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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-13 · Heft 24 (13.6.1882) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 24 (13.6.1882)
Date
1882-06-13
Page
Seite 390 (sequence 6)
Language
German
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ihren Zielen und auf den Wegen fühlen, die dahin führen. — Es ist erfreulich, in vielen deutschen Provinzial- und selbst Fachblättern den wärmsten Ausdruck des Mitgefühls für die jüdisch-russischen Dulder zu finden. So z. B. die „Brandenburger Zeitung" vom 20. Mai, die „Deutsche Hausfrauen- Zeitung" vom 28. Mai, Eine andere Physiognomie zeigen die Organe der „conservativen" Partei. In Stuttgart erscheint ein „Central - Organ der Conservativen Süddeutschlands", die „Deutsche Reichs-Post." Dieselbe findet es in ihrer Nummer vom 13. Mai ,-wunderlich zu Gabensammlungen für die aus Rußland vertriebenen Juden aufzufordern." Zunächst wisse man nicht, wie viel Wahres an. all den Berichten sei, auch nicht, wie viel Schuld die Verfolgten selbst treffe. Aber die Hauptsache fei, für die Hilfsbedürftigen im eigenen Lande zu sorgen, und darum könne man die Sache den Juden selbst überlassen. Dagegen erhebt sich in der Nummer vom 17. Mai eine Zuschrift, worin es heißt: „Im Grunde hat doch der Jude bei uns nirgends einen wahren Freund als den wahren Christen, der zwar sein Heiligthum von den Juden nicht treten läßt, aber wiederum auch dasjenige ehrt, was dem Juden heilig ist. Hinter unserer politischen Gegnerschaft gegen die Juden steckt gewiß mehr ehrliches Wohlwollen, als hinter der falschen Judenschmeichelei, welche sich jetzt so widerwärtig breit macht und die doch innerlich vom Judenhaß erfüllt ist. Aber woran soll es in dieser Zeit des Parteikampfes der Jude merken? Ist denn nicht ein willkommener Anlaß hier geboten, durch rege Theilnahme an den Unterstützungen jener Mißhandelten, auch wieder ein Zeichen der Friedensliebe zu geben? Man sollte nicht fragen, wodurch etwa jene Vertriebenen ihr Schicksal verdient haben., Cs ist zwar bedauerlich, daß wir fast alle ähnlichen die Juden betreffenden Thatsachen in der Nähe wie in der Ferne, nur aus jüdischen Federn kennen lernen. Allein daß dort in Rußland Uebel genug geschehen, Elend genug vorhanden, ist, das wissen wir und daran kann uns genug sein. Vergessen wir doch nicht unseres Christenberufs! Auch die -Dankbarkeit dürfen wir nicht ganz vergessen. Mir sind manche Fälle liberaler Freigebigkeit von israelitischen Mitbürgern bekannt, welche dabei nicht einmal ihre eigenen Glaubensgenossen bevorzugten. Darum würde es mir leid thun, wenn dieser Hilferuf von Israeliten auf unserer Seite unbeherzigt bliebe." Es ist dies zu charakteristisch, als daß wir es hier nicht wortgetreu wiedergeben sollten. Jedenfalls ist es der bessere Theil der Conservativen, der sich hierin ausspricht und der den Partei- und den Confessionshaß nicht zu seinem Ideal erhoben hat. Und so auch auf der kirchlichen Seite. Wir zitiren mit Vergnügen die „Schlesische Kirchenzeitung" vom 27. Mai. Sie bringt den von einer Anzahl hervorragendster Männer der Stadt Breslau erlassenen „Aufruf zur Unterstützung der aus Rußland flüchtenden Juden", und knüpft daran folgende Bemerkung: „Wir legen diese Angelegenheit unseren Lesern dringend ans Herz, und begleiten zur Begründung obigen Aufruf mit einigen Bemerkungen. Parteistellung kommt hierbei gar nicht in Betracht, weder politische, noch kirchliche. Bei so offenbarem Frevel und seinen furchtbaren Wirkungen darf nur' die Menschlichkeit zum Worte kommen, wie denn auch erfreulicherweise Männer sonst schroff gegenüberstehender Richtungen sich betheiligen. Wir denken aber, daß da, wo von Christen so viel Schmach auf den Christennämen geladen ist, wie das bei den grauenhaften Szenen in Rußland seit Monaten der Fall war, es gerade auch den Christen aller Confessionen ziemt, das zugefügte Unrecht, so viel es geschehen kann, wieder gut zu machen und sich durch Ermessung von Wohlthat mit Ernst von jedem Gutheißen der Nehelthaten. loszusagen. Wir Deutschen haben zudem noch besonderen Anlaß zu . diesem Proteste, da wir das Beispiel der. russischen Unthaten auf unserem eigenen Boden haben erleben müssen und wohl mit einigem Grund anzunehmen ist, daß die Vorgänge nahe an der russischen.Grenze eine ansteckende Wirkung auch über die Grenze hinüber dürfen geübt, haben, wie uni' gekehrt nicht unwahrscheinlich ist, daß eine ernste Bethätigung der Mildtbätigkeit And des Mitgefühls gegen die Opfer eines unchristlichen Hasses auch wieder Mitwirken werde, wilde Leidenschaften zu dämpfen. Endlich bitten wir ,, nicht zu übersehen, daß der Rassenhaß, welcher sich jetzt gegen die Juden gewendet hat, falls er weiter geführt werden sollte, nicht bei den Juden stehen bleiben wird, daß vielmehr nach deutlichen Zeichen in den Ostsee-Provinzen und der. Haltung russischer Blätter gegen Deutschland und insbesondere gegen die Deutschen in Rußland eben diese unsere Brüder die nächsten Opfer barbarischer Gewaltthaten sein werden." — Die Lage der Flüchtlinge in Srody. II. Die Wiener „Presse,, vom 30. Mai bringt abermals einen Bericht über die Massenansammlung der Flüchtlinge in Brody, der sehr düster klingt. Es haben sich jetzt 15000 daselbst angesammelt. Es liegt auf der Hand, daß deren Ernährung ebenso viele Schwierigkeiten macht, als die Auswahl und Absendung. Am 29. wurden 600 Emigranten in zwei Zügen weiter befördert. Der neue Zuzug ist jedoch mindestens ebenso groß. Dabei scheint es an Einigkeit zwischen den Delegirten der verschiedenen Comitös zu fehlen. Der Bericht schließt: „Die Besorgnisse wegen der Sanitätsverhältnisse steigern sich m bedenklicher Weise. In einem Massenquartiere sind drei Kinder an Masern, eines an Blattern erkrankt.. Die Zahl der Erkrankten beträgt im Ganzen schon vierzehn." (Diese Zahl der Erkrankungsfälle scheint uns bei der Masse und dem Elend der Flüchtlinge

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