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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-13 · Heft 24 (13.6.1882) · p. Seite 387

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 24 (13.6.1882)
Date
1882-06-13
Page
Seite 387 (sequence 3)
Language
German
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387 erste Sitzung nächsten Donnerstag. Das Bureau besteht aus denHerrenGambetta,Lafayette, Renanu. s. w. Außerdem ist noch ein Local-Hülfscomito thätig, welches die hier änkommenden Flüchtlinge versorgt und ihnen Arbeit verschafft; aüf diese Weise sind schon 3—400 russische Familien untergebracht worden. Wäre Crsmieux noch am Leben, so hätte er gewiß die französische Regierung dazu vermocht, direct oder indirect zu Gunsten der russischen Juden zu interveniren; wir empfinden augenblicklich seinen Verlust doppelt schmerzlich. K. Verschiedene Stimmen. Für die richtige Auffassung und das Verständniß der schweren Ereignisse , die seit drei Jahren über uns hereingebrochen, ist es von großer Bedeutung, fortlaufend die Ansichten und die Gesinnung zu konstatiren, die sich in den verschiedenen Läuderü der civilisirten Welt über alle diese Vorgänge kundgeben. Denn es liegt hierin nicht allein das zeitgenössische Urtheil über die Unthaten in den betr. Ländern, sondern auch das Berhältniß ausgesprochen, in welchem die Juden in den unbetheiligten Ländern stehen, ja man findet darin das Material zu kulturgeschichtlichen Studien, da sich zugleich der Grad der humanen und liberalen Kultur manifestirt, welchen die einzelnen Nationen erreicht haben. Hier ist es nun insonders Frankreich, welches unsre Aufmerksamkeit auf sich zieht, und zwar, weil es in dieser großen humanitären Angelegenheit bis jetzt fast so gut wie ein völliges Stillschweigen bewahrt, selbst nachdem England, Nordamerika, Holland, Deutschland und Oesterreich sich ausgesprochen haben — ganz besonders Oesterreich, das den von Rußland ausgestoßenen und dessen Barbareien entflohenen Flüchtlingen seine Thore in humanster Weise geöffnet hat. Ja, selbst Spanien können wir anschließen, da Ministerium und Cortes die freie Einwanderung von Juden wiederholt als ihren Intentionen entsprechend versichert haben. Wenn wir Italien vermissen, so fällt dies dem Sachkundigen wenig.auf, da man von diesem Lande gewohnt ist, daß es sich lediglich mit seinen eigenen Interessen beschäftigt und sich um nichts kümmert, was anderswo vorgeht, wenn es eben keinen Bezug auf Italien hat. Welche andere Stelle aber nahm und nimmt Frankreich in der Geschichte Europas, ja des ganzen Menschengeschlechtes ein, und wie hat es gerade die Präponderanz in allen die Humanität und das öffentliche Recht und Leben betreffenden Dingen beansprucht und nicht selten auch bethatigt. Dahingegen hat es sich betreffs der seit zwei Jahren in Rußland geschehenen Greuel' völlig reservirt gehalten. Wenn sich einige Journale dann und wann darüber aussprächen, so geschah dies stets in einer zweideutigen Weise, ja, wir hatten über Artikel zu berichten, welche unter dem Scheine der Unparteilichkeit sehr parteiisch verfuhren. Nachdem sich nunmehr der größte Theil der civilisirten Welt entschieden gegen die russischen Barbareien erklärt hat/bringt däS Journal des Däbats vom 21. Mai einen längeren Leitartikel, der die Sache wie mit Sammetpfötchen anfaßt. Man sieht aus jeder Zeile das Bestreben herausleuchten, Rußland, feiner Regierung, seiner Gesellschaft und seinem Volke ja keine Veranlassung, zu geben, böse zu werden über die Franzosen. Der Artikel erklärt es für ganz gewiß, daß alle Schuld an den Pöbelexcefsen den Nihilisten zur Last fälle. Sie sind es, welche Agitatoren zur Judenhetze umhersandten; sie sind es, welche die ersten Plünderer und Mörder bezahlten; sie wollten das Volk damit an die soziale Revolution gewöhnen. Noch mehr: das russische Volk, ist ja so überaus gutmüthig und tolerant: warum hat es dennoch den nihilistischen Aufhetzern Gehör gegeben? Da sind es wieder die Juden selbst, die Schuld daran sind, weil sie durch ihren Handel und Wucher das Volk gegen sich gehässig gemacht. Warum sind aber diese Emeuten nicht unterdrückt? und die scheußlichen Verbrecher nicht bestraft tvorden? Die Regierung selbst hat beileibe keine Schuld daran, nur daß die gouvernementale Maschine nicht mehr genügend funktionirt. Selbst die Panslavisten dürfen nicht angeschuldigt werden, dennKatkoff ist jüngst zu Gunsten der Juden eingetreten. So, nun ist Alles sattsam und sanftmüthig erklärt. Aber die höchste Region der russischen Staatsregierung ist ja selbst aufs Grausamste gegen die Juden vorgegangen, hat sie" in härtester Weise ausgetrieben, einzelne Klassen, wie die jüdischen Apotheker und Eisenbahnbeamten an'die . Luft gesetzt und neue Ausnahmegesetze ergehen lassen? Darauf weiß der Art. des I. des D. nur zu antworten: daß dieses Verfahren „nicht leicht zu erklären sei", er fragt nur, ob die Regierung diese Mißhandlung der Juden als einen Ableiter der erregten Volksleidenschaften ansehe? oder ob die Nihilisten selbst in die höchste Staatsregion sich Eingang zu verschaffen gewußt hätten? Alles dies wird in dem gedächten Artikel in der mildesten Weise vorgetragen, kein Wort der Entrüstung, keine Phrase tieferen Mitgefühls — und wem stehen die wohlklingenden Phrasen mehr zu Gebote, als den französischen Publizisten?! Jndeß wir wollen gerecht sein. In dieser ganzen Auseinandersetzung würden schließlich die russischen Juden es sein , die schlecht wegkämen. Auch das will der Artikel nicht über sich nehmen. Er gesteht deshalb zu, daß Kleine Klaffe der Bevölkerung seit einem Vierteljahrhundert .so viel beigetragen habe zur Schöpfung von Communicationswegen, von industriellen und Creditanstalten, keine der Entwicklung aller Hilfsquellen Rußlands einen so außerordentlichen Impuls gegeben hat als die JudeM" Dabei machen die westlichen Provinzenin welchen die Juden wohnen dürfen, einen großen Unterschied mit den übrigen Theilen des Reiches, 24*.

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