Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1882)
- Date
- 1882-05-30
- Page
- Seite 358 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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toetut z. B Rußland von seinen 3*/2 Millionen Juden an Deutschland 428,000abgeben soll, so muß dagegen Deutschland, das auf jedem Quadrat-Kilometer '831/2 Einwohner zählt, an Rußland, das nur 1-5 Bewohner aus dem Quadrat- Kilometer hat, eine große Anzahl Deutscher zur Ausgleichung abgeben. Nein! das ist statistische Phantasterei! Die Frage der Einwanderung hängt von der Dichtigkeit der Bevölkerung, von der ^rtragsfähigkeit dss Bodens und vpn. hem Stande der Industrie ab. Wenn z. B. Deutschland jährlich Hunderttausende von seinen Kindern, Christen wie Juden, nach anderen Ländern ziehen sieht, wie soll es mit einem Male eine halbe Million- Juden aufnehmen, nur weil es keine 2 Proc., die eingebildete Normalzahl, hat? Dabei läßt er Spanien und Portugal, von denen das erstere so gut wie gar. keine Juden enthält, außerhalb der Berechnung. Führwahr, das europäische Rußland mit seinen 15 Bewohnern auf dem Quadrat-Kilometer kann sicherlich keine 2 Millionen entbehren. Die Schwierigkeit liegt dort ja gar nicht in der Ueberzahl der Juden, sondern darin, daß man sie in gewissen Provinzen zusammenpfercht und darin," daß man sie durch zahllose Ausnahmegesetze und Bedrückungen 'in eine Ausnahmestellung hineindrängt und zu' besonderen Gewerbsthätigkeiten zwingt. Würde'man sich dort entschließen, den Juden Freizügigkeit und Gleichberechtigung zu gewähren, so würden sie sich über das ganze Reich vertheilen und allen Unterthanen gleich werden. Es würde dann eine Auswanderung derselben, die Rußland selbst nur schädigt, nicht nothwendig. Kommen wir nun zum eigentlichen Kern , zur Frage der Auswanderung nach Amerika. .. Mit welchem Rechte, fragen wir den Verfasser des Flugblattes, schließt er die Vereinigten Staaten aus dem ganzen Amerika aus und schlägt sie Europa zu? Canada, Mexico, Brasilien und die anderen.Staaten Central- und Südamerikas fiitb doch auch da, nehmen auch flüchtige Juden auf, und einige derselben haben sogar deshalb schon Anträge an die Hülfs - Comitas gestellt, _ja eine Anzahl von Flüchtlingen hat bereits dahin die Richtung genommen. Ganz Amerika mit seinen 95 Millionen Bewohnern hat noch, immer erft 21/2 Menschen auf jedem Quadrat-Kilometer und kann deshalb noch unermeßliche Einwanderung vertragen. Auf diesen Welttheil eine europäische Normalzahl anzuwenden und daraus den Maßstab der Einwanderung, entnehmen, ist sicherlich ein sonderbarer Einfall eines Statistikers! Und nun die Vereinigten Staaten selbst. Trotz ihrer 50 Millionen Einwohner, trotz der ungeheuren Einwanderung und der dadurch verursachten schnellen Vermehrung der Bevölkerung, zählt dieses Land gegenwärtig immer noch erst — 5 Einwohner' auf jeden Quadrat-Kilometer, (nämlich rund 50 Millionen auf 9,272,449 Quadrat - Kilometer,) also nur ein -Drittel von Rußland und nur ein Siebzehntel, von Deutschland!- Und > da will der Vers, die Zahl der einwandernden Juden nach einer eingebildeten Normalzähl überhaupt einschränken und die Hülfs - Comitös ermahnen, die Einwanderung der flüchtigen Juden nach Ländern zu leiten, die an Uebervölkerung leiden, was für diese durch die stets wachsende Auswanderung faktisch, erwiesen ist. . Selbst der negatibe Rath, die Auswanderung nicht nach Galizien und Rumänien zu leiten, ist mindestens 'überflüssigdeNn aus Rumänien wollen die dortigen Juden hinaus und in Galizien mußte man auswanderungslustige einheimische Juden aus den Reihen der Flüchtlinge sondern.. Auch an diesem Beispiele lerne man die Statistik nur vorsichtig änzuwenden. Neuere mchtige Nachrichten. .Paris, 20. Mai. Gestern constituirte sich auch hier ein Comits zur Unterstützung der russischen Juden; unter den Mitgliedern befinden sich außer mehreren Bankiers drei jüdische Universitäts-Professoren,' mehrere jüdische Akademiemitglieder, Generale und Oberste. .. „ Petersburg, 16. Mai. Die Folgen der Judenaustreibung treten in Rußland von Tage zu Tage stärker hervor. Ein Privattelegramm aus Petersburgwelches natürlich bis zur Grenze brieflich, befördert ist, meldet darüber: „Die Kiew'sche Communalbank forderten Folge des rapiden Sinkens des Werthes der Häuser die Rückzahlung von 10 Prozent des belehnten Betrages und künftig pünktlichere Zinsenzahlung. Die Hausbesitzer bleiben ' nach der Vertreibung der Juden ohne Miether, viele unter' ihnen befinden sich sogar' in so schlimmer Lage, daß sie aller Existeuzmittel entbehren. Die Banken protestiren täglich Wechsel und Häuser kommen in ganzen Partien unter den Hammer. Die Bautätigkeit ist vollständig sistirt, und Baumaterialien stark im Preise gesunken, so Balken um 40. Prozent, Ziegel pro Tausend um 10 Rubel. Biele Waldbesitzer und Ziegeleifabrikanten möchten ihren Besitz gern mit 50 Prozent Verlust veräußern. In Jekaterinoslaw beträgt in Folge der Panik die Entwerthung aller Immobilien .33 Prozent, in Wilna 25 Prozent, in Oliviotzol 40 Prozent, , ebensoviel in Metitopoh Von allen Seiten laufen Berichte ein über den schlechten Geschäftsgang und den mangelhaften Eingang der Gelder. ' Die Zwischenhändler, beklagen Tausende stiller Insolvenzen der kleinen Händler in den Dörfern. Der Preis des Goldes steigt enorm, da viele Kapitalisten und adlige Besitzer ihre Werthpapiere realisiren, und ihre Gelder meist im Aus lande und in der Reichsbank deponiren, wenn sie bei dieser Operation auch fast 75 Prozent des .Zinserträgnisses einbüßen." Eydtkuhnen, 19. Mai. Die Altstadt^von Kowno steh seit Donnerstag Mittag in Flammen. Bis gestern waren 100 Häuser vernichtet. r .