Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1882)
- Date
- 1882-07-04
- Page
- Seite 449 (sequence 9)
- Language
- German
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449 « Land und auf dem Jahrmarkt im nahegelegenen Tokai war Alles voll Freude und Jubel. Die Juden, so bewußt sie sich ihrer Unschuld waren, wußten, daß sie in großer Gefahr seien. Ihre Feinde benutzten alle Mittel, um das unwissende Volk aufzuhetzen. So schreibt man aus Kaschau vom li). Juni: „Heute Früh sammelte sich vor dem Gewölbe des Zeitungsverschleißers Ludwig Jlles eine große Volksmenge, welche die ausgehängten Illustrationen eines ungarischen Blattes über das Märtyrerthum der Esther Solymosi anstaunte. Die Menge wurde immer größer, so daß sich die Stadthauptmannschaft.gezwungen sah, die Menge zu zerstreuen und das betreffende Blatt aus der Auslage entfernen zu lassen." — Auch noch andere Wirkungen hatte dieser Vorgang. Der frühere Abgeordnete Hionys Pogonyi, Rechtsanwalt in Pest, ist darüber irrsinnig geworden. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, die Sache der unschuldig angeklagten Tißa-Eßlarer Juden zu führen, richtete an den Präsidenten des dortigen Gerichtshofes ein Telegramm/ in welchem er ihn für abgesetzt und sich zu seinem Nachfolger erklärte. Er ging zum Ministerpräsidenten, um ihm mitzutheilen, die Juden, namentlich Wahrmann, hätten ihm 3 Millionen Florin aNgeboten, wenn er sie vertheidige. Man mußte Sorge tragen, ihn unter irrenärztliche Aufsicht zu bringen. — Am 12. d. hielten die Hiesigen Universitätshörer jüdischer Konfession eine Konferenz, welche die Veröffentlichung einer „Erklärung" in der Judenfrage beschloß und mit der Verfassung derselben nachstehende Kollegen betraute: Samuel Bakonyi, stud. jur.; Moriz Bihari, stud. jur.; Samuel Bleier, stud. jur.; Max Flesch, stud. jur.; Max Havas, stud.teclm.; Albert Kardös, stud. phil.; Ignaz Kunos, stud. phil.; Alexander Marton, stud. med.; Franz Mezei, stud. jur.; Bernhard Munkacsy, Professurs-Kandidat; Edmund Somlyay, stud. med. Diese Erklärung, ein umfangreiches Aktenstück, liegt uns nun vor und wir beeilen uns, zu konstatiren, daß dasselbe vortrefflich geschrieben, maßvoll gehalten ist und in jeder Zeile die schmerzlichen Empfindungen wiedertönen läßt, welche in der israelitischen studirenden Jugend die jüngsthin gegen die ungarischen Juden gerichteten Angriffe wachgerufen haben. Die Erklärung rechtfertigt vor Allem ihre raison d’ötre damit, daß sie erwähnt, anch jede andere, an der Universität vertretene Konfession würde gegen derlei Angriffe protestirt haben. „Wir sprechen, weil wir davon überzeugt sind, es sei Pflicht des treuen Kindes, seiner Mutter zu sagen, was ihm das Herz bewegt. " Die Erklärung widerlegt nun einzeln alle die Anklagen, welche gegen das ungarische Judenthum erhoben worden sind. Als man den Juden vorwarf, daß sie keine Ungarn werden wollen, habe man die jüdische Jugend Ungarns und ihr Streben, dem Vaterlande zu nützen, vollkommen ignorirt. Man habe aus allerlei Lastern ein konkretes Monstrum geschaffen, das man 'Judenthmn nannte, welches, an keine Nation und an kein Land gebunden, der personifizirte Kosmopolitismus sei. Die jüdische studirende Jugend widerlegt durch ihr Streben diese Anklage; sie drängt sich deshalb so massenhaft auf die gelehrten Laufbahnen, weil dieselben ihnen so lange Zeit verschlossen waren. Auch die massenhafte Beschäftigung der Juden mit Handel sei kein Nachtheil für die Nation; in vielen Gegenden führen die Juden den Pflug ebenso, wie die übrige Landbevölkerung, und auch auf dem Gebiete der Industrie stehe der Jude nicht zurück. Wenn die Juden'sich noch nicht vollkommen "der übrigen Bevölkerung assimilirt haben, so ist das nicht die Schuld der Juden, welche in den 15 Jahren der Gleichberechtigung sich mehr magyarisirt haben, als die obigen nichtjüdischen und nichtungarischen Bürger seit tausend Jahren. Auch der Vorwurf ist unbegründet, daß die Geschichte keinen Juden kennt, der sich für die Freiheit aufgeopfert hätte; die Geschichte unseres Freiheitskrieges beweist dasGegentheil. Die Erklärung schließt mit folgenden Worten: „Wenn wir einst auf dem Felde der That die Anklagen werden widerlegen können, die wir heute mit unserer schwachen Stimme zu entkräften versuchten; und wenn einst unsere flammende Vaterlandsliebe die Eisrinde schmelzen wird, die uns jetzt so kalt berührt und wir Schulter an Schulter, als liebende Brüder, einig für Eines zusammenkämpfen werden, dann werden wir mit begeisterter Stimme ausrufen: „Nun ist unser Messias erschienen!" Frankreich. Paris, 23. Juni. Man glaube nur nicht, daß die, durch die Hülfs - Comites von Brody und Eidtkuhnen verschickten russisch-jüdischen Flüchtlinge, deren Zahl controllirt wird, die ganze russisch-jüdische Emigration ausmachen. Nebenbei ergießen sich noch mancherlei kleine Bäche. So namentlich hierher. Das Comite hat speziell für diese russischen Emigranten Lokalitäten in der Lue 8t. Paul, gemiethet. Außerdem jedoch ist das Synagogal-Gebäude der Rue du Vers Lois beständig von neuen Ankömmlingen belagert, die mit ihrer mageren Bagage' und entblöst von Hülfsquellen hier anlangen. Man muß sie in benachbarten Gasthöfen unterbringen, und versichert daß dies allein monatlich mehr als 1000 fres. kostet. — In der Provinz trifft es sich häufig, daß wenn eine Messe oder ein Jahrmarkt auf einen Sonntag fallen, jene auf den nächsten Tag verlegt werden. Jüdische Einwohner des Departement Meuse haben an den Generälrath das Gesuch gerichtet, eine gleiche Vergünstigung eintreten zu lassen, wenn der Jahrmarkt oder die Messe auf einen Samstag fallen. Der Generalrath hat das Gesuch günstig ausgenommen und den Präfekten aufgefordert, es den Bürgermeistern zur Nachachtung zu empfehlen. Brest, 7. Juni. Unter diesem Datum hat das pr'ote- ' ' 27