledigt. Dr. Guttmann gab noch anheim, daß der Verein gleich mehreren andern Vereinen sich mit der Frage bezüglich eines Normal-Lehrplans für Religionsschulen befasse und empfahl zu diesem Zwecke eine Commission zu ernennen, die der nächsten Conferenz einen Plan, der sich praktisch verwerthen lasse, zur Vorlage bringe. — Die Versammlung erklärte sich damit einverstanden und wählte zur Commission Landrabbiner vr. Guttmann-Hildesheim, Seminardirektor Dr. Prager- Hannover, Oberlehrer Baßfreund-Hannover, Lehrer Philipp- Lüneburg und Lehrer Ackermann-Nienburg. — , Es wurde sodann bestimmt, die nächstjährige Conferenz wieder in Hildesheim und zwar am 13. und 14. Mai abzuhalten. Zu derselben haben außer einem Referate des Lehrers Löwenstein-Neustadt a. Rbg. über „die materielle Lage der jüdischen Lehrer und deren äußere Stellung" Landrabbiner vr. Guttmann und Seminardirektor vr. Prager Vorträge zugesagt. — Nachdem die Versammlung sowohl dem Herrn vr. Guttmann, dem Vorstande der Gemeinde und dieser selbst für das der Conferenz bewiesene Interesse und für die gastfreundschaftliche Aufnahme wie auch dem Bereinsvorstande für die hingebende Leitung der Vereinsangelegenheiten durch Erheben von den Sitzen gedankt, und erklärte der Vorsitzende, nachmittags 6 Uhr, die Conferenz für geschlossen. — Die Conferenzmitglieder begaben sich nun auf freundliche Einladung des Vorstandes der Gemeinde nach dem Georgenpark, wo sie gastlich bewirthet wurden. — Gegen 9 Uhr trennte sich die Versammlung mit dem Bewußtsein, einen in jeder Beziehung genußreichen Tag verlebt zu haben und in der Hoffnung frohen Wiedersehens. — Die Schriftführer: Blumenfeld-Adelebsen. Stern-Hildesheim.. vermischtes. Eine warnende Geschichte. . i Man schreibt der „Voss. Zig.": Die Geschichte der an das Verschwinden eines ungarischen Mädchens geknüpften Judenhetze in Ungarn beweist, daß gewisse den Völkern anhaftende seit Generationen vererbte Vorprtheile und Fabeln schier unausrottbar sind, und gelegentlich immer wieder auftauchen. Die Sage, daß die Juden zu gewissen rituellen Verrichtungen Christenblut gebrauchen, ist schon Jahrhunderte alt, ist hundertmal durch den auffälligsten Augenschein und die sorgfältigsten Untersuchungen widerlegt worden, lebt aber immer wieder auf, sobald irgend ein räthselhaft scheinendes Ereigniß alte Erinnerungen in beschränkten Köpfen wieder wach ruft. Es sei mir gestattet, bei dieser Gelegenheit ein harmlos verlaufenes Ereigniß der Art aus eigener Erinnerung vorzubringen. Ich habe gleich dem Abgeordneten Eugen Richter als noch junger Referendar das Landrathsamt in einer oberschlesischen Stadt einige Wochen lang verwaltet,- und im Amte wenig mehr „verbrochen" als Jener. Ich. habe einmal, als in der Dorfstraße der Vorstadt der Wagen einer alten angesehenen Dame in finsterer Nacht über einige im; Wege liegende Balken umgeworfen wurde, und diese den Arm brach, am anderen Tage eine donnernde Verfügung an das Dorfgericht erlassen und die sofortige Wegräumung dev' Balken bei namhafter Strafe anbefohlen. Ich erinnere mich aber nicht, daß meine amtliche Einwirkung auf die Angelegenheiten des Kreises sich über diese That weit hinaus erstreckt hätte. An einem Sonnabend gegen Abend meldete mir der alte Wachtmeister von der Gensdarmerie mit einigermaßen bedenklichem Gesicht, daß ein christliches Dienstmädchen einer jüdischen Haushaltung seit einigen Tagen verschwunden sei und von der Polizei vergeblich gesucht werde. Nach Angabe der Herrschaft habe sie den Dienst widerrechtlich heimlich verlassen. Da ich die Polizei in der Stadt nicht zu handhaben hatte,, so wollte ich die Meldung unbeachtet lassen uitb schenkte derselben erst einige Aufmerksamkeit, als der Gensdarm hinzufügte, es mache sich eine bedenkliche Aufregung in der Stadt bemerkbar, und die Brunnengespräche der Mägde drehten sich nur darum, daß, die Juden das Mädchen geschlachtet hätten. Nun war ich viel zu aufgeklärt, um darauf etwas zu geben, und da ich am folgenden Morgen früh schon mit dem Regierungsbaurath der alljährlich wiederholten Bereisung der Oder innerhalb der Kreisgrenzen beiwohnen sollte, so empfahl ich dem Beamten nur aufmerksame Beobachtung, und nötigenfalls rechtzeitige Meldung bei dem Syndikus der Stadt, der den kürzlich erst verstorbenen Bürgermeister vertrat. Am Montag zurückgekehrt, erfuhr ich erst die Bescheerrmg. Sonntags pflegte viel Landvolk nach der Pfarrkirche des Orts aus den nächstgelegenen Dörfern