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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-06 · Heft 23 (6.6.1882) · p. Seite 376

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 23 (6.6.1882)
Date
1882-06-06
Page
Seite 376 (sequence 8)
Language
German
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rung und die galizische Bevölkerung bei dieser Sachlage sehr interessirt sind. Mit Recht konnte der „P. Lloyd" sagen: „Die humanen Gesinnungen, die die-österreichische Regierung in dieser Frage bekundet/ schützen sie jedoch vor dem Verdachte, daß sie jemals, zu der grausamen Maßregel einer Grenzsperre gegen' die russischen Juden -ihre Zuflucht nehmen werde. Sie wird wohl in. anderer Art bedacht sein, der Uebel, die durch die Massen-Einwanderung der. Juden dem Lande Galizien drohen, Herr zu werden und sich dabei vor Augen halten, daß die Frage nicht von confessivnellen, sondern einfach von sanitären und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu behandeln ist."/ Aus Lemberg vom 22. - Mai wird berichtet: Der Gewerbeverein „Spojnia" entsendete gestern eine Deputation zum Statthalter, welche die Regierung um energisches Einschreiten gegen die Einwanderung der russischen Juden nach Galizien zu ersuchen hatte. Die Deputation, als deren Wortführer Landesausschuß vr. Wereszczynski auftrat, wurde vom Hofrath Löbl empfangen. Der Sprecher der'Deputation meinte, der Zufluß jüdischen Proletariats sei nicht blos als confessionelle oder, rein humanitäre Angelegenheiten zu behandeln, sondern als Frage von großer wirtschaftlicher, sozialer und politischer Bedeutung. Um die nachtheiligen Consequenzen, welche-der Bevölkerung und dem Staate durch den ungewöhnlichen Zufluß jüdischer Emigranten bevorstehen, abzuwenden, sollte die Regierung schon jetzt Präventiv-Maßregeln ergreifen und an die Verwaltungs-Organe spezielle Vorschriften erlassen, zumal in Galizien durch einen Zuwachs des jüdischen Elements nicht allein Handel, Gewerbe und Ackerbau geschädigt, sondern auch der soziale Friede gefährdet werden könnte. Der „Gazeta Rarodowa" zufolge soll Hofrath Löbel auf diese Vorstellungen erwidert hüben, daß die Regierung die Stadt Brody zum Concentrationspünkte der Auswanderer bestimmt habe, weil dort in Folge Verringerung der Ortsbevölkerung um sechstausend Personen für neuen Zuwachs Platz vorhanden gewesen sei. Nach den letzten offiziellen Ausweisen befinden sich aber in Brody schon zwölftausend Flüchtlinge, in Lemberg weilen gegenwärtig noch 1600 russische Juden (trotzdem nahezu 740 nach Brody zurücktransportirt wurden), ungefähr zweitausend Emigranten seien bereits nach Amerika expedirt worden. Die Regierung beabsichtige jetzt Alles anzuwenden , um die-Ankömmlinge zur Rückkehr nach Rußland zu bewegen, nachdem die bisherige Hilfsaction sich als unzureichend erwiesen hatte. Von einer derartigen Repatriirung könne man sich freilich keinen großen Erfolg versprechen. DieRegierung sei darauf bedacht, die galizische Hauptstadt für jeden Fall vor dem Zufluß jüdischer Flüchtlinge zu bewahren und die Gefahr einer von dieser Seite entstehenden Concurrenz auf dem Gebiete des Handels und des Gewerbes thunlichst abzuwenden. In dieser Hinsichtdürfen die Handwerkervereine eifrige Unterstützung, seiteüs der. Regierung erwarten. Uebrigens werden die ' jüdischen Cultusvorstände in Galizien aufgefördert werden, im Interesse der/einheimischen Juden hier die Niederlassung der aus Rußland' ankommenden Glaubensgenossen zu erschweren. ' Die Regierung hofft zuversichtlich auf" eine diesbezügliche Mitwirkung der Cultusvorstände. Der Hiesige Polizei-Direktor wurde nach Brody entsendet. Von demselben Datum telegraphirt man aus Brody:. Wie verlautet, beabsichtigt der Polizei-Direktor, den Antrag zu stellen, die Regierung möge alle Hilfsco mitäs einladen, die Aktion für die russischen Juden in Oesterreich zu zentralisiren, einem Zentral - Comite alle Gelder zur Verfügung stellen , und telegraphisch die verfügbare Summe bekannt zu geben; hiervon werde die Beurtheilung abhängen, ob die bisher gesammelte Summe für die anwesenden 12,000 Flüchtlinge ausreicht oder den Bedarf überschreitet. Wönn letzteres der Fall, würde dem weitern Zuzug unter Voraussetzung rascher Hilfsaktion kein Hinderniß in den Weg gelegt, sonst aber müßten die strengsten Maßregeln gegen/die Ankunft neuer Flüchtlinge getroffen werden. Daß, der Zuzug ein ununterbrochener sei, hat man heute in frühester Morgenstunde sehen können. Aus den Wäldern , nördlich kamen keuchend und ächzend abgehärmte Gestalten, Männer und Weiber/ wankenden Ganges, Kinder/ weinend vor Hunger und Mattigkeit hervor, die dann auf den nassen Feldern erschöpft niedersanken. Die Aermsten waren in den Nachtstunden auf ungebahnten Wegen gekommen, — die Frage, ob freiwillig oder gezwungen, läßt sich nicht direkt beantworten. Die russische Regierung schützt-sie nicht, gegen den/ Pöbel; dieser zwingt sie, Haus und Hof zu verlassen. Viele besitzen regelrechte Pässe, andere sind mit erkauften ausländischen Pässen über die Grenze gekommen, Viele wieder, indem sie Polizisten ünd Gendarmen bestachen.. Die verzweiflungsvolle Lage hier veranlaßte, daß Viele ihte Rückkehr nach Rußland anboten,. wenn sie unterstützt werden. Baron Günsburg hat zu solchem Zwecke an den Bankier Nirnstein, der eine wahrhaft außerordentliche Hingebung, an den Tag legt, einen Betrag gesendet und im Verlaufe von acht Monaten sind tatsächlich 750 Individuen repatriirt worden.

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