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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-27 · Heft 26 (27.6.1882) · p. Seite 432

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 26 (27.6.1882)
Date
1882-06-27
Page
Seite 432 (sequence 12)
Language
German
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selbst völlig widerlegt ist. — Unsre Leser erinnern sich wohl, daß wir im Laufe des vor. I. in den Beilagen der Augsb. Ztg. eine Polemik gegen einen Dozenten Wahrmund in Wien führten, der bei völliger Unkenntnis der h. Schrift und des Talmuds sich die absprechendsten Urtheile über das Judenthum gestattet hatte. Als Erwiderung bedrohte er uns mit einem dickey Buche, das auch unter dem Jitel „Babylonierthum, Judenthum und Christenthum" erschienen ist. Wir haben aber gegenwärtig durchaus keine Zeit, uns mit solchen, nach ihrer Angabe kritischen, jedoch ohne QuellenkenntnU nur zusammengestoppelten Produkten ausführlich zu beschäftigen. Doch brachte die „Schles. Ztg." lange Artikel zum Lobe und zur Verteidigung des Herrn Wahrmund. Und da in unserer Zeit ein großer Theil der Tagespresse nur vom Wiederkäuen lebt, so kann es nicht verwundern, daß die „Mitauische Ztg." vom 1. und 5. Mai die Artikel der „Schles. Ztg." reproduzirte. Jndeß bringt dieselbe Zeitung vom 26. Mai eine gründliche Widerlegung aus der Feder des dortigen Rabbiners Puch er, der mit der Schrift und dem Talmud in der Hand dem Herrn Wahrmund und seinem Glossator ihre tendenziösen Jrrthümer und Fälschungen nachweist. Herr Pucher beschreitet dabei denselben Weg, wie wir in der Beilage zur „A. Z." Selbstverständlich bringt man durch solche Widerlegungen dergleichen Skribenten nicht zum Widerrufe; aber es giebt doch immer noch ein großes unbefangenes Publikum, das. sich durch eine augenfällige Beweisführung überzeugen läßt. So erhielten wir damals von mehreren christlichen Gelehrten den Ausdruck der Zustimmung und des Dankes! — Seit Jahren erwartete man ein neues Drama von Victor Hugo: „Torquemada". Vor wenigen Tagen ist es (Paris, Calmann Levy, 1882) in glänzender Ausstattung erschienen. Jede neue Dichtung Victor. Hugo's und noch dazu eine dramatische erweckt im Voraus in Frankreich und zum Theil in der ganzen civilisirten West Spannung und Aufsehen. Hier gesellte sich zugleich der Name des Helden, jenes spanischen Großinquisitors, der zahllose Scheiterhaufen aufflammen und noch mehr Opfer durch Kerker und Folter morden ließ. Torquemada war es auch, der die gänzliche Verbannung der Juden aus Spanien (1492) bewirkte und jeden Einfluß Don Jsaae Abarbanels auf den habgierigen König zur Abwehr dieser tyrannischen Maßregel hintertrieb. So war auch von unserer Seite die Erwartung auf das Erscheinen des Dramas nicht gering. Es ist nicht unsre Aufgabe, das neue Werk des greisen Dichters von der ästhetischen Seite zu prüfen. Wie man voräussetzen wird, enthält es viele vortreffliche Verse, erhabene, vom edelsten Geiste diktirte Stellen, wenn auch das: ewige Haschen nach Antithesen oft unangenehm berührt und man sich bisweilen an den Satz erinnert fühlt: „Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt." Auch an wirkungsreichen Scenen ist kein Mangel. Dennoch erscheint uns das Gänze als Composition schwach. Die psychologische Aufgabe, die sich der Dichter gestellt, überrascht. Sie läuft darauf hinaus, Torquemada gewissermaßen zu rechtfertigen. Er stellt ihn nämlich dar, als von der fixen Idee beherrscht, daß er durch das Feuer, dem er den Leib unterwirft, die Seele des Verbrannten vom Feuer der Hölle, vom- Fegefeuer errette und unmittelbar in das Paradies eingehen lasse. Dieser Wahn erfüllt Torquemada so sehr, daß er am Schlüsse einen Jüngling, der ihn einst vom Hungertode im Kerker gerettet und dem er seinerseits gelobt hatte, ihn aus jeder Gefahr zu retten, dem Scheiterhaufen übergiebt, nur um dessen Seele zu retten. Daß diese Ansicht dem katholischen Dogma völlig widerspricht und den Torquemada gestürzt hätte, kümmert den Dichter nicht. Wenn so die Figur des Torquemada von diesem Gesichtspunkte aus in fast vollendeter Weise gezeichnet ist, so sind alle übrigen Personen sehr schwächlicher Art. Da sich Hugo jene Scene, von welcher die Sage erzählt, daß Torquemada mit dem Cruzifix in der Hand das Königspaar, das schon den ungeheuren Geldanerbietungen Abarbanels nachgeben wollte, niederschmetterte, nicht entgehen lassen wollte, mußte er auch die Verbannung der Juden hereinziehen. Der kleine Anachronismus, daß Hugo das.Geld der Juden den König annehmett lassen will, um gegen Granada Krieg zu führen, während dieses doch schon ein Jahr vorher (1491) erobert und der Krieg beendet worden, können wir leicht übersehen. Eine andere Frage ist es, die wir nicht zu beantworten wissen,, warum Hugo die großartige Gestalt Don Jsaac Abarbanels als Führers der Juden beseitigte und dafür einen Mose ben Habib als „Großrabbiner von Spanien" einschob, während von diesem Manne nichts weiter bekannt is?, als daß er, ein spanischer.Einwanderer in Bitontö, eine recht artige Verslehre 1488 geschrieben, die in Venedig 1596 gedruckt worden. Jndeß dies ist nebensächlich. Der dritte Akt ist diesem Gegenstände gewidmet, und wir werden an einer andern Stelle dieses Blattes darauf näher eingehen. Deutschland. Berlin, 18. Juni. (Privatmitth.) Die parlamentarischen Körperschaften sind geschlossen. Wie man von diesem Reichstage voraussetzen konnte, hat sich die antisemitische Agitation in demselben nicht ans Licht gewagt. Hinsichtlich des Landtages, dessen Mandat nun zu Ende geht, werden wir vor den Wahlen noch einmal, uns zu äußern Gelegenheit nehmen.

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