Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1882)
- Date
- 1882-06-06
- Page
- Seite 379 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227417--39942-3257552- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Rußland. Petersburg, 22. Mai. Dem „Regierungsanzeiger" zufolge beträgt die Anzahl der bei dem Brande in Krowno am 18. und 19. d. zerstörten, ausschließlich Juden gehörigen Gebäude 105. Die Häuser sind versichert; der Schaden beträgt gegen 600,000 Rubel. — Möchte diesmal der „Regierungsanzeiger" die ganze Wahrheit berichtet haben! Von anderer Seite wird berichtet: Der Schaden wird sich, auf einige Millionen Rubel belaufen. Mehrere Tausend Menschen, meistens ärmere Judenfamilien, sind obdachlos. Die dürftige Habe, die mit großen Gefahren dem wüthenden Element entrissen wurde, fällt vielfach in die Hände zahlreicher Diebesschaaren, die ungehindert ihrem Raubhandwerk obliegen. Man sieht nicht allein die Strolche und echten Verbrechertypen volle Kisten und Säcke rc. fortschleppen, sogar die zur Wache aufgestellten Soldaten betheiligten sich fleißig am Stehlen, wogegen sie die armen rettenden Leute oder das in Angst und Sorgen zuschauende Publikum vielfach in der rohesten empörendsten Weise mit Kolbettstößen und Fußtritten tractiren. Wie viele Menschen umgekommen sind, ist augenblicklich noch nicht festzustellen. Ob das Feuer durch Unvorsichtigkeit entstand oder ruchlos angelegt wurde, ist noch nicht ermittelt. Wegen Verdachts der Brandstiftung sollen jedoch einige Verhaftungen erfolgt sein. — Eilf Tage vorher war die Stadt Smorgon an der Liban - Romny - Bahn, zwischen Wilna und Minsk, von einer Feuersbrunst heimgesucht. Der Brand ist aller Wahrscheinlichkeit nach durch den Pöbel, in Folge Aufwiegelung desselben durch Agitatoren, angelegt worden. Juden aus jener Gegend hatten schon vor längerer Zeit die Mittheilung gemacht, daß viele Leute, deren Haus brannte, die in der Eile geretteten Sachen mit ihren Kindern auf den jüdischen Kirchhof in Sicherheit brachten, dann in die Stadt Zurückkehrten,-um noch Weiteres zu retten. Die Säuglinge betteten sie auf den Bündeln. Inzwischen erschienen Kazappen auf dem Kirchhofe, begossen die gerettete Habe mit Petroleum und steckten auch diese in Brand, wobei mehrere Kinder mit verbrannten. Moskau, 22. Mai. Die „Moskauer Zeitung" weist auf die verderblichen Folgen der Ausweisung der jüdischen Bevölkerung aus Moskau in ökonomischer Hinsicht hin und theilt mit,. 70 hervorragende Moskauer Handelshäuser hätten dem Finanzminister ein hierauf bezügliches Schriftstück vorgelegt. Allein eine Gegenmanifestation blieb nicht aus. Wie gemeldetwird, fand am Montag in Moskau eine Versammlung der Repräsentanten der dortigen Börsen-Kaufmannschaft statt, welche der Vorsitzende des Börsen-Comites Neidenhoff zusammengerufen hatte; in derselben wurde eine Resolution gegen die Juden angenommen, und zwar in Form einer Gegen-Petition gegen die einige Tage vorher beschlossene! Petition Moskauer Kaufleute, welche um Schutz und größere Rechte für die Juden baten. Bonn 28. Mai. (Notizen.) Herr Eugene Schnerb, Präfekt des Departements Maine et Loire ist zum Direktor der allgemeinen Sicherheit im französischen Ministerium des Innern ernannt worden. — In der Commission, die ernannt worden, um unter dem Vorsitz des französischen Ministers des Auswärtigen das Projekt eines Binnenmeeres in Afrika zu prüfen, sitzen drei Israeliten: der General Levy für das Kriegsministerium und Bischoffsheim und Raynal für die Deputirtenkammer. — Der Kapitaine Jacques Röschem, Chef des Genies in Cambray, ist zum Bataillonschef in derselben Waffe ernannt worden. Die ^Herren D. und A. Schwarzmann, rumänische Kaufleute, haben mit einem Aufwande von bereits 100,000 Frcs. in Braila eine Schule für die armen Kinder aller Confessionen gegründet. — An den beiden fünften Pessachabenden wurde in New-Aork ein großes Seder für 350 russische Emigranten gehalten; u. A. wurden 60 Galonen Wein verbraucht. — Aus Kaposvar (Ungarn) wird geschrieben: Der hiesige Houorär-Stadtphysiküs Di-. Jos. Bergl, der durch seine „Geschichte der Juden in Ungarn" und andere Schriften auch in weiteren Kreisen bekannt ist, feierte vor einigen Tagen das Doppeltest der goldenen Hochzeit und des fünfzigjährigen Jubiläums seiner Thätigkeit als ausübender Arzt. — Man schreibt uns aus Alzey: Unser Rabbiner, HerrDr. Rothschild, feiert am17.Juni seine silberne Hochzeit. — In B l ei ch er o d e (Thür.) wird demnächst eine neue Synagoge eingeweiht. Der Vorstand richtete ein Einladungsschreiben an den Oberpräsidenten, den Laudrath, den Bürgermeister, die Stadtverordneten, die katholischen und die protestantischen Geistlichen, und erhielt von allen diesen Instanzen die Antwort, daß — sie sich nicht betheiligen werden. Nun, das wird dem neuen Gotteshause nichts von seiner Weihe nehmen. Noch mehr. Jüngst wollte ein junger Dichter, Herr Lichten stein aus Sondershausen, einen Vortrag in diesem Bleicherode halten und zwar über Berthold Auerbach und zu Gunsten der russischen Flüchtlinge, und der Bürgermeister versagte die Erlaubniß! (Steht das in der gesetzlichen Macht des Bürgermeisters?) — In Aachen sind für die russischen Flüchtlinge 12,000 M., in Potsdam 2000 M., in Köln 25,000 M. gesammelt worden. Pest, den 18. Mai. (Literarische Notizen.) Im 10. Jahrhunderte bildete sich unter den Arabern eine Gesellschaft, eine Art Geheimbund, welche die Bildung und Veredelung des Volkes anstrebte und sich den Namen „Verein der lauteren Brüder" oder den „ Brüdern der Reinheit" beilegte. Um ihren Zweck zu erreichen, verfaßten die „lauteren Brüder", unter welchen , wie^ längst nachgewiesen, sich auch Juden befanden, ein encyklopädisches Werk, das 51 Abhand' 23* ——a---—... - ■ -