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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-27 · Heft 26 (27.6.1882) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 26 (27.6.1882)
Date
1882-06-27
Page
Seite 434 (sequence 14)
Language
German
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WNWN 434 gegen die Einwanderung russischer Juden nach Ungarn, die, als Currende an die anderen Comitate versandt, so vielen Lärm verursachte und vom Abgeordnetenhause nach dreitägiger Debatte abgewiesen worden ist, von einem Juden in Szatmar angeregt worden war. Ein anderes Beispiel haben wir aus dem Veßprimer Comitat, das in seiner Mehrheit folgenden Beschluß faßte: „Die Kongregation möge aussprechen, die Regierung sei durch den Reichstag aufzufordern, die Einwanderung der russischen Juden, welche nicht nur vom national-ökonomischen, sondern Hauptsächlich vom moralischen Standpunkt für das ungarische Volk nicht nur schädlich, sondern gefährlich ist, mit ihrer ganzen Macht zu verhindern." Dieser Beschluß wurde auch von dem jüdischen Ausschußmitgliede Wilhelm Halassy unterstützt und vertheidigt, während der Obergespan Baron Franz Fis-th mit folgenden Worten den Beschluß verkündete: „Ehe ich den Beschluß ausspreche, muß ich erklären, daß ich den angenommenen Antrag weder für gesetzlich, noch für konstitutionell, noch für human, noch auch für zweckmäßig halte. Dies zu erklären, schulde ich meiner Vergangenheit und nun verkünde ich mit Bedauern den Beschluß, demgemäß das Veßprimer Komitat den Antrag einstimmig annimmt." Pest, 15. Juni. (Privatmitth.) Der Minister des Innern richtet an alle Jurisdictionen eine Circular-Verordnung betreffs der Hintanhaltung etwaiger Ausschreitungen gegen die Juden. Der Minister ist überzeugt, daß in Ungarn keine Judenhetzen stattfinden werden, daß aber immerhin eine kleine Minorität die Tißa-Eßlarer Affaire für ihre Zwecke ausbeuten könnte. Es werden daher alle Jurisdictionen aufgefordert, alles zu veranlassen, um solche Ausschreitungen hintanzuhalten und über etwa vorkommende Fälle sofort Bericht zu erstatten. - Brody, 15. Juni. In Brody betrug die Zahl der jüdischen Flüchtlinge aus Rußland am 2. Juni 12,476 und am 12. Juni, ungeachtet der Weitertransportirungen in der Zwischenzeit, 12,668. Diese scheinbare Vermehrung hat aber nicht in einer neuerlichen Zunahme der Immigration ihren Grund, sondern darin, daß sämmtliche Flüchtlinge inzwischen in Brody concentrirt wurden. In Lemberg beziffert sich die Zahl der russischen Immigranten derzeit auf 400. Ins Ausland wurden vom 2. bis 12. Juni 1405 der Flüchtlinge befördert. — Aus Brody wird der „W. Allg. Ztg." berichtet: „Von Seite der österreichisch-ungarischen Regierung wurde eine Art Grenzsperre angeordnet. Alle auf Schleichwegen betretenen Flüchtlinge sollen unbedingt zurückgewiesen werden und bei dem offiziellen Grenzpunkte ist der Paßzwang eingeführt worden. —' Wie die Juden, - welche noch etwas Vermögen mit sich führen, beim Uebertreten der russischen Grenze um ihr letztes Hab und Gut gebracht werden, beweist folgende dem genannten Blatte zugehende Darstellung: „Die russischen christlichen Spediteure an der Grenze in Rädziwillow erlassen Cirkulare an die russischen Juden, in welchen diese zur Emigration angeeifert werden, und stellen ihnen zugleich in Aussicht, daß sie gegen Entrichtung eines kleinen Honorars unbehelligt die Grenze, sei es mit oder ohne Paß, übertreten können, da in beiden Fällen bekannterweise die russischen Grenzsoldaten mit einigen Rubeln bei Passirnng der Grenze bestochen werden müssen. Der arme Jude kommt nun nach Rädziwillow, sucht den betreffenden Spediteur auf, entrichtet das Honorar und wird nun unter Anwendung anscheinlich größter Vorsichtsmaßregeln durch den Wald zur österreichischen Grenze geführt. Plötzlich erscheint der gefürchtete russische Objerdczyk (Grenzsoldat), ruft sein „Halt, wer da!", der Jude erschrickt und der ihn begleitende Spediteur ruft ihm eiligst zu: „Werfe Alles weg, fliehe und rette dich!" In der ersten Angst thut dies auch der arme Jude, wie ihm befohlen, und der Spediteur mit dem Grenzsoldaten theilen sich sodann in sein letztes Hab und Gut. So kommen deNn die Juden nach Brody im wahren Sinne des Wortes nur mit ihrem nackten Leben." Frankreich. Paris, 16. Juni. Das große Comite hat eine Executiv- Commission gewählt, deren Vorsitzender Victor Hugo und deren Schriftführer Astruc. emer. belgischer Großrabbiner sind. Das protestantische Consistorium von Brest hat ein Schreiben an das Comits gerichtet, das wir in nächster Nr. mittheilen werden. — Victor Hugo hat ein „Manifest an die Menschheit" zu Gunsten der russischen Juden erlassen. Wir werden den Wortlaut in nächster Nr. bringen. Marseille, im Juni. (Privatmitth.) Sie hören so selten aus dem mittägigen Frankreich, daß es Ihnen Freude machen wird, den Rechenschaftsbericht zu lesen, welchen das hiesige jetzige israelitische Consistorium für die 5 Jahre 1877—1881 veröffentlicht hat, nach der von seinen Vorgängern eingeführten Weise. Wir wünschten wohl, daß alle französischen Consistorien unsrer Religion solche Rechenschaftsablage gäben. Bei den mancherlei schwierigen Verhältnissen, in welche die neuere Gesetzgebung der dritten Republik die verschiedenen Eulte, so auch den israelitischen versetzt und ihnen schon jetzt bedeutende Subventionen entzieht, kann nur die vollkommenste Oeffentlichkeit den Consistorien zur Ueberwindung der Schwierigkeiten verhelfen. Am meisten hatte unser Consistorium mit der Schuldenlast von 116,000 Frcs. zu kämpfen, welche durch den Neubau des schönen Tempels sich aufgesammelt hatte. Dabei waren Verbesserungen, wie Einführung von Gaslicht, Apparate zur Erwärmurig der - Synagoge, nothwendige Verbesserungen am Friedhof und andere Ausgaben unvermeidlich. Die Stadt kam ihm mit 4000 Frcs., die Regierung mit 5000 Frcs. und die Gemeinde selbst mit frei-

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