Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-27 · Heft 26 (27.6.1882) · p. Seite 431

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 26 (27.6.1882)
Date
1882-06-27
Page
Seite 431 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227420--39997-3257610
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

m bis ins kleinste Detail, bis in die Ausmalung, bis in den wörtlichen Ausdruck reicht. Als Ergebniß seiner Untersuchung bezeichnet der Verfasser S. 295 selbst: „Eine hervorragende Glaubwürdigkeit der christlichen Ueberlieferungen in jenen äußerlichen Beweismitteln ist so wenig vorhanden, daß vielmehr die Annahme eines Einwirkens buddhistischer Vorbilder auf die christliche Evangelienliteratur und auf die sich zunächst anschließenden neutestamentlichen Schriften große Wahrscheinlichkeit für sich hat." -Man sieht, der Verfasser drückt sich sehr vorsichtig aus, denn er bestrebt sich, trotz der Resultate, die sich ihm aufdrängen, mit der christlichen Kirche, wenigstens mit der protestantischen in Verbindung zu bleiben, weshalb er auch eine Einleitung über „das christliche Recht einer freien vergleichenden Religionsgeschichte" voranschickt, und sich namentlich auf Lessing stützt und dessen Grundsatz, daß es auf den inneren Werth der Religion, nicht auf deren historische Dokumentirung ankomme. Wie weit dies nun dem Verfasser gelungen, das zu beantworten, ist nicht unsere Sache, obwohl wir die Bemerkung nicht unterlassen können, daß die Glaubenssätze der christlichen Kirche mit der Person Jesu und den Berichten der Evangelien über diese zu innig Zusammenhängen, um eine solche Trennung erleiden zu können. Jndeß sind die Uebereinstimmung, die der Verfasser so ausführlich und gründlich ausführt, in vielen Fällen zu evident, als daß man sie übersehen oder als gleichgültig betrachten könnte. Der Verfasser versucht auch den geschichtlichen Weg klar zu legen, auf welchem die buddhistischen Mythen ihre Einwirkung auf die Evangelien üben konnten, und sieht als den Ort des Zusammentreffens Alexandrien an, wo ja auch' die neueren Kritiker die Beeinflußung der christlichen Dogmen durch die griechische, besonders die neuplatonische und die Philonische Philosophie vor sich gehen lassen. Jndeß werden die Ergebnisse des Verfassers noch weiterer Kritik unterzogen werden müssen, denn einestheils führt er Manches auf buddhistische Erzählungen zurück, für das die Quellen viel näher liegen. Zum Beispiel das Fasten Jesu in der Wüste während 40 Tage, was ihm bei Jesus unmotivirt erscheint und er deshalb aus dem Fasten Buddhas, siebenmal 7 Tage herleitet. Allein 2. Mos. 34, 28: „Dann war er (Moses) daselbst beim Ewigen vierzig Tage und vierzig Nächte, Brod aß er nicht und Wasser trank er nicht," giebt den Anhalt für das Fasten Jesu so deutlich, daß man auf Buddha nicht zurückzugreifen braucht. Ueberhaupt darf bei solcher kritischen Untersuchung, abgesehen von der h. Schrift, die Vergleichung mit zahlreichen Stellen des Talmuds und Midrasch, die völlig Analoges enthalten, nicht unterlassen werden, durch welche die Sachlage sich doch vielfach anders gestaltet, als unter der ausschließlichen Benutzung des Buddhismus. Es wäre dies dem Verfasser nicht schwer geworden, wenn er außer früheren Schriften vr. Wünsche's „Neue Beiträge' zur Erläuterung der Evangelien aus Talmud und Midrasch" (Göttingen, Vandenhöck, 1878) benutzt hätte. Da der Verfasser das Leben aller Religionsstifter als mythisch ansieht, so zieht er natürlich auch Moses in diesen Kreis. Allein, was vom persönlichen Leben des großen Gesetzgebers berichtet wird, ist so einfach, daß der Verfasser nur wenig anzuführen vermag, und beschränkt sich eigentlich nur darauf, daß, wie Buddha ein Königssohn, Jesus ein Nachkomme Davids gewesen sein soll, so Moses von einer Königstochter gerettet und erzogen. Wie der Verfasser (S. 40) sagen konnte, daß Moses „vergöttert" worden sei, giebt kein Zeugniß von rechtem Verständniß. Er weiß dafür nur 2. Mos. 4, 16 anzuführen: „Aaron soll dir Mund sein und du sollst ihm zum Gotte sein". Abgesehen davon, daß qv6n bisweilen für „Richter, Könige" gebraucht wird, liegt in dem Satze, da Aaron sprechen und Moses ihm angeben soll, was er sage, die Vergleichung von Prophet und Gott durchaus nahe. Weder im Pentateuch noch in allen übrigen Büchern der h. Schrift ist auch nur ein Zug vorhanden, der Moses anders denn als Mensch erscheinen ließe. Jedenfalls ist diese Schrift von Bedeutung und kann bei weiterer Bearbeitung seines Gegenstandes nicht übersehen werden. — In Nr. 35 v.'J. hatten wir eine Schrift des -Dr. C. A Heman „Die historische Weltstellung der Juden und die moderne Äudeufrage" zu beurtheilen. Wir hatten die beschränkten politischen und sozialen Ansichten des Verfassers und die tendenziöse Einseitigkeit scharf zu rügen, mit welcher er die Geschichte sich nach seinen Wünschen zurecht knetet. Wir thaten dies ausführlich, um mit dem Verfasser einfür allemal fertig zu werden. Niemand und selbst Herr Hemann nicht kann es deshalb von uns^ verlangen, daß wir uns mit seiner eben erschienenen Schrift: „Die religiöse Weltstellung des jüdischen Volkes" (Leipzigs Hinrichs, 1882) besonders beschäftigen sollten. Der Haupt- und Endgedanke des Verfassers ist: die romanischen und germanischen Völker werden vom Christenthume abfallen. die Juden werden sämmtlich Christen und ziehen als die wahren Kinder des Gottesreiches in Palästina ein, wo sie friedlich und sicher wohnen. Für diese Phantasterei richtet er denn die Religionsgeschichte der Juden nach seiner Weise zu. Dies,zu kritisiren, halten wir für überflüssig, und auch nur ein Wort über die verächtliche Weise zu verlieren, mit welcher er die moderne Entwicklung des Judenthums behandelt. Diese Herren sind durch die letztere immer in Verlegenheit gebrächt. Von ihrem Standpunkte aus müssen sie die talmudischen Satzungen verwerfen und doch ist ihnen das moderne Judenthum ein Dorn im Auge, weil es ihren Bekehrungszwecken jedes Gelingen unmöglich gemacht, wie der Verfasser selbst zugesteht. Sie helfen sich dann mit einem absprechenden Urtheil, welches doch durch die Thatsacheu 26*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.