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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-13 · Heft 24 (13.6.1882) · p. Seite 389

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 24 (13.6.1882)
Date
1882-06-13
Page
Seite 389 (sequence 5)
Language
German
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werden , zu welchem sich bereits angesehene Persönlichkeiten als Teilnehmer gemeldet haben. Diese gehören den verschiedensten Parteien an. Man erzählt, daß die katholische Parier bei dem Erzbischof von Mecheln angefragt und eine zustimmende Antwort erhalten habe.. Auch in den übrigen größeren Städten Belgiens will man Comites konstituiren, um überall das Mitgefühl zu erwecken und Mittel zur Unterstützung der Verfolgten, namentlich zu ihrer Ueberführung nach freieren Ländern zu sammeln. Möge dieser edle Eifer den günstigsten Erfolg erwirken. Das Brüsseler Haupt-Comitö würde rascher zu Werke gegangen sein, wenn nicht gerade die Vorbereitungen zu den Wahlen das Land zu sehr beschäftigten. —" Wenn in dieser Weise die Bestrebungen, die Stimme Europas Rußland gegenüber lautbar zu machen und den Unglücklichen. Hilfe zu schaffen, überall in. den Vortergrund getreten sind, so bleibt man doch mit der Beantwortung der Frage nicht zurück: aus welchen Ursachen das Unheil in Rußland entstanden sei? Sahen wir oben das Journal des Dsbats den eigentlichen Grund in den Agitationen der Nihilisten finden, so kommt die „Köln. Zeit " (Abendbl. vom 19. Mai) unter der Aegide ihres Petersburger Correspondenten zu einer ganz anderen Ansicht. Sie sieht in den Hetzen gegen die Juden, denen sich die gegen die Deutschen anreihen, nichts -als --- ein Naturgesetz, welches die Völker zu Zeiten zwingt, alle ihnen fremd erscheinenden Elemente auszumerzen! Man weiß, daß ein gewisses, jetzt vielfach zur Geltung gekommenes Theorem in allen geschichtlichen Erscheinungen nicht allein psychologische,, sondern „Naturgesetze" aufspürt. Wo aber bleibt das Gesetz der Kulturentwicklung?. Wo insbesondere alle staatliche Kultur, wenn zuletzt alles wieder in rohe Naturgewalten, in Brutalität und Bestialität zurückfallen soll? Sind Mord, Plünderung, Schändung, brutale, sogar mit bloßer Frivolität verbundene Mißhandlung ein Naturgesetz, welchem die Völker immer wieder anheimfallen, so ist es aus mit aller Sittlichkeit, mit aller gesellschaftlichen Organisation, mit der ganzen staatlichen Existenz. Wozu dann all die unermeßliche Geistesarbeit? Wozu die Civilisation? Wozu Unterrichts- und Erziehungswesen? Wozu der ungeheure Apparat der Rechtspflege, der Polizei, der. Gesetzgebung, wenn doch nur das Naturgesetz alle menschlichen Institutionen, ins Chaos und die Völker in die Barbarei zurückführt? In der That erscheint uns ein solches Theorem selbst nur als ein Element der Anarchie, als ein Zeichen der gesellschaftlichen Zersetzung, als ein Förderungsmittel aller rohen Instinkte. . Wir haben eine andere Meinung. Wir wissen sehr wohl, .daß in der Natur des Menschen wilde Triebe vorhanden sind,, daß es aber seine Bestimmung ist, dieselben zu bewältigen und ihren Gegensatz, die höhere und edlere Natur des Menschen zur Herrschaft zu bringen, daß es insbesondere die Bestimmung der gesellschaftlichen Vereinigung des Staates ist, durch energische Repression - jene wilden Instinkte im Zaum zu halten und durch unablässige Anstrengung für humane Bildung und Gesittung sie immer mehr zu beseitigen. Welcher Staat dies nicht thut und durchsetzt, weicht nicht einem Naturgesetz, sondern fällt dem Untergange anheim, um aufseinen Trümmern eine bessere Gestaltung des Volkslebens erstehen zu lassen. Dies ist das Gesetz, welches die menschliche Gesellschaft beherrscht, und das der ganze Verlauf der Geschichte Lethätigt hat. Wenn ein Staat durch Despotismus, durch Knechtung des Volkes, durch Korruption seiner Beamten, durch Vernachlässigung wahrer Volksbildung, durch eine erstarrte Kirche, sowie durch schrankenlose Erweiterung seiner äußeren Herrschaft aus allen Fugen kommt, und alle die Zwecke und Ziele verfehlt, für welche er eigentlich existirt, und wenn unter diesen Umständen eine völlige Zersetzung, eine grenzenlose Verwirrung, eine Zügellosigkeit auf allen Seiten eintritt, und dann Greuelthaten zuni Vorschein kommen, wie sie in Rußland nach allen Richtungen hin zur Erscheinung gekommen: so kann man von keinem völkerpsychologischen Naturgesetz sprechen, sondern nur von einer einfachen Logik der Thatsachen. Die Annahme eines solchen „Naturgesetzes" macht uns blind, während wir gerade des schärfsten Augenlichtes bedürfen, um über die wirklichen Ursachen aufgeklärt, belehrt und durch diese Einsicht gewarnt zu werden. — — Es giebt aber auch noch eine andere Seite in dieser Frage. Es besteht kein Staat, der nicht auf dem Wege der Geschichte aus. verschiedenen Elementen erwachsen ist; noch mehr, keine Nation, die . nicht aus verschiedenen Wurzeln ersprossen ist. Nachweislich besteht z. B. die eigentlich russische Bevölkerung aus einem größern Theile tartarischen als slavischen Ursprungs. Schon, also die moderne Nationalität, aber ganz besonders der gegenwärtige Staat hat den Zweck, alle in ihm Aufgenommenen als integrirende Glieder anzusehen, mit gleichem Recht und gleichem Schutz zu behandeln und in seinem Schooße eine Unterscheidung nicht zu gestatten. Spräche man von einem Naturgesetz, so wäre dies: die Verschmelzung'verschiedenartiger Elemente zu einer Nation, zu einem Staate, nicht aber die Vernichtung des einen Theils durch den andern. Die letztere führten die Spanier aus,, und tragen die. unheilvollen Folgen noch heute. Anders in Frankreich, England, Deutschland, Italien — und diese Völker. stehen an der Spitze der Civilisation; anders Nordamerika, und seine Zukunft verheißt' eine der glänzendsten Seiten der Menschengeschichte zu werden. Das „Naturgesetz" her „Köln. Ztg." führt uns in die Anfänge des Völkerlebens zurück, und ließe .'jede Nation sich selbst zerfleischen, .jeden . Staat sich selbst zerstören.— unser Gesetz aber leitet-auf die Höhen de§;'gesellschaftlichen Lebens, wo jede Nation, , jeder Staat sich einigin sich fühlt, aber alle Nationen und Staaten sich einig in

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