Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1882)
- Date
- 1882-06-20
- Page
- Seite 412 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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412 und das ist für ihn das unangenehmste; da es ihm schließlich blos um Skandal und Spektakel zu thun ist. — Der Vorstand der hiesigen israelischen Kultusgemeinde hat von Seite der Behörde das Recht eingeräumt erhalten, die. Concessionen, Filialbethäuser während der hohen Festtage zu errichten, zu ertheilen. Der Unfug, daß auch-in Tanzsälen jüdischer Gottesdienst abgehalten wird, wird jetzt aufhören. Es wird jedoch die Frage entstehen, wo die genügende Zahl von geeigneten Lokalitäten auszutreiben? Es wird dann doch nunmehr an den Vorstand die Frage herantreten, ein neues Gotteshaus zu erbauen. — Herr Moriz Ritter v. Goldschmidt begeht dieser Tage seine goldene Hochzeitsfeier. Abgesehen von der sozialen Stellung, die der Mann einnimmt (bis vor einigen Jahren war er auch Vorstand der israel. Gemeinde rc.), leuchtet dieses Jubelpaar als ein Muster einer glücklichen Ehe. Möge Gottes Schutz ihnen ferner zu Theil werden! Pest, 5. Juni. Bei den Verhandlungen, welche Minister- Präsident Tisza während seiner jüngsten Anwesenheit in Wien mit den Grafen Kalnoky und Taaffe über die Angelegenheit der russischen Juden gepflogen hat, ergab sich vollständige Übereinstimmung der Faktoren, und es wurde beschlossen, daß der Staat eventuell, wenn dies erforderlich wäre, materielle Hilfe zur Repatriirung der Flüchtlinge oder deren Emigration nach Amerika bieten soll. Man betrachtet auch an maßgebender Stelle die Angelegenheit selbstverständlich als eine gemeinsame und wird demgemäß Vorgehen. In unterrichteten Kreisen hält man die Möglichkeit keineswegs für ausgeschlossen, daß das Auswärtige Amt nicht offiziell, doch in vertraulichem Wege in Petersburg dahin zu wirken suchen werde, daß weiterer Zuzug verhindert werde. Belgien. Brüssel, 6. Juni. (Privatmitth.) Auf den Aufruf zu Gunsten der russischen Flüchtlinge, welchen das Comitä, das unter dem Vorsitze des Bürgermeisters von Brüssel, Herrn Büls, zusammengetreten, erfassen hat, sind bereits über 90,000 Frcs. eingegangen, und hofft man mit Sicherheit die Summe von 120,000 zu erreichen. Das Comitä hat beschlossen, durch seinen Schatzmeister, Herrn Franz Philippson, einen Theil an den Mansion-Housefond in London, einen anderen an die Alliance isr. in Paris und einen dritten an die Wiener Allianz übermitteln zu lassen. Brüssel, 8. Juni. (Privatmitth.) Am 6. Juni fand hier im gothischen Saale des Rathhauses eine vom hiesigen Comite eingeladene Versammlung von Bürgern statt, zum Zwecke, den verfolgten russischen Juden einen Beweis ihrer Sympathie zu geben, sowie die Mittel zu berathen, um den- . selben so viel wie möglich Unterstützung zukommen zu lassen. Der Bürgermeister von Brüssel, Herr C. Büls, prefidirte der Versammlung' und exponirte die Lage in beredten, eindringlichen Worten und forderte zum Schluffe zu Zeichnungen ' auf. Die Subskriptionsliste ergab bereits über 90,000 Fr., worin eine Zeichnung von 50,000 Fr. des Herrn Senators Bisch offsheim enthalten ist. — Eine ansehnliche Anzahl von Subskriptionslisten werden in Cirkulation gesetzt, die Freimaurerloge forderte ihre Anhänger auf das dringendste zu Zeichnungen auf. Verschiedene Musikgesellschaften beabsichtigen größere Concerte zu veranstalten, die anderen größeren Städte des Landes sind im Begriffe Untercomitvs zu bilden , so daß man mit Recht auf größere, weitere Summen rechnet. Frankreich. Paris, 8. Juni. Wie der Gaulois meldet, hat der Cardinal-Erzbischof von Paris dem unter dem Vorsitz Victor- Hugos gebildeten Comits zur Unterstützung russisch-jüdischer Flüchtlinge 1000 Fr. geschickt. Die Bedeutung dieses Geschenkes liegt vorzugsweise in der Person des Gebers. Der Brief, mit welchem der Erzbischof diese Gabe begleitete, lautet wie folgt: Paris, 6. Juni 1882. Herr Präsident! Ehe ich Ihren Aufruf erhielt, kannte ich durch die öffentlichen Blätter die grausamen Heimsuchungen,, welche die zahlreichen Juden, die in den nördlichen Gegenden wohnen, zu erdulden haben. Ist es nothwendig, Ihnen zu sagen, daß ich das Gefühl der lebhaften Pein nnd Mißbilligung theile, welche diese barbarischen Handlungen der Gewaltthat, die die Rechte der Menschheit verletzen, überall einflößen? Ich antworte gern auf den Aufruf, den Sie an die Barmherzigkeit für Ihre leidenden Brüder richten. Ich schließe meinem Schreiben meine Gabe bei, welche reichlicher sein würde , wenn die übrige Roth, die mich umgiebt, es mir gestattete. Ich befolge nur die Ueberlieferungen unserer heiligen Kirche; die Päpste beschützten immer die Israeliten, wenn sie verfolgt wurden. Hoffen^wir, daß die Staatsgewalten in allen Ländern Maßregeln ergreifen werden, um inskünftige Frevelthaten zu verhindern, die eben so sehr vom göttlichen Gesetz, als von den Sitten unserer Zeit verdammt werden. Genehmigen Sie u. s. w. I. Hippolyte Cardinal Guibert, Erzbischof von Paris. Rußland. < . Petersburg, 6. Juni. Im Monat Mai sind an Juden 13,200 Emigrationspässe ausgestellt, worden, darunter viele auf drei bis acht Personen lautend. . - — Es ist hervorzuheben, daß K a tk o w trotz des neulich en Verbots, nicht aufhört, gegen die Judenverfolgungen zu protestiren und dem Minister des Innern eine bittre Pille nach der andern einzugeben. -