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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-20 · Heft 25 (20.6.1882) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 25 (20.6.1882)
Date
1882-06-20
Page
Seite 413 (sequence 13)
Language
German
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413 Petersburg, 8. Juni. Die Telegraphen-Censur inhibirt rücksichtslos alle Berichte betreffend Agrarrevolten oder Judenunruhen, welche' noch immer zahlreich stattfinden. Vor wenigen Tagen erfolgte bei Smelo (Gouvernement Podolien) ein zweiter Fall agrarischer Unruhen, ein Ueberfall von Gutsbesitzern, wobei Verwalter und Bedienstete des Grafen BobrinE mißhandelt wurden. Man spricht sogar von zwei Agrarmorden, begangen an Bertheidigern des Eigenthums der Grundbesitzer. Die gestrigen Wilnaer Berichte der russischen „Petersburger Ztg." erregten unbeschreibliche Sensation und Unruhe. Die Censur verbot der übrigen Presse, diese Nachrichten zu reproduziren. An der Montags und, der Dienstagsbörse schlug eine reiche fürstliche Familie, welche selbst mit dem Hof intim verkehrt, Millionen Russischer Fonds los und kaufte dagegen Englische Consols. Die Börse befürchtet die Ueberfluthung durch ähnliche Realist, rungen von Seiten des Privatkapitals; die Furcht ist um so größer, als die Aufnahmefähigkeit der Börse stark erschöpft ist. Petersburg, 9. Juni. Eine Anzahl hervorragender hiesiger Israeliten, welche bereits außerordentlche Opfer darbrachten, uni die Verbesserung der Lage oder die Emigration der Juden zu bewerkstelligen, versammelten sich vor einigen Tagen, «nt über die gegenwärtige Situation ihrer Glaubensgenossen zu berathen.; Man fand die Aussichten trotz oder vielleicht wegen der letzten kaiserlichen Ukase recht traurig. Dennoch beschloß die nicht officielle Conferenz, um die den ausländischen Regierungen durch die Massenemigration erwachsenden Verlegenheiten abzuhelfen, und deren menschlichen Gesinnungen keinem Mißbrauche auszusetzen, mit allen Kräften dahin zu wirken, daß die haufenweise Emigration thunlichst verhindert werde. Zu diesem Zwecke soll 1) die Emigration organisirt werden und zwar in 8er Weise, daß vorerst nur die wirklich mißhandelten und beraubten Juden gehörige Unterstützungen erhalten; 2) ist die Regierung anzugehen, den vielen Tausenden Juden, welche sich dem Landbau widmen wollen, Unbenützte Kronländereien gegen müßige, allmählich abzutragende Entschädigung zur Urbarmachung zu überlassen. Um die genügenden Mittel zu diesen Bestrebungen aufzubringen, sollen die Gemeindeältesten die Angehörigen der Cultusgemeinden auffordern, wöchentliche Beiträge von je fünf Kopeken pro Mitglied der Familie zu leisten. Diese Beiträge schätzt man im Ganzen auf einige hunderttausend Rubel pro Woche. Mit solchen Mitteln ausgestattet, könnten wöchentlich 500—1060 Emigranten mit Reisemitteln versehen und ihnen noch eine Beihilfe geboten werden, damit sie an dem Zielpunkte ihrer Emigration noch ein kleines Kapital zum Anfänge ihrer neuen Carriere besitzen. Die successive Rückzahlung dieser Summen nach eingetretener Erwerbsfähigkeit müßte zur Bedingung gemacht werden, weil jede Abzahlung zur neuerlichen Unterstützung von Glaubensgenossen verwendet werden würde. Aus Petersburg geht der „B. Z." auf indireetem Wege folgendes Privat-Telegramm zu: „Ein Herr Medunetzki schreibt der Petersburger „Wedomosti" aus Wilna vom 17. Mai: Bauern griffen von Juden gehaltene Schenken an und zerstörten und plünderten davon 25. Die Bauern erklärten, sie werden die Juden nur noch kurze Zeit in jener Gegend dulden. Ein Gerücht behauptet, zehn Emissäre aus Großrußland hätten diesbezügliche Befehle mitgebracht. Petersburg, 10. Juni. Daß Jgnatiew nicht der einzige Haman ist, hat soeben der Kriegsminister durch eine Verfügung erwiesen. Er hat verordnet, daß nur fünf Prozent der gesammten Militärärzte Juden sein dürfen, in fünf Militärbezirken sind jüdische Funktionäre total ausgeschlossen. In Militärbezirken, wo nur ein einziger Arzt funktionirt, darf derselbe kein Jude sein, endlich ist die Ueberzähl jüdischer Aerzte über fünf Prozent durch Versetzung oder Entlassung auszugleicheu. Biele jüdische Aerzte erbaten sofort ihre Enthebung vom Dienst. Um die Tragweite dieser Verordnung zu bemessen, erinnere man sich, daß die russische Armee stets und besonders im Kriege einer genügenden Anzahl Aerzte ermangelt, und daß immer auswärtige Aerzte gesucht werden. Allein eine solche Erwägung hat jetzt in Rußland keinen Platz Warschau, 7. Juni. Wie dem Golos berichtet wird, hat das Warschauer Börsencomitö sich an den Finanzminister gewandt, um die Aufhebung aller das Aufenthaltsrecht der Inden in Moskau beeinträchtigenden Vorschriften für die Zeit der Ausstellung zu erwirken. Rumänien. Galatz, 22. Mai. (Privatmitth.) Hier erscheint seit einiger Zeit ein deutsches Blatt in hebräischer Ouadratschrift „der Emigrant", dessen Haupttendenz die Beförderung der Auswanderung rumänischer Juden nach Palästina ist. In einigen Nummern schon, so auch in Nr. 11 vom 23. Mai, werden bittere Klagen darüber geführt^ daß die Angelegenheit durchaus nicht vorwärts will, daß die einlaufenden Spenden nur geringfügig seien , weil zwar eine beträchtliche Anzahl Unbemittelter einen Monatsbeitrag leisten, aber die Reichen und Begüterten jede Gabe zurückhalten. Ebensowenig gelangen die Unterhandlungen in Konstantinopel zu einem Ziele. Bekanntlich führt mit dem türkischen Ministerium diese Unterhandlungen Sir Lawrence Oliphant, der. edle für die Änsiedlung der Juden in Palästina schwärmende Christ. Bei der Hohen Pforte haben sich die Gegner dadurch Gehör geschafft, daß sie den Juden weittragende Pläne auf den selbstständigen Besitz in Palästina insinuiren. Hieraus erklärt sich auch folgender Bericht: „Das Central-Comits für Erleichterung der Auswanderung der Israeliten aus Rumänien hielt im

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