Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-20 · Heft 25 (20.6.1882) · p. Seite 405

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 25 (20.6.1882)
Date
1882-06-20
Page
Seite 405 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227419--39970-3257582
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

die Organisation ffür die Auswanderung der Arbeitsfähigen nach Amerika ist derartig, daß jetzt an 1500 Emigranten per Woche befördert werden. Die Kosten, die für das hiesige Eomits daraus entstehen, belaufen sich von Hamburg aus auf circa F 6000 — M. 120,000 — die Woche. Man sieht -mit der größten Besörgniß den Zeitpunkt voraus, wo die nöthigen Mittel erschöpft sein werden- und man beabsichtigt hier zu Lande wiederum eine große Collekte zu veranstalten, und hofft man, daß auf dem Continent dieses Beispiel befolgt wird. Es wäre wirklich im höchsten Grade bedauernswerth, wenn, nachdem es nach vielen Mühseligkeiten gelungen, eine definitive Organisation zu einer zweckentsprechenden Emigration zu Stande zu bringen, dieselbe nicht* weiter fortgefährt werden könnte aus Mangel der dazu nöthigen Mittel. ' Uebrigens ist die Auswanderung nach Palästina gänzlich aufgegeben, nachdem selbst Herr Oliphant sich in Konstantinopel überzeugt hat, daß sie selbst bei der türkischen Regierung auf Hindernisse stößt, abgesehen von der Beschaffenheit des Landes und der Unsicherheit in demselben. — Die Herren Samuel Montague und Dr. Asher Asher haben an das Eomits einen Bericht über ihre Mission in Lemberg, Brody, Pest und Wien unter dem 22. Mai gerichtet, aus welchem wir jedoch wenig nachzuholen haben. Sie trugen sehr viel dazu bei, die Manipulationen in Lemberg und Brody zweckmäßig zu organisiren und conferirten darüber wiederholt mit dem Stadthalter Grafen Potocki. Sie waren sehr erfreut, die Flüchtlinge trotz ihres großen Elends Ordnung und Anstand beobachten zu sehen. Geringer war ihr. Erfolg in Pest und Wien, da sich daselbst Tatsächliches nicht erreichen ließ. Jetztist Herr Montague in Liverpool bei der Einschiffung der Flüchtlinge sehr erfolgreich thätig. Das Londoner Hilfs-Eomits für die russischen Juden I hielt im Mansion House eine weitere Sitzung. Der Hilfsfond beziffert sich gegenwärtig auf 82,468 Lstr.', worin Rimessen von je 3000 Lstr. aus Frankfurt ä. M. und Paris, und 3000 Lstr. aus Wien für besondere Auswanderungs¬ und Colonisationszwecke inbegriffen sind: Das ComitS ver-- fügt gegenwärtig über ein Saldo von 25,000 Lstr. Es wurde mitgetheilt, daß die Gesammtzahl der nach Amerika beförderten Flüchtlinge bis züm 3.'Juni 4810 betrug und die Anzahl der in Brody auf Unterstützung harrenden Flüchtlinge gegenwärtig sich auf circa 13,000 belaufe. Es ist ermittelt worden, daß die direkte Ueberfkhrt von Hamburg nach New-Jork beträchtlich billiger ist als die über Liverpool. >Jn Folge dessen wurde beschlossen, Commissäre nach Hamburg zu senden und dem Executiv-Comite des Hilfsfonds eine weitere Summe von 20,000 Lstr. zur Verfügung zu stellen. Ich kann nicht schließen ohne , unsre Glaubensgenossen auf dem Eontinente und die dortigen Comitäs insbesondere noch einmal: aufmerksam zu machen, daß die Mittel des Londoner Comics ' vermehrt werden müssen, um das - große Werk nachdrücklich fortsetzen zu'können. Die Emwandernngsfrage im ungarischen Äbgeordnetenhausr. I. Wenn Ungarn und Italien die einzigen größeren europäischen Länder sind, in welchen sich bei Juden wie bei Christen ein Interesse an dem Schicksale der unglücklichen russischen Juden nicht bethätigt hat: so tritt das ungarische Abgeordnetenhaus dadurch noch besonders hervor, daß in seinem Schooße die Emigration russisch-jüdischer Flüchtlinge einer feindlichen Agitation begegnete. Dies ist um so auffallender, als eine solche Einwanderung jener Flüchtlinge in Ungarn noch gar nicht stattgefunden hat, daß auch nicht der geringste Theil der Flüchtlinge nach Ungarn überzutreten und daselbst eine Freistatt zu finden oder gar sich niederzulassen versucht hat. Wenn dennoch das ungarische Abgeordnetenhaus sich drei Tage lang mit der Frage beschäftigte, ob und welche Maßregeln gegen diese Einwanderung zu ergreifen seien? so glich dies offenbar dem Kampfe Don Quixote's gegen ^Windmühlen. Das Eigenthümliche besteht nun darin, daß es die äußersten Linken finb; welche doch sonst von unbeschränkter Freiheitslust überfließen und für das Recht jedes vermeintlich Unterdrückten aufschäumen, die hier bald aus volkswirtschaftlichen, bald aus nationalen, bald aus sanitären Gründen ihre Opposition gegen die würdige und humane Haltung her Regierung motivirten, und selbst sich nicht scheuten, aus ihren Reihen die Fabel der Tißa- Eßlarer Blutgeschichte als einen Beweis geltend machen zu lassen, während diese Tag für Tag mehr als ein Produkt antisemitischer Hetze, als künstlich zusammengebrauter Dunstnebel verschwindet. Es zeigt sich auch hier, daß der Antisemitismus nichts als ein Parteimanöver ist, das in Preußen von konservativer Seite gegen den Liberalismus, in Ungarn von der radikalen Seite gegen die Regierung betrieben wird — wenn auch der Vater desselben, Victor Jstoczy, in allen anderen Fragen zur Regierungspartei zählt. Bekanntlich ist es das Szatmarer Komitat, welches eine Petition gegen die Einwanderung der russischen Juden in die Welt setzte, der sich die Komitate Heves, Raab, Somogy, Hajden, Torontal angeschlossen. Dieselbe verlangte, daß jeder russische Einwanderer eine Kopfsteuer entrichten und daß ein Gesetz gegen die Niederlassung russischer Judenin Ungarn erlassen werden sollte. Diese Petitionen hatte der Petitions-Ausschuß des Abgeordnetenhauses zu berathen und dieser stellte folgenden Antrag: „Da der G.-A. V: 1876 genügende Garantie dafür bietet, daß Einwanderer den Ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.