Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1882)
- Date
- 1882-06-27
- Page
- Seite 427 (sequence 7)
- Language
- German
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427 Parlamente. Diese Blamage ist vor Allem der „äußersten Linken" zu verdanken, welche einem Onody und Jstoczy Beifall spendete. Wie wir schon bemerkt, erleben wir hier, daß die Radikalen sich des vorausgesetzten Volkshasses ebenso als Wahlmanövers bedienen, wie anderswo die Conservativen. Hier aber ist dies eine doppelte Schmach, da diese Partei in Freiheitsschwindel zu machen vorgiebt. Ein Theil der Blamage fällt aber auch auf die liberale Partei, welche einen Brandhetzer wie Jstoczy Jahrelang als ihr Mitglied duldete. Eine eigentümliche Episode dieser Verhandlungen bildet das Duell zwischen Wahrmann und Jstoczy, das, zweimal von der Polizei verhindert, fern von Pest vor sich ging, aber unblutig verlief. Die Affaire hatte in Pest und im gesammten Lande große Tbeilnahme erweckt und Menschenmassen umlagerten das Haus Wahrmann's, um den Ausgang zu erfahren. Der Wahlbezirk, welchen Wahrmann vertritt, votirte ihm für seine Rede und sein Verhallen Anerkennung und Verehrung^ Allerdings macht „Budapesti Hirlap" gegründete Bemerkungen über den Skandal, der darin liegt, daß Gesetzgeber, die ein Gesetz gegen das Duell gegeben haben, sich duelliren und zwar mit der Connibenz des Abgeordnetenhauses, wodurch die Achtung vor dem Gesetze im Volke nicht wachsen könne. Dagegen schreibt „Ellenör" dieser Affaire eine große Wirkung Zu. Es heißt da: „Wahrmann kann mit der Genugtuung vollkommen zufrieden -sein, welche die öffentliche Meinung ihm zu Theil werden ließ. Diese Genugtuung hat indessen eine Bedeutung, welche sich weit über die persönlichen Rücksichten erhebt: Nicht blos Wahrmann hat moralische Genugtuung erhalten, sondern auch die Sache, die er vertrat und in deren Schutz ihm die Verletzung widerfuhr. In der öffentlichen Meinung ist von gestern auf heute ein Umschwung eingetreten." „Die gestrige Scene hat aber dazu beigetragen, diese Gefahr abzuwenden. Die öffentliche Meinung sah in Wahrmann nicht nur die Person des Letzter», sondern dasJudenthum ungerechter Weise verletzt. Und die von einem gesunden, ritterlichen Sinn geleitete öffentliche Meinung Ungarns nahm sofort für die beleidigte Partei Stellung. Jstoczy's antisemitische Agitation büßte jenes Prestige ein, welches sie noch hatte. (!) Sie hat keinen Widerhall mehr in der Presse; ja, selbst jene Blätter, die einigermaßen einen antisemitischen Charakter hatten, treten heute ebenso energisch zur Vertheidigung der Juden auf wie wir selbst, die wir von Anbginn gegen die antisemitische Agitation gekämpft haben. Und wenn einmal die antisemitische Agitation in der Presse auch nicht die halb eingestandene Unterstützung haben wird, dann verliert sie jede Nahrung und wird verschwinden ohne Echo." Hoffen wir, daß dies richtig sei; indeß kann eine öffentliche Meinung, die so schnell einen Umschwung erfährt/nicht allzu tief allarmirt gewesen sein. Wir können jedoch diese Vorgänge nicht verlassen, ohne noch einmal auf die Tiszä- Eßlarer Affaire zurückzukommen. Fest steht bis jetzt nur: 1. daß das verschwundene Mädchen ein vagabondirendes Leben zu führen gewohnt war, und seiner Mutter immer von Neuem entlief; 2. daß noch keine Spur aufgefunden worden, welche konstatire, daß ein Mord geschehen sei. 'In Plumpester Weise griffen die Antisemiten das Verschwinden des Mädchens auf, um daraus eine Btutbeschuldigung zu machen, das Volk gegen die Juden zu hetzen und Scenen wie in Rußland hervorzurufen. Dies ist ihnen nun nicht gelungen, aber immerhin fand eine gewisse Aufregung statt. Herr vr. Kayserling sah sich deshalb bewogen, eine Broschüre: „Die Blutbeschuldigung von Tißa-Eßlar" zu veröffentlichen, in welcher er den Ursprung dieser scheußlichen Fabel, die zuerst von den heidnischen Römern gegen die ersten Christen gerichtet, und dann im Mittelalter von Christen gegen die Juden verwendet ward, und hierauf den geschichtlichen Verlauf bis auf die Gegenwart mit Berufung auf die Quellen beschreibt. Er führt die Bullen der Päpste und die Dekrete der Fürsten an, welche diese jeden Grundes entbehrende Beschuldigung verurtheilten, sowie die Männer der Wissenschaft und der christlichen Theologie, welche sich gegen diese Anklage, die so schreckliche Folgen gehabt hat, erhoben haben. Die Schrift K.'s ist bereits in mehreren Tausend Exemplaren verbreitet und hat eine sehr günstige Wirkung geübt. Andererseits richtete das. Präsidium der israelitischen Landeskanzlei folgendes Schreiben an den Ministerpräsidenten: „Ew. Exzellenz, Herr Minister-Präsident! Auf dem Wege der Presse hat sich im ganzen Lande das Gerücht verbreitet, daß in Tißa-Eßlar jüdische Schlächter zu ritualen Zwecken ein 14jähriges Mädchen , die spurlos verschwundene Esther Solymosi, umgebracht hätten, und daß beim k. Gerichtshof in NyiregyLza gegen die eingezogenen angeblichen Thäter die Untersuchung im Zuge ist. Es wäre ein Unrecht, wenn wir unsere Konfession, die Jahrhunderte lang durch solche stets als Lüge sich entpuppenden Verleumdungen so vielen Versuchungen und Verfolgungen ausgesetzt gewesen, gegen die jetzt sich erhebende Anklage vertheidigen wollten vor Ew. Exzellenz, dessen staatsmännische Weisheit kein Vorurtheil kennt und in dessen gerechtem Regime unsere Konfession, inmitten der jene Verleumdung begleitenden Hetzereien, die sicherste Beruhigung findet. . Unsere Konfession vertraut ferner auch auf den gesunden Sinn unserer Mitbürger und erwartet: daß es Hetzern nicht gelingen werde, das friedliche Einvernehmen, das zwischen uns und unseren christlichen Mitbürgern besteht, in Rassenhaß zu verkehren. . Mit vollem Vertrauen und voller Beruhigung sehen wir auch dem richterlichen Urtheile entgegen, indem wir. dabei den' aufrichtigen Wunsch aussprechen, daß es der Behörde ehestens gelinge, die Wahrheit in dieser Sache an den Hag