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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-07-04 · Heft 27 (4.7.1882) · p. Seite 444

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 27 (4.7.1882)
Date
1882-07-04
Page
Seite 444 (sequence 4)
Language
German
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Der Verteidiger der angeschuldigten Eßlarer Israeliten, Advokat vr. Heuman, hat Leim Gerichtshof gegen den mündlichen Bescheid, des Untersuchungsrichters, wonach er von jeder Theilnahme und Anwesenheit Lei dem Untersuchungs- Verfahren ausgeschlossen wurde, ferner gegen das befolgte Agnoszirungs-Vorgehen die Nullitätsklage angemeldet. Es ist sonnenklar, daß wir es hier mit einer Jntrigue zu thun haben, welche zunächst die Sache angezettelt und die Anschuldigung erhoben hat, dann aber durch alle möglichen Mittel die Sache verwickeln, verwirren und unlösbar machen will, damit die Anklage gegen die Juden nicht völlig widerlegt werde, und die Judenfeinde hiermit ein Mittel besäßen, um immer von Neuem im Volke die Juden zu verdächtigen und ihnen die größten Schändlichkeiten nachsagen zu können. Ein Beweis hierfür liegt in der noch immer stattfindenden Verbreitung antisemitischer Pamphlete. So schreibt der „Budapesti Hirlap": „Der Obergespan des Szabolcser Komitats, Gräfl, hat ddo. 17. d. an den Minister des Innern einen Bericht erstastet, wonach im Szabolcser Komitat derzeit sechs verschiedene Flugschriften verbreitet werden, welche geeignet sind, die ohnehin sehr erregten Gemüther noch mehr aufzustacheln. Von den sechs Flugschriften sind 2 in Budapest, 1 in Wien (in deutscher Sprache), 1 in Erlau, 1 in Nyiregyhaza, 1 an einem unbekannten Orte gedruckt worden. Die in Budapest, Erlau, Nyiregyhaza erschienen Pamphlete sind weniger gefährlich, während das in Wien erschienene, besonders aber das in einer unbekannten Druckerei hergestellte Pamphlet aufreizende Lehren gegen die Juden verkündet." Das genannte Blatt bringt Auszüge aus diesen Pamphleten und schließt: „Die Konfiszirung dieser Flugschriften wurde seitens der Verwaltungsbehörde angeordnet; auch ist bereits eine Untersuchung im Zuge, um die Druckerei ausfindig zu. machen, aus welcher die letzterwähnte Broschüre hervorgegangen ist." Wir müssen nun den weitern Verlauf abwarten. Jedenfalls steht fest, daß die antisemitischen Hetzereien in Ungarn ebenso gegen die bestehende Regierung wie gegen die Juden gerichtet sind. Die energische Haltung der Regierung und die Unterstützung der Hetzereien durch die „ äußerste Linke" geben dafür hinlängliches Zeugniß. Wenn irgend wo, so gilt hier das alte: Caveant Consules! Literarischer Wochenbericht. Bonn, 20. Juni. Wir haben früher schon öfter die Ansicht ausgesprochen, daß es gewisse Perioden der Geschichte giebt, zu deren Beschreibung und Beurtheilung ganz besonders der jüdische Geschichtsforscher befähigt ist, weil er sich der Unparteilichkeit und Objektivität am ehesten zu befleißigen! vermag, da er als Jude an den Ereignissen und Tendenzen! jener Zeit gar keinen Anlheil hat, oder dieser sich eben nur auf den allgemeinen Charakter und die Folgen und Wirkungen der Thatsachen beschränkt. Wir meinen dies z. B. von der Reformation des 16. Jahrhunderts, der Gegenreformation und den Religionskriegen, die aus der ersteren erflossen. Immer ist es einem christlichen Schriftsteller, der entweder der einen oder der anderen Kirche angehört, viel schwerer, sich über diese großen weltgeschichtlichen Ereignisse, über die Motive dessen was geschah und die dabei thätigen Persönlichkeiten ein ganz objektives Urtheil zu bilden und es dauernd und consequent festzuhalten. Der Jude steht hier völlig unparteiisch in der Mitte der Parteien, sieht Licht und Schatten, wo diese sich finden, und sie finden sich auf beiden Seiten, und ihn bewegen nur die großen Ergebnisse, welche sich für die späteren Generationen aus jenen schweren, oft so verheerenden Kämpfen entwickelten. Daß wir für diese Ansicht ein gewisses Recht beanspruchen können, erwies sich uns aus der neuesten Schrift des Prof. Dr. Martin Philippson: „Westeuropa im Zeitalter von Philipp H., Elisabeth und Heinrich IV.," welches einen Theil der großen „Allgemeinen Geschichte in Einzelndarstellungen, herausgegeben von Wilhelm O ncken (Grote, Berlin, 1882.)". bildet. Die Aufgabe dieses Werkes war: das Entstehen und den Fortgang Rer, besonders durch Calvin hervorgerufenen Reformation in Frankreich, den Niederlanden und England, ihre Siege und Niederlagen, ihre Gegner und Anhänger, die Verquickung mit den politischen Kämpfen der Staaten und der Personen, ihren Einfluß auf Sitten, Literatur und Kunst zu schildern. Es ist nicht unsre Aufgabe, hier näher auf den Gegenstand einzugehen und die Art zu bezeichnen, wie es dem Verfasser gelungen ist, dieses reiche Material zu bewältigen und auf Grund der neuesten Forschungen dem. größeren Publikum in spannender und belehrender Weise vorüber zu führen. Aber das können wir aussprechen, daß sich hier eine Objektivität und Unparteilichkeit in der Zeichnung der Personen und ihrer Motive, sowie der Ereignisse und des Werthes derselben bekundet, die uns als mustergültig erscheint. Man braucht in dieser Hinsicht nur das erste Kapitel über Calvin zu lesen. — Von demselben Verfasser ist jetzt auch der H. Theil seines Werkes: „Die Geschichte des preußischen Staatswesens vom Tode Friedrich des Großen bis zu den Freiheitskriegen" (Veit, Leipzig' 1882) erschienen. Wir verweisen auf unsren Leitartikel in Nr. 16 vom 20. April 1$80. über den I. Theil und bemerken nur, daß dieser II. Theil die innere Entwickelung Preußens in den letzten verhängnißvollen Jahren unter den Einflüssen des Kriegs gegen Frankreich und der zweiten und dritten Theilung Polens bis zum Tode Friedrich Wilhelm II. schildert, und auf Grund der Forschungen des Ber!fassers in den jetzt zur Benutzung eröffneten Staatsarchiven j vielfach in neuem, richtigem Lichte zeigt. — Von Fortsetzungen

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