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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-06 · Heft 23 (6.6.1882) · p. Seite 372

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 23 (6.6.1882)
Date
1882-06-06
Page
Seite 372 (sequence 4)
Language
German
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wenm.trotzdem in irgend einem Fälle eine Ausschreitung vorkäme. Der Ministerpräsident antwortete: Ich bemerke vor Allem, geehrtes Haus, daß auch er die Behandlung, die ein benachbarter großer Staat seinen israelitischen Einwohnern zu Theil werden läßt - nicht härter verurtheilen kann als ich. , Auch ich betrachte dies als einen Schandfleck für Europa und für das 19. Jahrhundert. (Zustimmung.) > ) Was die Frage selbst betrifft, kann ich dem Herrn Ab- . geordneten wieder nur versichern, daß seitens der Regierung Alles geschehen.'wird. Es wäre zu wünschen, daß die Aufregung selbst verhindert werde. Doch kann ich mich auf den Herrn Abgeordneten als einen gerechten Mann darauf berufen, daß dies sehr schwer gemacht ist ,' wenn die Hetze aus dem Abgeordnetenhäuse ausgeht. (So iffs! rechts.) . Doch werde ich trotzdem Alles thun, was nur 'möglich ist, allein .ich fürchte sehr, daß, sollte ich mich darin täuschen, . worein ich, so wie er, Vertrauen setze, nämlich in den nüchternen Sinn und in die Einsicht des ungarischen Volkes — und ich hoffe, daß ich mich da nicht ^täuschen werde, — der Regierung in den meisten Fällen, unter den gegebenen Umständen blos die Verhinderung der begonnenen Ausschreitung und die Bestrafung der Schuldigen übrig bleiben wird. Doch weil ich dem nüchternen Sinn des Volkes vertraue, glaube ich, daß die Pass ende Verwarnung zur Vermeidung trauriger Vorkommnisse ausreichen werde. Allein' ich wiederhole, man soll die Hetze nicht von dort ausgehen lassen, von wo man gegen dieselbe im Geiste des-Gesetzes und der Verfassung austreten muß. (Zustimmung.) , Die Wende in N«ßIa«L. Als wir in Nr. 19 über die furchtbare Katastrophe in Balta und zugleich über die ins Stocken gerathenen Maßnahmen der russischen Regierung gegen die Juden zu berichten hatten, sprachen wir die Hoffnung aus, daß hiermit' die Verfolgungen der Juden in Rußland ihren Höhepunkt erreicht haben werden, und daß endlich die Dinge eine Wendung zum Besseren nehmen möchten. Es scheint dies nun auch in Erfüllung zu gehen. Auf Befehl des Kaisers hat der dirigirende Senat eine Verfügung erlassen, »vorin Jedermann kund gegeben Rnrd, daß die Regierung fest entschlossen sei, jede Gewaltthätigkeit gegen Person und Eigenthum der Juden zu bestrafen, »veil diese sich ebenso unter dem Schutze der allgemeinen Gesetze befinden wie alle anderen Unterthanen des Kaisers. Dieser Erlaß soll in Städten und Flecken öffentlich ausgehängt, in den Dörfern in der Gemeindeversammlnng vorgelesen werden. Den Gouvernementsbehörden _wird anbefohlen, antisemitischen Unruhen vorzubeugen und sie im Fall des Ausbruchs auf's Schleunigste zu unterdrücke»».' Jede. Nachlässigkeit der Gouvernements- und Polizei-Leiter zieht sofortige 'Dienstentlassung nach sich. Sie sind berechtigt, die Unterstützung der Kornmunalbehörden in Anspruch zu nehmen, und diese verpflichtetihren Befehlen Folge zü leisten. — Daß diese Verordnung nicht ohne Wirkung bleibt, ersehen wir bereits aus mehreren Thatsachen. Die beginnende antisemitische Bewegung im Generalgouvernement Moskau ist durch th.atkräftige Vorkehrungen des Fürsten Dolgorukow noch vor dem Ausbruch energisch erstickt. — 'So hat, wie Petersburger Blättern aus Kiew, gemeldet wird, der dortige Generalgouverneur Drentelen infolge böswilliger Aussprengung von Gerüchten über, bevorstehende neue Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung an die Bewohner Balt as die Erklärung gerichtet, daß alle Urheber solcher Ausschreitungen und alle Aufwiegler durch das Kriegsgericht beswaft werden würden, und daß, falls die Polizeimaßregeln zur Unterdrückung von Unruhen nicht ausreichend sein sollten, von der Waffe Gebrauch gemacht werden würde.. Der Polizeiminister von Balta fordert die jüdische Bevölkerung auf, ruhig zu sein und verbürgt die. sofortige Niederschlagung jeder Ausschreitung. Kann man nun auch nicht erwarten, daß nicht hier und da noch Krawalle gegen die Juden Vorkommen werden, wie dies vom 22. Mai aus Perjäslen und Boryslaw berichtet wird, so kann man doch wohl annehmen, daß die verheerende Sturmfluth im Begriffe ist sich zu verlaufen. . Als ein sehr bedeutendes Zeichen einer günstigeren Wendung sehen wir auch die Parteinahme des mächtigen russischen Publicisten Katkow in seiner weitverbreiteten Moskauer Zeitung an. Trotz des Verbotes der Oberpreßverwaltung, über die Angelegenheiten der Juden zu schreiben, - fährt Katkow fort, sich über diese brennende Frage zu äußern und mit dem größten Nachdruck sich der Verfolgten' anzunehmen. Die Moskauer Zeitung sagt, sie Hube sich'vergebens Mühe gegeben, die. Gründe dieser dem russischen Charakter so fern» liegenden Greuelt.haten zu erforschen, sie sei zu keinem Ergebniß gelangt. Der Sinn des Katkow'schen Artikels ist ungefähr der, die Verfolgungen und Niedermetzelugen der Juden -seien so unnatürlche Erscheinungen, daß. dieselben unmöglich auf gewöhnlichem Wege sich entwickelt habenkönnten, also künstlich erzeugt sein müßte»». Wir halten diese Aeußerungen des Vaters des Panslavismus für außerordentlich bedeutend: Sie widerlegen alle jene gehässigen Anschuldigungen' in der russischen'und in der aus»värtigen Presse,- als ob die. Juden selbst, ihre gewerbliche. Richtung, ihre Untugenden,' jene Aufstände mit allen ihren Greuelthaten hervorgerufen und verursacht hätten, alle jene, auch von liberaler Seite weise vorgetragenen Behauptungen, daß diese empörenden Frevel ein natürliches Ergebniß der Ber-

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