Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1882)
- Date
- 1882-06-27
- Page
- Seite 429 (sequence 9)
- Language
- German
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stündlich jene Wenigen ausgenommen, welche ordnungsmäßig mit Pässen versehen sind und sich mit den nöthigen Subsistenzmittel ausweisen können. So.kam es thatsächlich schon vor, daß sich in jüngster Zeit einige wohlhabende russische Flüchtlinge im Tarnopoler Kreise angekauft oder Pachtungen übernommen haben. Die Verhältnisse in Brody selbst werden jetzt in den officiellen Berichten nicht so ungünstig geschildert, als man allgemein annimmt. Die Unterkunft ist eine relativ gute, die Verpflegung reicht aus, um die Leute vor Nahrungsmangel zu schützen; auch die sanitären Verhältnisse waren bisher sehr zufriedenstellend. Der letzte Krankenrapport wies, abgesehen von unbedeutenden Erkrankungen, 1 Masern-, 2 Blattern- und 2 leichte Typhusfälle auf. In den letzten Tagen wurden noch einige Diphteritis-Erkrankungen gemeldet. Sollte der ferneren Einwanderung russischer Flüchtlinge ein Damm gesetzt werden und die Repatriirung ohne Zwischenfälle vor sich gehen, so darf wohl gehofft werden, daß in Brody in wenigen Monaten wieder normale Zustände herrschen werden. Freilich muß auch betont werden, daß die Regierung immer noch mit lebhafter Sorge der nächsten Zukunft entAgensieht und die Ueberzeugung noch nicht gewinnen konnte, daß die Emigration bereits ihr Ende erreicht habe. Der Vice-Präsident der galizischen Statthalterei, Hofrath von Zaleski, welcher nach vierzehntägigem Aufenthalte vorgestern hier eingetroffen ist, hatte unmittelbar nach seiner Ankunft eine längere Besprechung mit dem Minister-Präsidenten Grafen Ta affe. Gestern Vormittags um 11 Uhr wurde Hofrath von Zaleski vom Kaiser in besonderer Audienz empfangen, um ihm über seine an Ort und Stelle gemachten Beobachtungen und Erfahrungen mündlich zu berichten. Der Kaiser hat, wie verlautet, dem Vortrage des Hofrathes mit großer Äufmersamkeit zugehört und sich über alle Details eingehend informirt. ' Man ersieht hieraus, daß die in Brody angesammelten Emigranten weder in finanzieller noch in polizeilicher und sanitärer Beziehung der Regierung irgend eine Verlegenheit bereitet hatten, daß aber die Gegner der Juden auch hier die Hand im Spiele hatten, uni Besorgnisse einzuflößen und Maßregeln gegen die Flüchtlinge hervorzurufen. Zur Frage der russisch-jüdischen Flüchtlinge geht der Königsb. Hart.Ztg. über die Verhältnisse in Eydtkuhnen von bestunterrichteter Seite Nachstehendes zu.: Es dürfte die Zahl derer, die über Eydtkuhnen und Berlin ihren Weg nach Hamburg nehmen, eine fast gleich große sein, wie die der über Brody- Lemberg Beförderten. Handelt es sich im Süden in erster Reihe um die Opfer der Plünderungen und Austrei" bungen, so ist es hier mehr die Furcht vor demselben Schicksal, welche die Leute mit dem letzten Rest ihrer Habe flüchten läßt. Ein großer Theil der unsere Ostgrenze passirenden Flüchtlinge ist demgemäß nicht ganz von Mitteln entblößt; daß aber diesen die Grenzüberschreitung und ungehemmte Weiterreise ermöglicht wird, andererseits die große Zahl derer, die ohne Mittel, oder ohne ausreichende Mittel sich auf den Weg wagen, unsere Stadt und Provinz nicht überfluten, das verdanken wir vor allem dem Hülfscomitö in Eydtkuhnen, das unter Leitung des Herrn Gudorius feit Wochen sich in hingebendster Weise dieser Angelegenheit widmet. Die Flüchtlinge werden an der Grenze empfangen, mit direkten Bitteten bis Hamburg versehen und unmittelbar nach ihrer Ankunft in durchgehenden Wagen vierter Klasse über Insterburg-Berlin nach Hamburg befördert; unberechtigte oder nicht zur Beförderung geeignete Personen werden, ohne die deutsche Grenze passiren zu dürfen, mit Mitteln zur Rückreise bis in eine größere Stadt versehen. Das Comitä zu Eydtkuhnen, das sich in jeder Weise des freuudlichsten Entgegenkommens der Behörden erfreut, hat förmlich die Verpflichtung übernommen, dafür zu sorgen, daß die Nichtbeförderten sich nicht über die Provinz ergießen, und ist derselben bis zur Stunde gewissenhaft nachgekommen. Die aus der Ueberführung, Verzollung u. s. w. entstehenden Kosten sowie die Passage für solche mittellose Personen, welche sich als Opfer der Regierungsmaßregeln oder Volksausschreitungen ausweisen können, hat vom 1. Juni ab das deutsche Centralcomitö zu Berlin übernommen. Ebenso hat letzteres dem Comitä zu Eydtkuhnen einen monatlichen Credit bewilligt, um solchen Personen, deren Baarschaft zur Reise nach New- Aork nicht ganz ausreicht, mittels einer kleinen Unterstützung die Wohlthat der Auswanderung zu ermöglichen, statt sie ihre geringen Mittel zwecklos auf die Heimreise verwenden zu lassen. Die durchschnittliche Oevöllrerung und die Einwanderung. Nach dem bisherigen Verlaufe hat sich die Emigration der russisch-jüdischen Flüchtlinge vorzugsweise nach den Vereinigten Staaten, zum geringen Theil nach Canada, so wie nach Paris und dengrößeren Städten Englands gerichtet. Dieses Ziel wird sie noch lange einhalten. Nach' noch entfernteren Weltgegenden, wie Australien, würden die Transportkosten zu groß sein und jene Länder bieten viel weniger Bürgschaft, daß die Eingewanderten möglichst schnell zu Arbeit und Erwerb gelangen. Es haben sich deshalb dieswie jenseits des Oeeans Besorgnisse erhoben, daß diese Anhäufung der. Emigrirten in den Vereinigten Staaten nachtheilig für sie, für die dort wohnenden Juden und für das Land sein würde.. Diese Besorgnisse zerstreuen sich am besten vor der Klarheit, welche die richtig angewandte Statistik verschafft. Allerdings haben wir zu berücksichtigen, daß die Aufnahmefähigkeit neuer Bevölkerungselemente für ein . . : - . 26 /