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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-27 · Heft 26 (27.6.1882) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 26 (27.6.1882)
Date
1882-06-27
Page
Seite 426 (sequence 6)
Language
German
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426 freiheit erhalten wollen. (Rufe auf der äußersten Linken: Jökai!) Damals waltete ein Jrrthum ob und er waltet auch heute noch ob. Zwischen Orthodoxen und Neologen kenne ich keinen konfessionellen und religiösen Unterschied. Es giebt da nur einen Unterschied in der Kultur und zwischen jenem starren Festhalten an einzelnen Zeremonien, wie er zwischen orthodoxen Katholiken und indifferenten Katholiken besteht. (Lebhafte Widersprüche und langanhaltende Unruhe auf der äußersten Linken. Hört!)" Hierauf wendet er sich gegen die Citäte Onody's aus Rohlings „Talmudjude" und citirt mehrere berüchtigte Stellen über den Protestantismus aus dem „Antichrist" beffetben Verfassers (1875), die eine langanhaltende Bewegung Hervorrufen. Für die russischen Juden zeige sich in ganz Europa die größte Theilnahme und Begeisterung, und zwar nicht nur im Kreise ihrer Glaubensgenossen. Er beschreibt nun was in Wien, Berlin, Paris. London und New-Iork für die Emigration geschieht. Er könne nur für den Petitionsausschuß stimmen, nicht aber mit der unbedingten Abweisung im Herman'schen Anträge. Er sagt: „Ich kann dies nicht annehmen als Mensch, weil es mit den heiligsten Geboten der Menschlichkeit im Widerspruch steht, unter allen Umständen die Fremden von unseren Grenzen zurückzuweisen; ich kann dies nicht annehmen als Ungar, weil das, wie es auch der Herr Ministerpräsident vorgebracht hat, mit allen Traditionen der ungarischen Nation im Widerspruch steht (Lebhafte Zustimmung) und ich kann dies nicht annehmen als Jude, weil man nicht verlangen kann, daß ich eventuell meine Glaubensgenossen dem sicheren Tode ausliefere."' Wahrmann schließt: „Geehrtes Haus! Ich fürchte nicht, daß eine Judenfrage in diesem Lande entstehen werde, wie sehr Einzelne auch hetzen und auf die Zukunft Hinweisen. Ich vertraue der Weisheit dieses Hauses, ich vertraue der Energie der Regierung, und jenem Streben derselben, nach Thunlichkeit immer, bei jeder Gelegenheit die Interessen des ■ Landes mit denen der Humanität in Einklang zu bringen. Ich vertraue der Besonnenheit und dem Rechtsgefühl des ungarischen Volkes, (Lebhafte Zustimmung) welches sich nicht leicht irreführen läßt, obgleich Einzelne bestrebt sind, den Boden dazu durch allerlei Mistdünger vorzubereiten. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Auf Alldies vertrauend bitte ich in diesem Vertrauen das g. Haus, den Ausschuß-Antrag anzunehmen. (Lebhafter Beifall rechts; Lärm. ' Präsident läutet.)" Nachdem noch einige Redner sich haben hören. lassen, wurde eine geheime Sitzung des Hauses beantragt, weil ünterdeß die schon besprochene Scene zwischen Jstoczy und Wahrmann vorgefallen. Anderthalb Stunden währte jene und es wurde einstimmig beschlossen, über Jstoczy eine Rüge auszusprechen, weil das Haus „ hierin eine schwere Verletzung seiner Würde und'seines Ansehns erblickt." Bekanntlich, war fin Duell die Folge, das jedoch unblutig verlief. Um fünf Uhr begann die Abendsitzung; das Haus befand sich in einer gedrückten Stimmung und wandte dem weiteren Redeturnier nur geringe Aufmerksamkeit zu; die Einen tadeln die Juden, die Anderen loben sie. Einige Bedeutung hat nur die Rede Daniel Jranyi's, der sich in dieser Sache von seiner Partei, der äußersten Linken, trennt. Er glaubt sogar, daß wenn Rußland an Ungarn grenzte und die grausam von dort vertriebenen Juden hier eine Zuflucht gesucht hätten, sie von den Ungarn nicht bloß genügenden Schutz, sondern auch die nöthige Hilfe erhalten hätten. Diese Voraussetzung scheint uns etwas kühn, da gerade Ungarn eine Ausnahme von allen europäischen Ländern macht, da weder Juden noch Christen daselbst den russisch - jüdischen Flüchtlingen irgend welche Hilfe oder Unterstützung haben zukommen lassen. Weiterhin nimmt er die Juden und das Judenthum in Schutz. Er kenne die Fehler vieler Juden so gut, wie die vieler Christen, suche aber die Quelle weder in der Rasse noch in der Religion. Er habe sich vielfach über das Judenthum unterrichtet, namentlich aus Schriften der. neueren Rabbinen und habe darin das Gegentheil von dem gefunden, was die Gegner der Juden behaupten. Er citirt solche Stellen. Wenn Jemand, sagt er, „im Neuen Testament Stellen suchen wollte, die gegen den gesunden Menschenverstand oder gegen die Moral verstoßen, würde er solche Stellen gleichfalls stnden können." Diese müßten aber im rechten Geiste interpretirt werden, und dies müsse mit anstößigen Stellen des Talmuds ebenfalls geschehen. Entschieden wendet er sich gegen die, . welche in der Tißa Eßlar - Affaire das Judenthum betheiligt vorgeben. Die Antisemiten würden weder irgend eine Bedrückung der Juden , noch die Aufhebung der Gleichberechtigung erzielen. „Die Nachtvögel, schließt er, können auch am lichten Tage krächzen, aber des' halb verwandelt sich der Tag nicht zur Nacht." — Auch der Ministerpräsident spricht noch einmal mit vollem Nachdruck. Wir glauben jedoch mit dem obigen Berichte diesen Debatten hinlänglich gerecht geworden zu sein. Denn die anderen vielen Redner drehten sich immer um die dieselben Punkte. Bei der Abstimmung erhoben sich die liberale Partei, die gemäßigte Opposition und von der äußersten Linken Jranyi und Kanjathy für den Antrag, des Petitionsausschüsses, so daß also eine große Majorität für diesen eintrat. Wir müssen, darauf beharren, daß diese ganze Verhandlung eine Blamage vor der gesammten civilisirten Welt war, wie ja mehrere Redner selbst zugestanden. Denn daß in einem solchen hohen Hause mittelalterliche Fabeln als Beschuldigungsgründe gegen eine ganze Religion und einen Theil der Landesbevölkerung verwendet werden, der heißblütig für Patriotismus schwärmt, ist bis jetzt ein Unikum in einem

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