Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1882)
- Date
- 1882-06-13
- Page
- Seite 388 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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und nur hierdurch „könne mansich eine Idee von dem bedeutenden Antheile machender dem Unternehmungsgeist und der ökonomischen Thätigkeit der Juden in der Verbesserung der ökonomischen und finanziellen Lage Nußlands zuzuschreiben ist." Eine hinzugefügte Tabelle erweist, daß ,-die Industrie sich viermal so stark in den Regionen entwickelt hat, wo sie von dem Unternehmungsgeiste und den Kapitalien der Juden befruchtet worden, als in den anderen Provinzen. " Hiermit sind also auch' die russischen Juden zusriedengestellt. Jndeß brauchen wir nicht viel Worte zu machen, um die Jrrthümer nachzuweisen, , denen sich der Berf. des Artikels des „I. des Deb." ergeben hat. Wer die jahrelangen Hetzen der panslavistischen Presse, Herrn Katkow einschließlich, gegen die Juden kennt, wer nur etwas von ihrem Ziele weiß, alle von ihr als fremde Elemente angesehenen Bevölkerungsschichten niederzuwerfen, wird auch nicht zweifelhaft sein, wem die Agitation gegen die Juden zuzuschreiben ist, welche von einem panslavistischen Minister des Innern in jeder Weise gefördert und groß gezogen worden. Um die Quelle der Barbareien aufzufinden, bedarf es nur eines Blickes auf die Raubsucht und die bestialischen Triebe eines rohen und verwilderten Volkes. Einen besonders verschuldeten Volkshaß anzunehmen, ist gewiß überflüssig, wo sich dieselbe Brutalität gegen die Deutschen und jetzt auch gegen die Gutsbesitzer fühlbar macht. So bedürfen wir nicht erst eines Einblicks in eine Anzahl kleiner, besonders d er Partei Boytoux ergebenen Blättchen, wie „1s Censeur“ (s. Nr. vom 20. Mai), um die Haltung der Franzosen den russischen Ereignissen gegenüber zu erkennen. So ist denn auch bis heute in Paris nichts von allem dem geschehen, was in den anderen Centren Europas und Nordamerikas zu Gunsten der verfolgten Juden mit so vieler Energie unternommen worden. (S. dagegen den vorherg. Leitart.) Anfänglich wollte selbst in jüdischen Kreisen nichts zu Stande kommen, bis, wie wir berichtet haben, eine kleine Anzahl Juden eine Art Comits bildete, das sich jedoch nur an Juden wandte. Erst am 19. Mai erschien ein Aufruf an alle „Mitbürger", welchen jedoch auch nur Juden unterzeichnet hatten, und zwar Finanzmänner, Männer der Wissenschaft und der Industrie.*) Ob dieser Aufruf außerhalb der jüdischen Kreise einen bedeutenden Erfolg haben werde, ist sehr fraglich. Man hört die *) Baron Alphonse de Rothschild, President. Charles Netter , secrßtaire. Louis Cahen d’Anvers. A. de Camondo. J. Derenbourg, de 1’Institut; Michel Erlanger. Adolphe Franck, de l’Institut. S.-H. Goldschmidt. Felix Hement, inspeeteur de l’enseignement priinaire. L. Isidor, grand-rabbin.. Zadoc Kahn, grand-rabbin. S.-E; Kann. Antoine Koenigswarter. Edouard Kohn. Maurice Levy, Ingenieur en, chef, professeur au College de France. Maurice Löewy, de l’Institut. Charles Lyon-Caen, professeur a la Faeulte de Paris. Coloned Mannheim, professeur ä TEcole Polytechnique. Jules Oppert, de l’Institut.' Eugene Pereire. Baron Gustave de Rothschild. Baron Edmond de Rothschild. Germain See,, professeur ä la Faeulte de M6decine. W. Seligman. . - Aeußerung, daß >drei Rothschildsein Pereire,' Camondo, Eduard Cohn, Seligman, Cahen d'Anvers, wenn / ihnen die Sache am Herzen liegst leicht selbst 10 Millionen Francs zusammenbringen könnten, ohne weitere Mithilfe. Sie brauchten nur die Freigebigkeit; des Baron Hirsch zu besitzen, der außer der Million Francs, die er. im vorigen. Jahre für bie russischen Flüchtlinge spendete, immer weiter, .große. Summen nach den Plätzen schickt, wo Unfälle durch Brand und Emeuten stattgefunden, so daß er bereits zusammenüber .2 Millionen Francs hergegeben hat. Warum nun kein allgemeines Comite, wie an zahllosen anderen Plätzen, in Paris zu Stande gekommen? Vielmehr die Versuche dazu, wie z. B. von der Redaktion der „Ville de Pgris", gescheitert sind? IM Speziellen schreibt man dies der Einwirkung gewisser Finanzmänner zu, die sich mit Hußland nicht brouilliren wollen. Im Allgemeinen ist es ebenfalls sicher, daß die Franzosen in Rußland ihren einzigen Bundesgenossen für einen zukünftigen großen Krieg erblicken, und diesen um jeden Preis sich wohlgesinnt erhalten wollen. Man berichtet uns,. daß in der Deputirtenkammer eine Interpellation geplant wurde,' welche dieselbe veranlassen sollte, wie das englische Unterhaus gethan, einen nachdrücklichen Protest gegen die russischen Barbareien zu erheben, daß aber von einflußreicher Seite davon abgemahnt wurde, weil dadurch die französischen Interessen geschädigt und Frankreich ganz, isolirt werden könnte. Dieser politische Grund genügt denn auch> den . oben besprochenen gewundenen Leitartikel des Journal des Debats zum rechten Berständniß zu bringen. Wie man voraussetzen kann, bringt der gedachte Aufruf die Phrase vor: „Frankreich ist das Land der großmüthigeN Gefühle , wo kein Ruf des Mißgeschickes ohne Widerhall bleibt." Ohne diesen Satz bestreiten zu wollen, bewährt er sich doch in unserem, die civilisirte Welt so tief erregenden Falle nicht, und das ist sehr beklagenswert!).. — Beiläufig erwähnen wollen wir noch einer uns zngekommenen Broschüre mit der Ueberschrift le judaisme moderne von Scherdolin. Sie giebt. eine Uebersicht der Geschichte der Emanzipation seit der Zeit Mendelssohns und bespricht die antisemitische Agitation in Preußen. So wohlwollend sie abgefaßt ist, so verbleibt sie doch auf der Oberfläche und läßt die kulturgeschichtlichen Momente, so wie überhaupt die innere Geschichte des Judenthums außer Beachtung. Glücklicher Weise läßt sich diesmal das benachbarte Belgien von der Tendenz, dem Beispiele Frankreichs. zu folgen, nicht beherrschen. Wie wir bereits berichtet haben, hat sich in Brüssel" unter dem Vorsitze des Bürgermeisters Buls und der Herren A. Beernaert und P. Janson als Vicepräsidenten und der Herren L. Hymans und de Haulleville als Schriftführer ein Comits gebildet, das einen Aufruf erlassen hat, welcher zugleich die weiteren Absichten desselben bekundet. Am 6. Juni soll ein öffentliches Meeting gehalten