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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-05-30 · Heft 22 (30.5.1882) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 22 (30.5.1882)
Date
1882-05-30
Page
Seite 359 (sequence 7)
Language
German
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Deutschland. Berlin, 15! Mai. Der Ausschuß des deutsch-israelit. Gemeindebundes hat folgende Ansprache an die Gemeinden versandt (Vgl. unsere Leitart. in Nr. 20.): Am 5. Juni d. I. findet im gesammten deutschen Vaterlande die von der Reichsregierung angeordnete Berufszählung statt. Jeder Bürger ist verpflichtet, durch wahrheitsgemäße, correcte und kläre Angaben dazu beizutragen, daß ein möglichst treues Bild von dem Erwerbs- und Berufsleben des deutschen Volkes gewonnen werde. Wir Juden haben hierbei noch eine besondere Verpflichtung und ein besonderes Interesse. Es gilt, der Verdächtigung entgegenzutreten, als ob der Sinn für die sogenannten productiven Berufsarten, die Liebe zum Handwerk, zur Landwirthschaft und den technischen Gewerben in jüdischen Kreisen gänzlich erstorben sei. Nichts kann verkehrter sein, als die Anschauung, daß der Jude durch seine natürlichen Anlagen und Neigungen oder gar durch die Lehren seiner Religion von diesen nützlichen Beschäftigungen abgezogen und vorwiegend, auf den Handel hingewiesen werde. Wer vielmehr das Judenthum, undseine Geschichte kennt, weiß, daß die Juden, ursprünglich ein ackerbau- und gewerbetreibendes Volk, erst durch die Noth der Zeit, durch die Unduldsamkeit ihrer Gegner, durch grausame Verfolgungen und harte Ausnahmsgesetze, ganz gegen ihre Neigung und Gewöhn heiten, gegen Lehre und Beispiel ihrer angesehensten Führer, in eine einseitig kommerzielle Bahn hineivgedrängt worden sind. Wie hoch die Juden des Alterthums und des Mittelalters die Würde und den Segen der Arbeit schätzten, wie gesund sie über des Handwerks goldenen Boden dachten und wie fleißig sie ihn bebauten — während die Völker rings um sie her . das Handwerk, verachteten — davon zeugen unzählige Stellen des jüdische Schriftthums, wahre Perlen ökonomischer und ethischer Weisheit. Die hervorragendsten Lehrer des Judenthums — ein Hillel, ein R. Akiba, ein R. Josua ben Chananja, ein R. Jochanan und viele Andere — waren Handwerker; sie verschmähten es nicht, neben ihren ernsten Studien das ehrsame Handwerk eines Schneiders, Schusters, Schmiedes, Töpfers, Bäckers u. dgl. zu betreiben, und sie rühmten sich gern ihrer Berufsarbeit. Diese Vorliebe für das Handwerk hat sich bei den Juden überall da erhalten, wo sie sich freier bewegen konnten und nicht durch exclusive Gesetze, Zunft- und Trennungsregeln zwangsweise von solchen Beschäftigungen ferngehalten wurden. Und so fehlt es auch unter den deutschen Juden, so sehr hier auch die Folgen der früheren Ausschließung noch fortwirken, nicht an wackeren Männern, die ein ehrliches Handwerk mit Erfolg erlernt und ihre Existenz darauf begründet haben. Kaum waren in Deutschland die confessionellen Schranken gefallen und den Juden der Zugang zu den verschiedensten Berufsarten eröffnet, als sich auch schon eifrige Bestrebungen für Förderung des Handwerks in jüdischen Kreisen regten. Und diese Bestrebungen sind schon bisher nicht ohne Frucht geblieben. Die' bevorstehende Zählung wird dies darthun, wenn nur — und darauf kommt es an — jeder Jude, der ein Handwerk er-- lernt hat und einen handwerksmäßigen Beruf betreibt, nicht unterläßt, dies der Wahrheit gemäß ohne jede Umschreibung und Abschwächung in die Listen einzuzeichyen. Falsche Scham, Eitelkeit und die leider in unserer Zeit so weit verbreitete Sucht zu glänzen und sich über seinen Stand erheben zu wollen, verleiten Manchen, der ein Handwerk betreibt, nebenbei. aber ein offenes Geschäft führt, sich lieber für einen Kaufmann, als für einen Handwerker auszugeben, .sein Handwerk nach Möglichkeit zu verbergen und mit allerlei fremd und pomphaft klingenden Namen (marchaud taüleur, Kleidermagazin, Schuhwaarenfabrik, Bazar u. dergl.) zu drapiren. An alle Glaubensgenossen, die es angeht, fei hiermit die dringende Mahnung gerichtet, sich bei der bevorstehenden Zählung ihres eigentlichen Berufs zu erinnern und der Wahrheit die Ehre zu geben. Der Handwerker halte sein Handwerk hoch! Nur wer sich selbst und seine Arbeit achtet, hat Anspruch auf die Achtung seiner Mitbürger! Wenn alle jüdischen Handwerker diese Mahnung beherzigen, so werden sie damit nicht nur ihre Pflicht gegen das Gesetz und das Vaterland erfüllen, sondern auch der Sache des Judenthums dienen , indem sie Zeugniß oblegen für das Handwerk unter den. Juden. Die jüdischen Gemeindevorsteher, die Herren Rabbiner, Prediger und Lehrer, sowie Alle, die für die jüdische Sache fühlen und wirken, werden gebeten, ihren, Einfluß in dieser Richtung in Wort und Schrift geltend zu machen. Es handelt sich um einen wahrhaften Kiddusch ha-schem! Berlin, 16. Mai. Die Anregungen von hier aus sind jetzt energischer, als sie bis jetzt gewesen. Das Berliner Comitö für die russischen Juden, das unter der Leitung des Justizraths Lesse und des Sanitätsraths 1)r! Neumann neben dem hier domizilirenden deutschen Central -Comito fungirt, erläßt folgendes Rundschreiben, welchem dem Ausschuß des deutsch-isr. Gemeindebundes unter Vorsitz .des Geh. Sanitätsraths vr. Kristeller einen Mahnruf hinzufügte. Jenes lautet: „Die Delegirten-Bersammlung der deutschen und ausländischen Hilfscomitös für die nothleidenden russischen Juden hat ein in. Berlin zu bildendes Comitö (Deutsches Centralcomits) mit der continentalen Expedition der russischen Flüchtlinge, das Londoner und das New-Parker Comitä. aber mit der Unterbringung der Auswanderer, in transatlantischen Ländern m

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