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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-06 · Heft 23 (6.6.1882) · p. Seite 375

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 23 (6.6.1882)
Date
1882-06-06
Page
Seite 375 (sequence 7)
Language
German
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ligion, befiehlt Christen zu betrügen und zum Trünke zu verleiten— setzten die „Experten" unseligen Andenkens hierzu .... Das „Kahal" ist das A. und O. des russischen Nebels — sagten die christlichen' Concurrenten. Die jüdische Presse wehrte sich gegen diese Beschuldigung mit'aller Verzweiflung; aber wie 'immer-— ohne Erfolg. Nun wollen die Delegirten diese Verleumdung aus der Welt durch ihre Betheuerung, ja durch ihren Schwur be- , seitigen. Ob es ihnen gelingen wird, ist sehr fraglich. Die Judophoben wollen einmal den Juden nicht hören Jahrhunderte betheuerten Juden und Christen , daß Juden kein christliches Blut zu religiösen Zwecken gebrauchen, . R. Manasse - ben - Israel, Moses Mendelssohn und Professor Chwolsohn beeidigten es und --noch vor einigen Jahren war die Geschichte von Kutais! Keine Worte, nur Fakta können — wenn Heilung noch möglich ist, unsre tiefen Wunden heilen.' Die Lage Ler Flüchtlinge i« Srody und Lemberg. Die Berichte, die aus Brody und Lemberg einlaufen, bieten ein schreckenerregendes Bild. Der unerwartet große Zufluß von Flüchtlingen , der mit jedem Tage stärkere Dimensionen'annimmt, vereitelt alle bisherigen Vorkehrungsmaßregeln. Hierzu kommt die Zersplitterung des Hülfscomitss, deren in Brody thätigen Vertreter zu abhängig sind von den verschiedenen Comitös und den ihnen von diesen zu Gebote gestellten Mitteln. Man kommt zu der Meinung, , daß man sich die Erfahrungen des Vorjahres nicht genug zu Nutze gemacht. Wenn man vor Kurzem durch eine Versammlung von Delegirten eine Organisation zu Stande gebracht hat, deren Mittelpunkt Berlin ist, so hätte dies bereits im verflossenen Winter geschehen sollen. So schmerzlich es ist, sind wir doch verpflichtet, folgende Schilderung hier wiederzugeben. Aus Brody, 21. Mai, meldet telegraphisch der Correspondeut der Wiener „Pr.": Die Lage der emigrirten russischen Juden ist schrecklicher als man nach den bisherigen Mittheilungen in Wien meint und übertrifft die peinlichsten Besorgnisse, die sich an diese Emigration knüpfen. Vor Allem muß ich es anssprechen, daß die bisher von den verschiedenen Comites hierher gesendeten Mittel und Unterstützungen unzureichend und die getroffenen Vorkehrungen durchaus unzulänglich sind. Die bedauernswürdigen Emigranten selbst sind in vollster Verzweiflung und vereinigen sich in dem einen Ruf nach Brod und Arbeit öder nach rascher Expedition nach Orten,, wo sie Arbeit finden können. Es mangelt an Geld, an Kleidern, vor Allem aber an Unterkünften. Die Anzahl der hier - eingewanderten und conseribirten Flüchtlinge beträgt bereits über zwölftaüsend. Viele aber konnten nicht conscribirt werden, überdies treffen , wie mir verläßlich versichert wird, täglich einige Hundert theils mit der Bahn, theils auf Schleichwegen hier ein. Die Noth der bereits Untergebrachten und die fortdauernde Massenansammlung nimmt geradezu einen besorgnißerregenden Charakter an. Wöchentlich können nicht mehr als sechshundert Flüchtlinge - von hier expedirt . werden. Die Ankommenden sind zumeist aller Mittel entblößt, nur mit Fetzen nothdürftig bekleidet, ihre Arbeitsgeräthe blieben in Rußland zurück, nur das Bettzeug wurde von Vielen mit nach Oesterreich gebracht. Händeringend, ja knieend schreien sie verzweifelnd um Brod und Arbeit. Sie wurden bisher in leeren Magazinen, in Ställen, Scheunen und Kellern untergebracht. Einige Hundert füllen die drei Synagogen , in denen die Unglücklichen ein förmliches Lager aufgeschlagen haben. In einzelnen Zimmern, die - zufällig leer standen, wurden dreißig, ja selbst vierzig Flüchtlinge untergebracht, so däß sie im buchstäblichen Sinne des Wortes Leib an Leib den Boden bedecken. Dem hiesigen Counts stehen nicht einmal so viele Mittel zur Verfügung, um für die Hungernden auch nur -die nöthigen Quantitäten Brod herbeizuschaffen. Zudem muß mit Bedauern gesagt werden, daß auch noch Mißhelligkeiten zwischen den verschiedenen Comitös die momentan so dringende Hilfsaction hemmen. Die rascheste Hilfe und Sendung von Geld thut am ersten noth. Die-Emigrirten selbst sagen, daß noch eine bedeutende Zahl von Flüchtlingen Nachkommen wird. Die zurückgebliebenen Glaubensgenossen verkaufen über Hals und Kopf ihre Habe um Schleuderpreise. Wer keinen Paß erhält, läuft einfach davon und sucht bei Nacht und Nebel zu entkommen. Unter den Emigrirten befinden sich gegen dreihundert Studenten und etwa fünfzig Soldaten. Alle entflohen, um den unerträglichen Verfolgungen des Pöbels zu entkommen. Das Comits konnte bis jetzt kaum 1500 Gulden pro Woche aufwenden, um die dringendsten Nothfälle zu berücksichtigen, braucht aber, unr nur Alle mit Brod zu betheilen, wöchentlich 7000 Gulden. Das Berliner Comits sendete 20,000 Mark nach Lemberg, das dortige Comite übermittelte aber hierher nur 500 Gulden. Die Rationen, die sonst einen Gulden per Kopf wöchentlich betrugen, sind nun jetzt auf nur 50 Kreuzer herabgesetzt. Der Bezirkshauptmann Graf Russocki telegraphirte an den Statthalter über die prekäre Lage. Die Rückantwort lautete, daß das Geld sofort gesendet und ein Detegirter des Comitös Dienstag eintreffen wird. Trotz strömenden Regens sind alle Straßen voll von Emigranten,, weil sie es vorziehen, im Regen zu campiren, als in ben entsetzlichen Massenquartieren und überfüllten Kammern zu verweilen. Morgen trifft der Lemberger Polizei-Direktor hier ein. Es versteht sich von selbst,. daß die österreichische Regie-

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