Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1882)
- Date
- 1882-06-06
- Page
- Seite 371 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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antastbar in der Gesellschaft ausgeführt werden sollen, so daß dem Staate nur die Obliegenheit und Pflicht zusteht, dieselben nach den gegebenen und sich verändernden Verhältnissen zu regeln" und zu modificiren. Jene Prinzipien bilden das Ideelle, der Staat das Reelle, und letzteres ist nur gut, so weit es jenes realisirt. Diese Principien haben als . einzige Quelle — Gott, und der höchste Ausspruch hierfür ist (5. Mos. 1,17) Nin , 'D „denn das Recht ist Gottes". Uebertragen wir dies in die Denk- und Sprechweise der heutigen Menschen, so heißt es: in der Natur des Menschen sind integrirend höhere sittliche Momente enthalten, die Iheils im Leben des Individuums, theils und noch, mehr in der Gemeinschaft, d. i. im Staate verwirklicht werden müssen. Sowie daher der Mensch vor dem Staate, so sind auch diese Principien vor dem Staate vorhanden; dieser letztere schafft sie nicht, sondern überkömmt sie, um sie in allen seinen Institutionen zu verwirklichen. Dies ist seine Bestimmung, und er hat' nicht das Recht, sie aufzuheben, sondern sie zu regeln. Der Staat ist also nicht die Quelle des Rechts, sondern erist selbst erst aus den höchsten sittlichen Rechtsprincipien erflossen, die vielmehr seine Quellen bilden. Verfolgen wir von hier aus die Geschichte der menschlichen Gesellschaft, die Geschichte des Staates, .so. wird die unparteiische Forschung erweisen, daß in der That der Staat, so lange er existirt, auf dem Wege der Fortentwickelung zu diesem Ziele gewesen ist.*) Betrachten wir nunmehr den soeialdemokratischen Ausspruch an sich. Eine Slamage im ungarischen ÄbgeorLnetenhause. Je höher die Achtung ist, die wir vor der ungarischen Nation und besonders vor ihrer Volksvertretung hegen, welche eine so ruhmreiche parlamentarische Vergangenheit besitzt: um so weniger können wir einen Vorgang in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 25. Mai anders als eine Blamage bezeichnen. Denn wenn in. einem solchen Hause die, dem finstersten Mittelalter angehörende teuflische Fabel von dem Gebräuche von. .Christenblut Seitens der Juden zu religiösen Zwecken ernsthaft vorgetragen und nicht sofort von allen Seiten durch lauten Widerspruch beseitigt wird, so ist dies eine Blamage nicht blos der zwei Abgeordneten, die als Judenhasser längst berüchtigt sind, sondern auch des ganzen Hauses. Als solche wird dieser Auftritt, von der ganzen civilisirten Welt angesehen, werden, als solche-um so mehr, als seitdem das Mädchen, welches getödtet Hin sollte, wiedergefunden worden, also gar kein Verbrechen stattgefunden hat und der beschuldigte Jude völlig schuldlos ist. Die ungarischen Blätter selbst berichten jetzt, daß „ das Mädchen von Tissa - Eßlar" 2)'Siehe unsre Borles., „über die Resultate in der Weltgeschichte" S. 58 ff. ihr zu Einkäufen anvertrautes Geld verlören hatte und aus Angst vor-den Folgen dieses Unfalles durchgegangen sei. In einem einige Meilen von .Eßlar entfernten Orte hat sie einen Dienst gefunden, den sie auch jetzt noch versieht. Der Justizminister hat bereits auf telegraphischem Wege Meldung hiervon erhalten. (Diese Meldung ist seitdem als unzweifelhaft bezeichnet worden.) Durch diese thatsächliche Widerlegung hat die Sache an ihrer Bedeutung verloren, aber an Lächerlichkeit gewonnen. Man wird in Ungarn es uns hoch anrechnen müssen, daß wir das Ereigniß von dieser Seite betrachten.. Denn andererseits müßte uns ja die bitterste Entrüstung überkommen, daß, nach so vielen Jahrhunderten der Aufklärung, einer Religion und den friedlichsten Mitbewohnern eine solche Schmach aüfgebürdet werden darf, ohne daß alle Mitglieder des Hauses sich dagegen erheben. Allerdings haben sich der Präsident des Hauses, der Ministerpräsident und der Justizminister, in würdigster Weise benommen, aber die übrigen Mitglieder des Hauses haben ihre Schuldigkeit nicht gethan. Wir werden uns in unsrem Berichte kurz fassen können. Schonin der Sitzung vorher hatte der Abg. Onody das GeschichtcheU vorgetragen und den Fall der Aufmerksamkeit des Justizministers empfohlen. Der Schächter Schwarz habe ein christliches Dienstmädchen in die Synagoge gelockt, geknebelt und getödtet, um das Blut zu den Osterkuchen der orthodoxen Juden zu vertheilen.' In der Sitzung vom 25. nun nahm Jstoczy das Wort, las einen Brief vor, dessen Unterschrift er allerdings nicht nennen wollte, ebenso Mate aus Rohlings berüchtigter Schrift, beschuldigte die betr. Gerichte als nachlässig und der Bestechlichkeit zugänglich. Der Präsident ermahnte ihn, nicht fortzusahren, weil eine solche im Abgeordnetenhause vorgetragene Anschuldigung leicht die traurigsten Folgen haben könne. Dies hielt jedoch jenen blödsinnigen Fanatiker nicht ab, eine Interpellation zu stellen, die der Ministerpräsident Tisza sofort beantwortete. Er erklärte zuerst, daß es unstatthaft sei, von einer Rasse oder Confession in unsrem Vaterlande zu sagen, daß sie niedrig sei, und volle Verachtung verdiene. Er verurtheilte ferner, eine in gerichtlicher Untersuchung befindliche Sache als erwiesen auszugeben. Weder er noch der Justizminister wisse etwas davon. Schuldige würden gerichtlich strengstens bestraft. Er würde aber jede anderweitige Ausschreitung mit derselben Strenge verfolgen. In gleichem Sinne sprach der Justizminister Pauler. Beide erhielten die Zustimmung des Hauses. Der Führer der äußersten Linken Jranyi. erhob sich zu einer anderen Interpellation, und gab. seiner „tiefen Entrüstung" über die Verfolgungen der Juden in Rußland und die energielose Haltung der Behörden daselbst beredten Ausdruck. Er verlangt von der ungarischen Regierung die strengste Aufmerksamkeit gegen alle Versuche, das Volk zu Ausschreitungen zu verleiten und noch mehr,