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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-20 · Heft 25 (20.6.1882) · p. Seite 408

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 25 (20.6.1882)
Date
1882-06-20
Page
Seite 408 (sequence 8)
Language
German
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alles Recht verschwunden ist. Ebenso wenig aber wäre der sozialdemokratische Staat ein Staat. Denn dieser wäre nicht mehr eine aus dem Gesammtwillen und dem Gesammtstreben des Volkes hervorgegangene und von diesem Gesammtwillen und Gesammtstreben getragene, erfüllte und fortgebildete Rechtsinstitution, sondern nur eine, nach einem von einigen Köpfen erdachten Schema erkünstelte -und erzwungene Einrichtung, in welcher jeder Gesammtwille fehlt, weil sämmtliche Individuen, aus denen die Gesammtheit besteht, ihres Willens und jeder Aeußerung und Veränderung dieses Willens beraubt sind.' Äuch hieraus erhellt, daß jener Ausspruch nichts als eine inhaltlose Phrase ist, da unter den Voraussetzungen der Sozialdemokraten es weder ein Recht noch einen Staat giebt. Jeder wirklich denkende Sozialdemokrat wird deshalb zugeben müssen, daß dieser Satz nur eine Lockspeise, für den Staat sein sollte, um ohne Gewissensbisse, und mit Selbstbefriedigung die sozialdemokratischen Wege einzuschlagen. Der Staat solle sich einreden, mit vollem Rechte Schritte zum sozialdemokratischen Ziele thun zu dürfen. Würde der sozialdemokratische Redner aufrichtig sein, so müßte er sagen: der Staat ist die Quelle aller Macht. Und dies wäre richtig. Denn nicht blvs alle materielle Macht , sondern auch die Macht der Intelligenz, und der religiösen Ueberzeugung beruht auf der'Gemeinschaft, auf der gesellschaftlichen Vereinigung der Menschen, und die Intelligenz und die religiöse Ueberzeugung . haben es. oft schwer genug empfunden, wenn der Staat als Macht das Recht ihrer freien Bewegung nicht anerkannte, sondern mit einseitiger Härte'unterdrückte. Die ganze Entwickelung des Staates bestand und besteht aber darin , aus der . Macht zum Recht zu kommen, aus einem Machtstaat, wie es der Despotismus ist, ein Rechtsstaat zu werden, die Fülle seiner Macht mit der Fülle des Rechts zu identisiziren. Aber diesem ist der sozialdemokratische Staat diametral entgegen. Er kehrt zu dem bloßen Machtstaat, zum Despotismus zurück, der-den Staat an kein Rechtgebunden hält, sondern die unbeschränkte Macht besitzt, die Erfüllung der Arbeitpensa und die Beschränkung auf zugeschnittenen Genuß. zu erzwingen. Und wohl weiß der sozialdemokratische Staatskünstler auch, daß sein Staat sich nur durch die Macht,^selbst nur eine Zeit lang, erhalten könne. Denn das aufgehobene, zerschlagene und zu einem allgemeinen Nahrungsbrei - verwand te Eigenthüm wird' als . solchernur ikurze Zeit Vorhalten, die von den vergangenen Zeiten aufgesparten Borräthe bald verzehrt sein, und die an allen Enden zu Tage kommende Noth nur durch terroristischen Zwang unterdrückt werden, bis — das ganze Gebäude in allen seinen künstlichen Fugen kracht und zusammenbricht. Das wirkliche Dogma der Sozialdemokratie lautet also : der Staat ist die Quelle aller Macht, und diese Macht ist an kein Recht gebunden, denn das sogenannte Recht steht immerfort im Belieben des Staates. .Hiermit ist aber auch jede Brücke zwischen dem gegenwärtigen , dem Rechtsstaate und dem sozialdemokratischen Staate abgebrochen, und die, welche der sozialdemokratische Redner errichten wollte, erweist sich ohne Pfeiler und Balkenlage. - .In der That kann man, den Sozialismus zu der gegen- ' wärtigen staatlichen Entwickelung höchstens nur mit demVerhältniß der Homöopathie zur Allöopathie vergleichen. Sa wie jene auf diese vortheilhaft eingewirkt hat,; indem sie Vereinfachung der Arzneimittel und größere Beachtung der Diät predigte < — sonst aber nur eine experimentelle Bedeutung gewann und die wissenschaftliche Medizin auf ihren Grundsätzen und . ihrer Methode beharrte: so erhält der Staat vom Sozialismus den Anstoß, nach sehr wichtigen .Richtungen hin Ver- - besserungen der sozialen Verhältnisse anzustreben und gerechten Anforderungen der sog. arbeitenden Klassen zu genügen/' Aber auch nicht einen Schritt weiter, nicht ein. Dogma des Sozialismus sich aneignen! Anders ist es selbstverständlich, wenn der Sozialismus mit Revolution droht, und Gewalt predigt, da ihm dann rechtzeitig mit dem Gesetze in der Hand entgegengetreten werden muß.; Und so ist es denn allein der Menschennatur, dem Rechte und der Wahrheit gemäß, die Gesellschaft,, den Staat, auf den Grundlagen zu erhalten,- welche der Mosaismus so - einfach forMulirte und so bestimmt zum Ausdruck brachte, und welche die modernen Staaten als ihre Fundamente an-. nahmen , nachdem der antike Staat in den 'verschiedensten Phasen sich entwickelt hatte-. . ' Deutschland. Berlin, 4 Juni. Wer die durchaus veränderte Haltung einiger, aber leider! nur einiger ultramontanen Blätter den Juden gegenüber beobachten will, der lese nur, wie die „Germania" sich über die bekannte Greifswalder Rektorwahl geäußert hat — vor einem Jahre hätte diesganz anders geklungen. Sie sagt: „Niemand beklagt mehr, als Einsender den Umstand, daß auf den Universitäten der Unglaube sich breit macht und der die Universitäten beherrschende Gesammtgeist dem positiven Christenthum feindlich ist Bon diesem Gesichtspunkte aus - könnte man in jedem Jahre bei jeder Rektoratswahl von Neuem die Klage erheben, daß. die., größte Zahl der. neugewählten Universitätsrektoren aus

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