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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-20 · Heft 25 (20.6.1882) · p. Seite 409

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 25 (20.6.1882)
Date
1882-06-20
Page
Seite 409 (sequence 9)
Language
German
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409 Männern besteht, die dem positiven Christenthum fernstehen, ja vielfach ihrem Haß gegen den Glauben -offen Ausdruck gegeben haben. Aber warum schwieg man stets bisher bei der Anstellung ungläubiger Professoren und der Wahl derselben zu Rektoren? Blos deßhalb, weil die Leute bei der Volkszählung als Christen fungiren? Und weshalb macht man jetzt bei der Wahl des Professors Behrend einen solchen Lärm, wiewohl derselbe, soweit mir bekannt ist, niemals einer feindseligen Gesinnung gegenüber dem Christenthum Ausdruck gegeben hat, obwohl er, wie von Freund und Feind anerkannt wird, frei' von den Eigenschaften ist, welche uns die Juden vielfach unangenehm machen, obwohl bezüglich der Lauterkeit und Ehrenhaftigkeit seines Charakters Alles des Lobks voll ist? Auch die Berufung auf den angeblichen statutenmäßigen evangelischen Charakter der Hochschule- (im Statut steht davon nichts!) unterließe man besser.; Oder warum tritt man denn, während man es billigt, daß in Halle jedem Katholiken der Zutritt zum Lehrstuhle verweigert wird, nicht der Besetzung von Lehrstühlen der statutenmäßig katholischen Akademie Münster mit Protestanten entgegen? Kurz, man kämpft 'in dieser Sache nicht mit ehrlichen Waffen und nicht auf dem Boden der Gerechtigkeit." Bekanntlich ist jede „eeclesia pressa“ oder die sich dafür hält oder da, wo sie sich dafür hält, aufgeklärt oder doch tolerant. Merkwürdiger Weise war dies die ultramontane Presse während der antisemitischen Agitation in Preußen durchaus nicht, vielmehr fachte sie an und schürte mit aller möglichen Anstrengung. Nun , wir wollen dies gern vergessen, wenn es dauernd anders geworden. Wir wollen nur Billigkeit und Wohlwollen, deren — alle Parteien bedürfen! Berlin, 5. Juni. Die „Berliner klinische Wochenschrift" bemerkt, daß die barbarischen Verfolgungen und Grausamkeiten, welche jetzt gegen die jüdische Bevölkerung Rußlands verübt werden, auch- „von eminenter hygienischer resp. epidemiotischer Bedeutung sind", auf' welchen. Punkt bisher noch gar nicht oder nicht mit dem gehörigen Nachdruck aufmerksam gemacht ist. Nach Allem, was in den Berichten über das gräßliche Elend der an der Grenze, besonders in Brody angehäuften Menschenmasse berichtet wird, kann es gar nicht ausbleiben, daß sich dort eine Brutstätte infectiöser epidemischer Krankheiten entwickelt, die mit Leichtigkeit und Schnelligkeit ihre Keime weiter nach Westen ausstrenen kann. „Hier liegt eine Gefahr vor", bemerkt das Fachblatt- „die uns viel näher noch angeht und drohender vor uns steht als die Astrachanische Pest von 1879, und es ist dringendste Aufgabe der zuständigen Behörden, hier helfend und bessernd verzugehen und die Bekämpfung des Nothstandes nicht der doch immerhin nur schwachen privaten Thätigkeit zu überlassen. Hier liegt eine entschiedene staatliche- Aufgabe vor, und wir können nur mit allem Nachdruck ein videant eonsules aussprechen. Polnische und russische Ueberläufer sind schon oft die Träger größerer Epidemien gewesen, sie sind selbst In den verhältnißmäßig guten ^Exemplaren , die wir hier sehen, von höchst zweifelhafter hygienischer Dignität. Wie muß es nun erst in Brody und ähnlichen Punkten, wo sich diese vertriebenenabgematteten, halb verhungerten Massen zusammenschaaren, aussehen?" Wenn diese Aeußerungen des Fachblattes bewirken würden, daß die dabei interessirten Staaten aus ihren Mitteln die Evakuation und den Transport der in Brody und etwaigen anderen Grenzorten sich ansammelnden Flüchtlinge beförderten und beschleunigten: so könnten wir nur dankbar dafür sein. Allerdings ist es die Pflicht der. Wissenschaft, auf die etwa drohenden Gefahren im Voraus aufmerksam zu machen. Bis jetzt jedoch stützt sich die „Klinische Wochenschrift" nur auf Voraussetzungen, denn die Thatsache ist, daß bis jüngst der Gesundheitszustand unter den Flüchtlingen ein günstiger gewesen und die Zahl der Erkrankungen über das normale Verhältniß nicht hinausgegangen. Es sind in jenen galizischen Städten zu viele Berichterstatter der Presse und Organe der Aufsichtsbehörden anwesend, als daß nicht etwaige Fälle, die verdächtig sein könnten, schnell zur öffentlichen Kunde gebracht würden. — Den Anordnungen der Polizeibehörde gemäß, wird nun auch die Synagoge in der Kaiserstraße behufs Herstellung größerer Feuersicherheit umgebaut und zu dem Zwecke bald geschlossen werden müssen. Der Umbau ist jedoch nicht so umfangreich als der in der alten Synagoge der Heidereutergasse. Berlin, 11. Juni. (Privatmitth.) Die Auswanderung russischer Juden über die preußische Grenze hat hier vielen Staub aufgewirbelt. Man sprach bald von der Einsetzung einer besonderen Ministerial-Commission, dementirte dies wieder und gab endlich die Namen der Herren an, aus denen die Commission bestehe. Außerdem wurde in gewissen Blättern viel über die bedrohliche Gefahr epidemischer Ansteckung geschrieben. Wir haben immer aufrecht erhalten, daß bis jetzt die Auswanderung über die russisch-preußische Grenze noch eine geringe ist und deshalb gar keine besonderen Anordnungen zu treffen seien. Dies bestätigt sich denn auch. Die zur Regelung der jüdisch-russischen Auswanderung bestehende Ministerial-Commission hat angesichts derThatsachen beschlossen, von einer besonderen Einrichtung des Auswanderungswesens an den bisherigen Grenzstationen abzusehen, um für die etwa eintretenden Falls zu ergreifenden Maßregeln die Einsetzung von Ortsausschüssen vorzubehalten. . Vorgeschlagen hat sie, für die über Eydtkuhnen kommenden Auswanderer directe Billete von dort nach Hamburg für Einzelreisende auszugeben und die für 100 Personen bestehende Preisermäßigung auch schon für 30 zu bewilligen; ferner die benutzten Wagen 25

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