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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-07-04 · Heft 27 (4.7.1882) · p. Seite 442

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 27 (4.7.1882)
Date
1882-07-04
Page
Seite 442 (sequence 2)
Language
German
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„Die Stunde ist entscheidend. Die a-sterLenden Religionen, greifen zu den letzten Mitteln. Was in diesem Augenblicke vor uns ersteht, ist nicht mehr Verbrechen, ist Ungeheuerlichkeit. Ein Volk wird Ungeheuer, ein schreckenerregendes Phänomen. Es scheint als ob ein Vorhang zerreißt und man eine Stimme sagen hört: Menschheit, blick' hin und sieh. Zwei Lösungen sind vor unsren Augen. Von einer Seite schreitet der Mensch vor mit langsamem und sicherm Schritt gegen den immer lichtvoller, werdenden Horizont; der Mann hält das Kind an der Hand; der Mann schreitet, den Kopf voll-Klarheit; das Kind schreitetden Kopf voll Hoffnung; die Arbeit vollbringt ihr großes Werk; die Wissenschaft sucht Gott, der Gedanke sieht ihn; Gott Wahrheit, Gott Gerechtigkeit, Gott Gewissen, Gott Liebe; der Mensch -mischt ihn in die Dinge dieser Erde, - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit; Gott gesucht, das ist die Philosophie, Gott gesehen, das ist die Religion; nichts mehr; keine Erzählungen, keine Träume, feine Dogmen; alle Völker sind Brüder; die Grenzen verschwinden; der Mensch bemerkt, daß die Erde noch gar nicht besessen worden; die Kriege, immer mehr vermindert, haben nur noch einen Grund und eitlen Zweck: die Zivilisation; jedes Klopfen des Menschenherzens bedeutet: Fortschritt. Bon der anderen Seite schreitet der Mensch zurück; der Horizont wird immer schwärzer; die Massen gehen und tappen im Schatten; die alten Religionen, gebeugt von ihren zwei Tausend Jahren, haben nur noch ihre Erzählungen, ehemals Täuschung des Menschen als Kind, jetzt Mißachtung des fertigen Menschen, ehemals angenommen durch die Unwissenheit, jetzt verleugnet durch die Wissenschaft; dem hartnäckigen Gläubigen, der die Augen geschlossen und die Ohren verstopft hat, keine andere Zuflucht lassend, als das abscheuliche Oöäo quia absurdum; die Jrrthümer verschlingen einander, das Christenthum martert das Judenthum; dreißig Städte (siebenundzwanzig nach Anderen) sind in diesem Augenblick eine Beute der Plünderung und der Zerstörung; was in Rußland' vor sich geht, erfüllt mit Schauder; ein unermeßliches Verbrechen wird begangen, oder um besser zu sagen, eine Handlung geschieht, denn diese verheerenden Völkerschaften haben nicht einmal mehr das Bewußtsein des Verbrechens; auf dieser Höhe stehen sie nicht mehr; ihre Kulte haben sie in die Bestialität versenkt; sie haben die furchtbare Unschuld der Tiger; -die alten Jahrhunderte, das eine mit den Albigensern, das andere mit der Inquisition, das andere mit dem h. Offizium, das andere mit . der St. Bartholomäusnacht, das andere mit den Dragonaden, das andere mit dem Oesterreich der Maria Theresia, stürzen sich aus das neunzehnte Jahrhundert und suchen es zu ersticken; die Verstümmelung des Mannes, die Schändung des Weibes, das Verbrennen des Kindes, das ist die unterdrückte Zukunft; die Vergangenheit will nicht aufhören zu sein; sie hält die Menschheit fest; der Lebensfaden befindet sich zwischen diesen Gespensterfingern. Von einer Seite das Volk, von der anderen die Masse. Von der einen Seite das Licht, von der anderen die Finsterniß. Wähle! Victor Hugo. Wir geben dieses Manifest des ehrwürdigen Dichtergreises als ein Aktenstück der gegenwärtigen Zeit. Die Anschauungs- und Ausdrucksweise Victor Hugo's ist so originell, daß sie nur in ihrer Eigenart aufgefaßt und beurtheilt werden kann. Seine großartigen, erhabenen Geistesblicke wie seine manigfachen Irrungen stammen Leide aus einer und derselben Quelle, die geschaut und gefaßt sein will, wie sie ist, wie sie. ihr lebendiges Gewässer aus der Tiefe einer großen Seele hervorströmen läßt. Lin Skandal in Ungarn. Man hatte bis jetzt geglaubt, daß die scheußliche Fabel der Blutbeschuldigung, welche, wie schon so oft nachgewiesen worden, von den heidnischen Römern gegen die ersten Christen, um blutige Verfolgungen zu rechtfertigen, erfunden, dann während des Mittelalters zu gleichen Zwecken von den Christen gegen die Juden aufgebracht worden, jetzt nur noch in halbcivilisirten Ländern, wie Syrien, Aegypten und Rußland aufkommen könne. Wir sagen absichtlich „halbcivilisirte", denn bei ganz uncivilisirten Völkern wird eine solche scheußliche Erdichtung nicht gefuttdeN. Wir können es daher nicht anders für ein Land wie Ungarn, das mit Recht beansprucht, zu den hoch civilisirten zu gehören, dasein Ober- und ein Unterhaus, eine große, höchst ausgebildete Presse, Universitäten und Akademien und den ganzen Apparat der Cultur besitzt, denn als einen Skandal bezeichnen, wenn wir zusammenfassen, wie die Tißa- Eßlarer Affaire behandelt worden und wird. Bor Allem, daß nicht bloß ein Jstoczy und nicht bloß ein Onody, sondern auch, mit Ausnahme zweier Mitglieder, die ganze „äußerste Linke" sich den Anschein gab, an diese unsinnige Fabel zu glauben, ja sie bereits als erwiesene. Thatsache vorzubringen, die Gegenredner nur immer vom Unterlassen solcher Hetzereien, von strenger Untersuchung und vom Abwarten des Resultats dieser sprachen, und fast allem Daniel Jranyi die Lügenhaftigkeit dieser Fabel an sich behauptete und hierzu des feierlichsten Tolles zu bedürfen glaubte, dies ist es zuerst, wodurch das hohe Abgeordnetenhaus, dem wir sonst unsere Hochachtung gewiß llicht verweigern, sich vvr der gesammten civilisirten Welt. blamirt hat. Daß ferner diese, von Hetzern umhergetragene Erdich-

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