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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-20 · Heft 25 (20.6.1882) · p. Seite 415

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 25 (20.6.1882)
Date
1882-06-20
Page
Seite 415 (sequence 15)
Language
German
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sonders bei Kindern vorgekommen, werden sie dem jüdischen Krankenhaus oder dem Barakenlazareth überwiesen. Auch wird von den Aerzten bestätigt, ob die durchziehenden zur Auswanderung fähig sind. Sobald die Flüchtlinge im Asyl ausgenommen, beginnt die, Thätigkeit der Vereinsdamen, worunter verheirathete und unverheirathete sind, welche sich mit großer Liebe und warmem Eifer der Verpflegung unterziehen. Sie sind abwechselnd von des Morgens 7 Uhr bis des Abends thätig und sorgen besonders liebreich für die Frauen, Kinder und Säuglinge. Sofort nach der ärztlichen Untersuchung erhalten die, Leute Frühstück, das ihrer Gewohnheit nach in Thee, für die Kinder in Milch und Brod besteht. Dann reinigen sie sich und kleiden sich um. Die Bedürftigen — und dies sind fast Alle, erhalten aus dem Depot Kleidung und Wäsche. , Dann werden sie gruppenweise nach der Köpnickerstraße' 3 geführt, wo auf dem Grundstück der Dannenberg'schen Kattunfabrik in dem dortigen Centralbureau die Aufnahme der Nationale und Feststellung der Personalien erfolgt, denn ihr Schicksal muß schnell entschieden werden, da das Gesetz nicht gestattet, daß Fremdlinge ohne Legitimation sich länger als 48 Stunden hier aufhaltett dürfen. Man geht Seitens des internationalen Hülfscomitö's sehe gewissenhaft zu Werke, dessen Aufgabe es ist, die freiwillig gespendeten Summen in erster Reihe für die Beförderung derjenigen aNzuwendett, welche aus den vergewaltigten Theilen Rußlands vertrieben sind. Der Verpflegungsverein sammelt daher für diejenigen, welche die Furcht, Brodlosigkeit und Verfolgung aus anderen Provinzen Rußlands in das Ausland treibt. Dieselben kommen meist über Eydtkuhnen, wo sich auch schon ein Hülfscomito gebildet hat , welches die gleiche Verpflichtung übernommen, wie das Internationale Könnt« in den Grenzstädten. In das Asyl zurückgekehrt, ruhen sich die Auswanderer aus, wobei ganze Familiengruppen in den Höfen umhersitzen oder herumgehen. Erstaunlich ist,' wie viele blonde und blauäugige Männer, Frauen und Kinder unter den jüdischrussischen Flüchtlingen sich befinden. Es ist ein schöner Stamm Menschen. Wir sahen Frauen von so durchsichtig weiß und rosiger Gesichtsfarbe, rothlich-blondem Haar und tiefblauen Augen, so reizend zarte Kinder, daß man sie ebenso als Urgermanen hätte halten können. Um so erstaunlicher wap uns diese Bemerkung, als unserer Erkundigung nach, die meisten Familien dem ländlichen Arbeiter- und Handwerkerstande angehörten. Die Wenigsten von ihnen waren Kaufleute bei den von üns begrüßten Zügen. Wir sprachen Männer an, die Schmiede, Schuhmacher, Böttcher, Sattler, Tischler, Schneider waren. Fast ' alle jungen Mädchen sind. Schneiderinnen und Näherinnen, welche durch das Aufhören großer Konfektionsgeschäfte ihre Arbeit verloren. Mehrere, mit denen wir sprachen, haben ein bestimmtes Ziel, in Liverpool, Manchester, London, Amsterdam, Meist aber verlangen sie nach Amerika, wo Verwandte sind , welche geschrieben, daß fleißige Frauenhände dort stets Brod finden. Wir beobachteten die Gesellschaft am verflossenen Freitag beim Mittagsmahl. Frauen, Mädchen und Kinder hatten' an einer Tafel, Männer und Knaben an der anderen-Platz genommen. Junge Damen bedienten die Gesellschaft mit freundlicher Zuvorkommenheit und füllten die Teller mit Buchweizengrütze und Fleisch, Jedes erhielt r/z Pfund, worüber gute Fleischbrühe gegossen wurde, dazu gab es je ein großes Stück Brod. Für die Kinder wurde ganz besonders theilnehmend von den Damen gesorgt. Des Abends erhalten die Leute Thee und Brod oder Reis, Wurst und Brod rc. — Unter den im Asyl weilenden Familien fiel uns eine Gruppe auf, in deren Gesichter sich Gram und Schmerz ausprägte. Es waren 1 Frau, 1 Mädchen, 3 Kinder und 2 Männer, von denen der ältere auf der Matratze lag und mit gerötheten, thränenleeren Augen vor sich hinstarrte. „Aus Balta sind diese", erklärte mir ein Herr, „sie halten sich hier auf, weil der Mann krank ist. Sie haben Grausiges erlebt!" Dem älteren Mann hat man die Schwester, dem jüngeren die Frau geschlachtet, sein dreijähriges Kind aus dem dritten Stock herabgeworfen. Den Vater des jungen -Mädchens, das daneben steht, hat man erstochen, weil man bei ihm, einem ländlichen Arbeiter , kein Geld fand. — Später sprach ich Mit dein Mädchen, als sie bei Tische saß. Sie' erzählte, daß sie und ihre Freundin sich in eine ausgetrocknete Kalkgrube versteckt hatten, als die wilde Horde kam, dadurch entgingen sie dem entsetzlichen Geschick anderer Frauen! — Als ich frag, ob all die Bestialitäten, die man hierher geschrieben, wahr seien, erzählten sie schaudernd , daß selbst todte Frauen noch von den Unholden verstümmelt worden sind. Eine Frau mit einem dunklen Atlasrock, darüber einen sehr ärmlichen Ueberwurf, deren ganzes Wesen nicht allein bessere- Tage, sondern Bildung und Anstand zeigte, brächte einem Herrn des Comitös ein paar prachtvolle antike Ohrringe mit Brillanten. -— „Woher kommt ihr dazu?" — Ihren Schmerz niederkämpfend, antwortete die Frau, die ein kleines Kind aus dem Arme trug: „Früher Hab' ich's nicht geachtet, jetzt ist es Alles, was mir geblieben, weil es die Verfolger nicht fanden! Nehmt es, ich bitte, und kauft uns Billets nach Amerika!" Sie wollte für das eigene Geld mit ihren Kindern reisen — darum entäußerte sie sich des letzten, was-ihr für die Noth geblieben. Mit ihr war der Mann, 4 Söhne,, die ein Gymnasium besucht hatten, und 2 kleine Kinder. Sie hatten eine Tabakmanufaktur besessen. — Eine junge Frau trug ihr Kind umher, dem sie liebkosend zusprach, es war ein leidend aussehendes, zartes Geschöpfchen.

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