Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1882)
- Date
- 1882-05-30
- Page
- Seite 357 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nachdem wir Obiges geschrieben, kommt aus'Petersburg folgende Nachricht-vom 16. Mai: „Gestern Nachmittag wurden die Redakteure aller Petersburger Blätter zum Chef der Preßverwaltung Fürsten Wjasemsky beschieden, welcher ihnen eröffnete, daß Graf Jgnatiew streng verbieten ließe, irgend etwas über Judenverfolgungen in den Blättern zu veröffentlichen und überhaupt fernerhin über die Juden zu schreiben , ob für oder wider, weil das die Aufregung vermehre. Auf die Frage, ob auch der Nachdruck solcher Artikel aus anderen russischen (Provinz-)-Blättern untersagt sei, entgegnen Wjasemsky:. Das Circular des Ministers verbietet einfür allemal, diesen Gegenstand zu berühren; 'weder ausländischen noch inländischen Plättern darf darauf Bezügliches entnommen werden. Jedenfalls wird der Provinzialpresse dasselbe Verbot zugehen, sonst dürfte der angestrebte Zweck doch nicht erreicht werden." Die russische Presse wird also über die Angelegenheiten der Juden von beiden Seiten völlig verstummen, und die Opposition, welche die drei oben angeführten Zeitungen dem Grafen Jgnatiew machten, wird vorläufig unterdrückt sein. Daß deshalb die Nachrichten aus Rußland dem Auslande nicht vorenthalten bleiben werden, ist voraussichlich. Augenblicklich aber .beweist obiger Vorgang, daß alle Gerüchte über die erschütterte Stellung Jngatiew's bis jetzt noch unrichtig sind. Befindet er sich aber noch im Vollbesitz feiner Macht, wenn er zu solchen Maßregeln greift? Die Äuswanderungsfrage und die Statistik. Es ist unter den gegenwärtigen Umständen sehr natürlich, daß die Auswanderung der Juden aus Rußland das allgemeinste Interesse erregt und die Gedanken vieler Köpfe in Thätigkeit setzt. Man will den unglücklichen Flüchtlingen helfen und zwar in dauernder. Weise; man will den Strom in passende Bette und Canäle leiten; man will den gebotenen Hülfsmitteln die zweckmäßigste Verwendung gegeben wissen. Da kamen denn auch viele eigenthümliche Ansichten zum Vorschein, und kleiden diese sich in ein wissenschaftliches Gewand, so kann man nicht stillschweigend an ihnen vorübergehen, noch dazu, wenn sie anderweitig interessante Momente enthalten. So 'kam uns aus Pest ein Flugblatt zu, das wahrscheinlich auch in einer dortigen Zeitung, veröffentlicht worden und, wie es scheint von einem gewiegten Statistiker herrührt. Statistisch ist der Inhalt. Nun ist die Statistik eine unentbehrliche Hülsswissenschaft geworden, welche auf allen Gebieten des Lebens ein sehr schätzbares Material liefert. - Man kennt ja das alte Wort: Zahlen sprechen, oder gar beweisen. In dieser Sprache oder Beweisführung der Zahlen liegt aber die Gefahr. Es kommt nämlich dabei Alles auf die Combination, auf den Gedanken an, für welchen die Zahlen benutzt und zusammengestellt werden. Dieser Gedanke, diese Combination kann sehr irrthümlich sein und dann ist der Zahlenbeweis gleichermaßen falsch. In diesem Lichte erscheint uns der Inhalt des Flugblattes. Es stellt die Gesammtbevölkerung Europas und der einzelnen europäischen Länder sowie die Zahl der daselbst ansässigen Juden zusammen. Aus rund 316 Millionen rund 6 Millionen Juden, das ist 2 Proc. Diese 2 Ptvc. stellt es nun als „Normalzahl" auf, und zieht daraus den Schluß, daß in Rußland, Galizien, Ungarn und Rumänien zu viel Juden wohnen, weil sie daselbst die 2 Proc. überschreiten, daß dagegen in allen anderen europäischen Ländern und. in den Vereinigten Staaten zu wenig Juden wohnen, weil sie daselbst die 2 Proc. nicht erreichen. Es heißt da: ' Ohne die normale 2 Proc. zu überschreiten, könnten Frankreich noch 689,000, England 636,000, Italien 528,000, Deutschland 428,000, u. s. w., laut nachfolgender Tabelle, Schutz gewähren. Die Vereinigten Staaten, sagt es ferner, zählen bereits unter» 50y2 Millionen Einwohnern 230,000 Juden, „daher es zum Normalsatz von 2 Proc. nur noch 780,000 freundlich begrüßen möchte." Es zieht daraus den Schluß: „Esist daher Pflicht der Hilfscomites, auch dahin zu wirken, das in denjenigen Ländern, die nur einen kleinen Procentsatz von Juden haben, die von Rußland barbarisch vertriebenen ebenfalls Aufnahme finden." „Galizien, ^Ungarn und Rumänien jedoch müssen darauf Acht haben, daß ihr Procentsatz , der ohnehin auf's Doppelte erhöht ist, sich nicht noch steigere, da nicht allein der Zuwachs schwer unter zu bringen wäre, sondern auch die Ruhe der friedlich in diesen Ländern wohnenden jüdischen Patrioten gefährdet werden könnte." - Man sieht hieraus, zu welchen sonderbaren Schlüssen derjenige kommt, der sich einseitig in eine spezielle Wissenschaft verrannt hat, oder, um es bestimmter zu sagen, der nichts als Zahlenstatistiker ist! Man könnte den Verf. zunächst damit beruhigen, daß es noch weit hin ist, bis die Hülfs- Comitös 780,000 Juden aus Rußland nach den Bereinigten Staaten gebracht haben werden. Allein seine ganze Grundlage ist durchaus irrig. Was berechtigt ihn, die 2 Proc., welche durch die Zufälligkeit der Geschichte in Europa wohnen,/ als eine Normalzahl zuerst für die.ganze Welt — denn er wendet sie auch auf Amerika an — dann für die einzelnen europäischen Länder aufzustellen, in welchen genau die Zahl der Juden bis zu feinem Normalprocentsatz vertheilt werden soll? Das ist eine mechanische Auffassung der Bevölkerungszahlen, die aller gesunden Anschauung widerspricht. Nach diesem Grundsatz müßte die ganze europäische Bevölkerung in Bewegung gesetzt werden, um nach gleichem Zahlenprocent auf die verschiedenen Länder vertheilt zu werden. Denn