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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-07-04 · Heft 27 (4.7.1882) · p. Seite 443

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 27 (4.7.1882)
Date
1882-07-04
Page
Seite 443 (sequence 3)
Language
German
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448 tung eine solche Aufregung im ganzen Lande hervorbrachte, daß -er Justizminister ein scharfes .Circular au alle Jurisdictionen des Landes zu senden sich bewogen fühlte, daß die Juden eine große Belohnung für die Entdecker des Leichnams aussetzen mußten, daß die ganze Presse auf jede kleinste Nachricht darüber vigilirt, kurz daß das etwaige Gelingen dieser Jntrigue die größte Gefahr für die Ruhe des Landes und für die Sicherheit von Tausenden herbeiführen würde, das ist es, was wir einen Skandal nennen, was über die Cultur Ungarns ein sehr eigentümliches Licht verbreitet. Nicht Jstoczy und Onody mögen sich beschämt fühlen, denn diese beiden Werkzeuge eines blinden Hasses haben ihr Selbstbewußtsein verloren. Aber jene „äußerste Linke", jene auf ihren Freiheitssinn und ihren Rechtseifer so stolze Partei muß sich im Innersten beschämt und gedemüthigt finden, und schließlich müssen die anderen Parteien -es Abgeordnetenhauses ihren Antheil daran mit hinnehmen, da sie jener Erdichtung eine energische Zurückweisung nicht haben angedeihen lassen. Gern bringen wir dagegen unsre Huldigung dem Minister- Präsidenten Tißa und dem Präsidenten des Hauses dar, die sich ernste Mühe gegeben haben, den Strom einzudämmen, ohne eine kraftvolle Unterstützung zu finden. Eine Lehre ist für Viele aus diesem Vorgang zu ziehen, nämlich, daß man es mit der Verbreitung des Hasses, des Vorurteils und Aberglaubens, noch dazu wenn sie so offenbar und absichtlich hervortrjtt, nicht leicht nehmen dürfe, sondern ihr von Beginn an mit aller Anstrengung entgegen treten müsse, da jene in ihrem Fortgang die Ruhe, die Sicherheit, den Wohlstand in Gefahr bringt und ein ganzes Land zu zerrütten vermag. Dazu reichen allerdings die Polizei und selbst die Rechtspflege nicht aus, vielmehr muß die gesammte Presse, müssen alle für das Staatswohl einstehenden Bürger die Hand reichen. Mögen doch endlich die Ereignisse in Rußland zur nachhaltigen Warnung dienen! Stellen wir die neuesten Nachrichten kurz gefaßt zusammen. Am 19. Juni wurde vielen Zeitungen telegraphirt: Der Justizminister, der Oberstaatsanwalt und die Redaktionen erhielten heute von vertrauenswürdiger Seite Depeschen , die. außer Zweifel stellen, daß der Leichnam der Esther Solymosi gefunden wurde. Derselbe wurde gestern nachmittags zwischen Tißa-Lök und Dada aus der Theiß gezogen. Dieselbe war äußerlich unverletzt. Ein Tuch, in dem sich in Papier gewickelte Karbe befand, hatte sie au den Arm gebunden. Die Kleidung entspricht der in der Personenbeschreibung angegebenen. Die Mutter wurde heute behufs Feststellung der Leiche nach dem Auffindungsorte gebracht. Am folgenden Tage liefen wiederum Depeschen ein, welche berichteten, daß die'Mutter, die Schwester und andere Personen die Leiche als die der Solymosi anerkannt hätten. Man fühlte sich allgemein wie von einem schweren Alp erlöst, als am 21. die gegenteiligen Gerüchte sich verbreiteten. Vor der Untersuchungscommifsion soll nämlich die Mutter und andere Personen die Leiche nicht als die der Esther agnoszirt haben. Die gerichtsärztliche Obduetion habe befunden, daß die aufgefundene Leiche die eines an der Tuberculose verstorbenen Mädchens, das nicht aus der dienenden Classe ge wesen, und die bereits begraben und wieder ausgegraben worden, sei. Auch als die Leiche in Tißa-Eßlar ausgestellt würde, hätten die zugelassenen Einwohner sie nicht als für die der Esther erklärt. Daß hierbei ein in mancher Beziehung auffälliges Verfahren eingehalten worden, werden wir weiter unten sehen. Die gerichtlichen Protokolle sind noch nicht abgeschlossen und authentisches aus ihnen nicht bekannt geworden. Es ist dies nur, wie der „P. Bl." bemerkt, der Sachverhalt, wie er in der offiziellen Sphäre der Untersuchungs-Kommission dargestellt wird. In den Kreisen der Israeliten, auch in den intelligenten, erhält sich trotzdem nach wie vor der Glaube, die Untersuchung wegen des Verschwindens der Esther Scfiymosi sei mit der Anschuldigung gegen die Eßlarer Juden auf einer unrichtigen, in tendenziöser, ja direkt böswilliger Weise vorgezeichneten Fährte. Besonders groß ist der Unwille wegen des bei der versuchten Agnoszirung beobachteten Vorgehens und man beharrt dabei, daß die Möglichkeit, die Leiche von Dada sei dennoch die Leiche der Esther Solymosi, durch das offizielle negative Resultat nicht fortgeschafft wird. Man nannte Personen, Christen, vor denen die Mutter der Solymosi in Tißa-Lök bei der ersten Begegnung mit' der Leiche ihre Tochter in schmerzlichster Weise erkannt haben soll; man nennt die Personen, welche die Eßlarer Einwohner in nachdrücklichster Weise dazu harangnirten, die Leiche ja nicht als die der Solymosi zu agnosziren; man weist endlich darauf hin, daß gestern während des Agnoszirungsversuchs kein einziger Jude zur Leiche zugelassen wurde. Daß kein Jude bei dem Agnoszirungsversuch anwesend war, ist eine offiziell bestätigte Thatsache, für welche indessen die folgende Erklärung gegeben wird: Während der Borerhebungen haben viele. hierüber befragte Eßlarer Israeliten aus Furcht geleugnet, die Esther Solymosi gekannt zu haben; gestern wurden nur solche.Personen zugelassen, die erklärt haben, daß sie die Solymosi kannten; solche Juden aber meldeten sich-nicht. Deingegenüber muß ich allerdings konstatiren, daß mehrere Israeliten bereits Klage erhoben haben, daß man sie gewaltsam verhinderte, die Leiche zu besichtigen. Ueber die Stimmung und die Zustände in Eßlar läßt sich wenig berichten. Die christliche Bevölkerung verhält sich ruhig. Israelitische Einwohner von Eßlar klagen, daß christliche Bewohner, mit denen sie stets im besten Einvernehmen lebten, unter einem, von ihnen feindseliger Seite ausgeübten Terrorismus der Ueberredung stünden.

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